Eine Vitrine mit jahrhundertealten Lehrbüchern, darunter das 1651 erschienene Traktat zur "Melancholia" von Malachias Geiger. Dahinter Stiche, die etwa die Kunst des Chirurgen und des Pharmazeuten zeigen.
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Eine Vitrine mit jahrhundertealten Lehrbüchern, darunter das 1651 erschienene Traktat zur "Melancholia" von Malachias Geiger. Dahinter Stiche, die etwa die Kunst des Chirurgen und des Pharmazeuten zeigen.

Die Kunst der Medizin im Wandel der Zeit

  • Thomas Brückner
    vonThomas Brückner
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Als um Weihnachten erste Berichte über das neu- artige Virus Covid-19 erschienen, stand für Trautel Wellenkötter fest: "Was mit Medizin soll es dieses Jahr sein." Die 77-Jährige betreut seit 1997 die Schlossbibliothek Laubach, hat bisher schon zwanzig Sonderausstellungen konzipiert. Unbedingt sehenswert auch die neue Schau: "Was Arzneien nicht heilen, heilt das Messer - Die Kunst der Medizin im Wandel der Zeiten".

Fester Bestandteil im Kulturkalender der Region sind die jeweils im Frühjahr eröffneten Jahresausstellungen der Schlossbibliothek Laubach. Deren Leiterin, Trautel Wellenkötter, investiert dafür stets eine Menge Herzblut. Nicht zuletzt für die Suche nach den zum jeweiligen Thema passenden Werken. Nicht anders dieses Mal, da es - passend zu den "besonderen Umständen" - um die Kunst der Medizin im Wandel der Zeiten geht.

Passend, zumal es viele Parallelen zu Epidemien vergangener Zeiten gibt. Weiß man doch auch heute - nicht anders als bei der Pest oder den Pocken - nur wenig über die Ursachen der Pandemie.

Beim Rundgang durch die Ausstellung mit ihren jahrhundertealten Bänden fallen die teils drastischen Abbildungen auf. Angesichts der von Kuhpocken entstellten Gesichter und im Wissen um die Qualität unseres Gesundheitssystems muss man Burkhard Wellenkötter bedingungslos zustimmen: "Ein Glück, heute zu leben."

Gibt es einen Gesprächsstoff, der Sinne und Verstand der Menschen mehr beschäftigt als ihre Gesundheit? Eine eher rhetorische Frage schicken die Eheleute Wellenkötter ihrer Einführung in die neue Ausstellung voraus. Und weiter: "Eine Flut von Büchern, Ton- und Bildträgern zeugt von der affektiven Bedeutung des Themas, macht aber auch Grenzen sichtbar. Siechtum und Tod lassen sich nicht endgültig verdrängen, auch wenn sie heute viel stärker tabuisiert werden.

Krankheiten, der menschliche Körper stellen von jeher, besonders aber seit der Neuzeit, ein natürliches Forschungsgebiet für die ›Jünger des Hippokrates‹ dar. Im auf umfassende Bildung bedachten Mikrokosmos des kleinen Territoriums Solms-Laubach war man früh bemüht, Medizinliteratur in die Bestände der gräflichen Bibliothek aufzunehmen. Die ersten Werke entstammen so dem frühen 16. Jahrhundert.

Berühmte Ärzte und ihre Erkenntnisse präsentieren sich dem Besucher. Da stehen die Werke der ältesten im Abendland bekannten Ärzte, meist in das Lateinische übersetzt.

Galens ›Vier-Säfte-Lehre‹ wurde noch Anfang des 19. Jahrhunderts ›ernstgenommen‹. Und Hippokrates, der als Vorbild gilt wegen des Eides, aber auch, weil er bereits Erfahrungswissen und vorurteilsfreie Herangehensweise über Dogmatik stellte.

Eine ganze Galerie weiterer berühmter Mediziner wird aufgefahren, jeder steht für eine Neuerung: die ›Opera Omnia‹ des Paracelsus (›alles ist Gift…‹), Vesalius (Sektionen) oder ›Dr. Tulp‹, den Rembrandt auf seinem Gemälde anatomische Studien treiben lässt.

Ein Kupferstich, der den Leser Zeuge sein lässt einer (lange als Gotteslästerung geschmähten) Zergliederung eines Leichnams, offenbart, wie sich die Menschen entsetzt abwenden. Man meint aber auch den Erkenntnisschauder zu verspüren, der einige Wissbegierige ergriffen hat.

Wer sich heute fürchtet vor einer OP oder dem Skalpell, möge die chirurgischen Werkzeuge aus alter Zeit bestaunen: Ärztliche Kunst und Folter existierten lange nebeneinander, und so deutlich mag der Unterschied für den Patienten nicht gewesen sein. Dass es oft Schussverletzungen waren, die Ärzte so gut es ging heilen mussten, rührt von der Tatsache des Krieges her, der über Jahrhunderte Alltag war.

Im nächsten Raum hat die Bibliothekarin einige Vitrinen dem Thema Frauen(-medizin) eingeräumt: ›Ob die Weiber Menschen sind‹ bestimmte noch um 1800 allen Ernstes die Geschlechterdebatten. Das Skelett einer Frau zu zeigen, schien daher legitim und notwendig. Schwangerschaft und Entbindung, natürlich oder per Kaiserschnitt (der meist zum Tod der Frau führte, weshalb man ihn bei Jüngeren abriet), überhaupt das Innere einer Gebärenden, das musste erst einmal bekannt werden.

Noch Mitte des 19. Jahrhunderts waren Kindbettfieber und -tod nicht selten, und es bedurfte der ganzen Energie des Arztes Semmelweis, seine Kollegen davon zu überzeugen, dass dafür ihre mangelhafte Hygiene verantwortlich war. Sie glaubten ihm nicht und sperrten ihn in die Irrenanstalt, wo er unter ungeklärten Umständen starb.

Kleidung und Mode(-torheiten) waren der Gesundheit der Frauen in der Mittel- und Oberschicht oft geradezu abträglich. Allzu dünne Stoffe trugen zu rascher Erkrankung bei, ebenso wie mörderische Schnürung für eine ›Wespentaille‹. Abbildungen aus dem ›Journal des Luxus und der Moden‹ verdeutlichen es. Überhaupt haben Krankheiten ihre Konjunktur: Seuchen wie Pest, Cholera und Aussatz (Lepra) sind überwunden in unseren Breitengraden, dagegen sterben viele an Bluthochdruck und Herzinfarkt.

Wie hat man geheilt? Pestbücher etwa füllten ganze Regale, aber letztlich war man - mit Kampfer, Essig und Räucherwerk - hilflos, da der Erreger noch nicht entdeckt war. Die Syphilis behandelte man mit Quecksilber und Arsen, die Kollateralschäden nahm man in Kauf. Destillierte Kräuter waren eher wirkungslos. Einen ganzen Garten der Gesundheit kann man beim Blick in die prächtig kolorierten Kräuterbücher beschreiten. Einige der mächtigen Folianten stammen aus dem 15. Jahrhundert.

Am Ende steht der Tod: Früher gab es eine ›Ars Moriendi‹, eine ›Kunst des (richtigen) Sterbens‹, und was die Bestattung anlangt, so lässt der endlos anmutende Trauerzug bei der Beerdigung des Landgrafen Moritz von Hessen erahnen, dass es einmal eine Begräbniskultur gab, die heute fast verschwunden ist: Einäscherung, anonyme Bestattung, sang- und klangloses Auseinandergehen sind fast schon die Regel."

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