Kündigung - und dann folgt Stress

  • Rüdiger Soßdorf
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Ein leitender Angestellter kündigt den Job. Der Arbeitgeber hält dagegen. Es geht um reichlich Geld, die Abwerbung von Mitarbeitern und Betrugsvorwürfe.

Rund 200 000 Euro Schadensersatz. Diese stolze Summe stand im Raum, als das Arbeitsgericht Gießen gestern eine fristlose Kündigung verhandelte. 200 000 Euro, die ein IT-Unternehmen aus dem Norden der Republik gegenüber einem früheren leitenden Mitarbeiter geltend machen will. Denn die Klage des einstigen Angestellten, der mit Prokura ausgestattet war, gegen seine fristlose Kündigung ist nur der Anfang einer überaus komplexen Angelegenheit.

Der Mann, wohnhaft im Kreis Gießen, war 2016 sehr früh zu dem damals neu gegründeten, stark expandierenden Unternehmen gestoßen, verdiente dort gut in der Größenordnung von 150 000 Euro brutto im Jahr. Doch er kündigte Anfang 2020. Und mit ihm 26 weitere Mitarbeiter, alle mit ähnlich lautenden Schreiben. Wohl, um zu einem direkten Mitbewerber zu wechseln. Daraufhin sprach das Unternehmen seinerseits eine fristloser Kündigung aus - und drehte offensichtlich den Spieß um.

Die Firma erhebt heute gegenüber dem einstigen leitenden Angestellten eine ganze Reihe von Vorwürfen, die nun vorm Arbeitsgericht erörtert wurden. Dies, ohne dass derweil deren Richtigkeit durch Zeugenaussagen oder ähnliches bislang überprüft wurde. Aber auch die Staatsanwaltschaft in Hamburg schaut mutmaßlich mit Interesse auf Gießen angesichts dort vorliegender Strafanzeigen. Neben dem Vorwurf, 26 Mitarbeiter quasi abzuwerben, geht es in dem Streit auch um die Einstellung des eigenen, heute 60-jährigen Vaters. Der Prokurist hatte den Senior, einen gelernten Kfz-Meister, als Consultant zu einem Jahresgehalt von 30 000 Euro auf der Mitarbeiterliste, ohne dass es irgendwelche Belege für dessen Qualifikation im IT-Bereich gibt oder dass dessen Arbeitsleistungen auf dem Tisch lagen. Sagt jedenfalls der Ex-Arbeitgeber.

Selbst die Arbeitszeiterfassung dieses »Beraters« lief über den Mail-Account von dessen Tochter. Von dem Herrn selbst gibt es, so der Vorwurf des Unternehmens, keine einzige dienstliche Mail; geschweige denn Unterlagen über erbrachte Leistungen. »Ein Phantom«, mutmaßt der Gießener Arbeitsrichter. »Stimmt so nicht«, wehrt sich der Sohn, der geschasste Prokurist. Sehr wohl habe der Vater geringfügige Tätigkeiten erbracht, wenn auch keine IT-Dienstleistungen. Relevante Daten habe er nie per Mail übermittelt, sondern nur auf dem USB-Stick persönlich übergeben.

Heftige Vorwürfe

Im Weiteren geht es um den Vorwurf des versuchten Betrugs wegen Rechnungsstellungen für nie erteilte Aufträge sowie um den Vorwurf des Spesenbetrugs. In der Größenordnung von 6000 bis 7000 Euro soll der Ex-Prokurist Dienstreisen abgerechnet haben, dazu Restaurantbesuche oder Konzertkarten. Der frühere Arbeitgeber hat die angeblich bewirteten Gäste kontaktiert - und angeblich kann sich keiner erinnern. Pikant dabei der Vorwurf: Der Mann soll sogar die Bewerbungsgespräche bei seinem neuen Arbeitgeber auf die Spesenrechnung des nun ebenfalls klagenden früheren Arbeitgebers gesetzt haben. Nicht zuletzt steht die unberechtigte Beauftragung und Bezahlung von Headhuntern im Raum, um Mitarbeiter zu akquirieren. 150 000 Euro Honorar sollen da geflossen sein. Die werden ebenfalls zurückgefordert, weil das Einschalten von Personalvermittlungsagenturen von der Geschäftsleitung untersagt gewesen sei. In Summe macht der frühere Arbeitgeber deshalb den sechsstelligen Betrag geltend.

Vergleichsvorschlag des Arbeitsgerichts: Der fristlos gekündigte Prokurist erhält eine ordentliche Kündigung und zahlt seinerseits rund 45 000 Euro an die alte Firma, um deren Schadensersatzansprüche unwiderruflich abzugelten.

Die beteiligten Parteien haben bis Ende Februar Zeit, sich dazu zu äußern. Kommt es nicht zum Vergleich, wird im Mai weiter verhandelt.

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