In der Wolke ist die Freiheit grenzenlos: Online-Lesung mit dem Heuchelheimer Autor Daniel Schneider (rechts). VHS-Leiter Torsten Denker moderiert.. FOTO: US
+
In der Wolke ist die Freiheit grenzenlos: Online-Lesung mit dem Heuchelheimer Autor Daniel Schneider (rechts). VHS-Leiter Torsten Denker moderiert.. FOTO: US

E-Learning

Kreisvolkshochschule nutzt Chance in der Krise

  • Ursula Sommerlad
    vonUrsula Sommerlad
    schließen

Not macht erfinderisch. Das gilt auch für die Erwachsenenbildung. Weil ihre Kurse vorerst nicht stattfinden können, setzt die Volkshochschule auf digitale Angebote. Lernen wir künftig alle in der Cloud?

Der Kurs "Entspannen mit Autogenem Training" der Kreisvolkshochschule scheint nicht gerade ein Renner zu sein. Gerade mal zwei Teilnehmer sind dafür aktuell gemeldet. Doch er findet trotzdem statt, denn bei dem Angebot mit der Buchungsnummer C 0430014 handelt es sich um einen Onlinekurs. Alle Übungen stehen als Download-Datei bereit und lassen sich über eine App am Handy oder einen MP3-Player jederzeit abspielen.

Mit E-Learning experimentieren die Volkshochschulen schon länger. Doch bislang führten solche Formate eher ein Nischendasein. Das könnte sich in Zeiten von Corona ändern. Aktuell hat die Kreisvolkshochschule ihr Angebot bis zum 19. April auf Eis gelegt; wie es danach weiter geht, ist völlig offen. E-Learning ist in dieser Situation eine Option. Bis zu den Osterferien will das Team der VHS im Landkreis Gießen geklärt haben, welche Kurse online laufen können. VHS-Leiter Torsten Denker denkt positiv: "Die Krise kann ein Motor sein, um neue Prozesse voranzubringen".

In der Tat: Wenn die gesundheitlichen Bedrohungen und die wirtschaftlichen Schäden nicht wären, dann könnte der Shutdown für Pädagogen eine hochinteressante Zeit sein. Wie verändern sich Begegnungen, wenn sie online stattfinden? - diese Frage findet Denker "wirklich spannend". Der VHS-Chef hat in dieser Hinsicht selbst viel dazu gelernt. Vor einigen Tagen haben die Leitungen von rund 30 hessischen Volkshochschulen in einer virtuellen Konferenz die aktuelle Lage beraten. Getroffen haben sie sich in der vhs-Cloud, der Lernplattform der deutschen Volkshochschulen. Dort ist vieles möglich: referieren, beraten, Informationen und Materialen austauschen.

Neue Strukturen

"Wir lernen gerade, wie das funktioniert", erzählt Denker. Seine ersten Erfahrungen: "Es dauert länger", nicht zuletzt, weil die Technik nicht immer so funktioniert, wie sie soll. Aber auch, weil man sich neue Strukturen auferlegen muss. Wenn die persönliche Begegnung fehle, brauche man eine geregelte Moderation.

Wer die Webseite der Kreisvolkshochschule anklickt, findet momentan an prominenter Stelle den Hinweis auf vhs@home mit sämtlichen bereits existierenden Angeboten fürs Lernen zu Hause. Die meisten findet man im Bereich "Arbeit, Beruf, Technik", denn hier gab es schon vor Corona Zielgruppen, die unabhängig von physischer Präsenz lernen und berufliche Qualifikationen erwerben wollten. Menschen im Schichtdienst, nennt Denker als Beispiel. Eltern in Elternzeit, die wegen der Betreuung der Kinder nicht jederzeit von zu Hause weg können. Oder Leute, die viel unterwegs sind. Für sie wurden schon in der Vergangenheit die modular aufgebauten Business-XPert-Zertifikatslehrgänge als Live-Webinare angeboten. Der kaufmännische Bereich dominierte. Aber warum sollte, was für Finanzbuchführung oder betriebliche Steuerpraxis funktioniert, nicht auch für Fitness-Gymnastik oder einen Spanischkurs genutzt werden?

Mittlerweile liegen erste Erfahrungen vor. Ein Schwedischkurs ist online gegangen, vergangenen Donnerstag lief als Experiment eine Online-Lesung mit dem Heuchelheimer Autor Daniel Schneider. "Technisch hat alles geklappt", resümiert Denker. Und bislang seien es eher jüngere Teilnehmer, die solche Angebot wahrnehmen.

Umdenken müssen auch die Pädagogen. "Bildung hat viel mit Begegnung zu tun und mit dem direkten Gespräch", sagt Denker. Bislang habe man habe digitale Angebote vor allem als Anreicherung verstanden, also als Möglichkeit, die Qualität des analogen Angebots durch digitale Element zu verbessern. Nun aber gehe es um ganz neue Fragen: Wie kriegen wir Online-Kurse hin? Sind Leute bereit dafür? Und kann man dadurch auch neue Teilnehmerkreise ansprechen?

Die ersten Dozenten sind von Programmbereichsleiterin Martina Kuhn bereits in den vergangenen Tagen im Umgang mit der vhs-Cloud und ihren Funktionen geschult worden. Das war learning by doing, denn die Schulung lief über die Cloud. Auch wenn nicht immer gleich alles glatt laufe, sieht Kuhn die Online-Angebote die Chance in der Krise. "Wir können weiter machen, wir können was tun."

Torsten Denker blickt gleich noch ein Stück weiter nach vorn, in die Zeit nach der Krise. "Wir werden das, was wir jetzt lernen, auch später verwenden können." Die Cloud könne eine Lösung für die Distanz-Sensibilität sein, die für Volkshochschulen im ländlichen Raum eine wichtige Rolle spielt.

Denker konstruiert ein Beispiel. "Nehmen wir mal Japanisch B2. Wenn sich einer in Langgöns dafür interessiert, der Kurs aber in Laubach läuft, dann ist der Weg zu weit." Mit der neuen Technik aber werde man Angebote realisieren können, die bislang nicht möglich waren.

Der ersten Erfahrungen geben Anlass zu Optimismus. Am Ende der ersten Schulung hat Martina Kuhn die sechs Teilnehmenden, die alle zum Fachbereich Sprachen gehörten, gefragt, ob sie sich vorstellen könnten, ihre Kurse auch online anzubieten. Die Antwort fiel eindeutig aus: "Hundert Prozent ja.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare