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Wegen Unterschlagung muss sich ein Ausfahrer vor dem Gießener Amtsgericht verantworten. Der Prozess nimmt eine überraschende Wende.

Amtsgericht

Geschäftsführer beschuldigt Ausfahrer - und gerät selbst in Verdacht

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Ein Lebensmittelbetrieb aus dem Kreis Gießen wirft einem Fahrer vor, gut 30 000 Euro unterschlagen zu haben. Die Anzeige könnte für den Geschäftsführer nun ein Nachspiel haben.

Die Anklage ließ aufhorchen: Ein Mitarbeiter eines Lebensmittelunternehmens aus dem Kreis Gießen soll bei Lieferungen binnen acht Monaten gut 30 000 Euro unterschlagen haben. Das warf die spannende Frage auf, wie ihm das gelungen sein könnte - und warum sowohl sein Arbeitgeber als auch dessen Kunden über Monate offenbar keinen Verdacht geschöpft hatten. Der zweistündige Prozess vor dem Amtsgericht verlief am Mittwoch deutlich anders, als man es zu Beginn hätte erwarten können. Am Ende standen ein undurchsichtiges Dickicht aus Abrechnungen, Widersprüche und ein Freispruch. Der Geschäftsführer und einer seiner Brüder mussten sich unangenehme Fragen gefallen lassen. Die Anzeige gegen den einstigen Mitarbeiter könnte für das Unternehmen nun zum Bumerang werden.

Staatsanwältin Mareen Fischer listete anfangs penibel auf, an welchen Tagen der in Wetzlar wohnende Ausfahrer welche Summen unterschlagen haben soll. Insgesamt legte die Anklage ihm 43 Einzeltaten nur Last, es ging um Beträge zwischen 124 Euro und 2226 Euro im Zeitraum von März bis November 2018, insgesamt um 30 890 Euro.

Prozess um Unterschlagung: Angeklagter erhebt Vorwürfe

Diese Vorwürfe wollte der Angeklagte so nicht stehen lassen - und beschuldigte, teils über seine Anwältin, seinen Arbeitgeber: Er sei angewiesen worden, bei den Liefertouren mehr zu laden als erlaubt und nicht alle Einnahmen zu verbuchen. Schließlich habe ihn der Chef zu einem Gespräch gebeten, bei dem auch dessen Brüder dabei gewesen seien. Dann hätten sie ihm ein Schuldeingeständnis vorgelegt, verbunden mit der Drohung, er müsse es unterschreiben oder werde seinen Job verlieren. Dies, sagte der Angeklagte, habe er nicht unterzeichnet. Wie aber kommt seine Unterschrift auf das Dokument? Er habe sie im Streit auf einen Blanko-Zettel geschrieben. Was es mit der Unterschrift auf sich hat, ließ sich vor Gericht nicht im Detail klären.

Mehrfach brüteten die Prozessbeteiligten am Richterpult über Lieferlisten und Rechnungen. Sowohl dem Richter als auch der Staatsanwältin stand zunehmende Skepsis ins Gesicht geschrieben. Offenbar warfen die Dokumente bei genauer Betrachtung mehr Fragen auf, als sie beantworteten. Das galt auch für die Aussage des Geschäftsführers, der als Zeuge geladen war: Erstmals sei Anfang November aufgefallen, dass Einnahmen fehlen. Darauf angesprochen habe der Angeklagte von einem "Vorschuss" gesprochen. Der Geschäftsführer hatte einen dicken Ordner dabei und legte Dokumente vor, die aus seiner Sicht die Schuld des Angeklagten belegen sollten. Dieser habe darauf mit Tipp-Ex Beträge geändert.

Prozess um Unterschlagung: Widersprüchliche Aussagen

Doch wie wurden die Einnahmen des Fahrers im Betrieb im Detail verbucht? Laut Geschäftsführer geben die Fahrer Geld und unterschriebene Lieferscheine im Büro ab, einer der Brüder des Inhabers quittiere dies dann mit seinem Kürzel und unterschreibe auf der Lieferliste. Der Bruder gab dagegen an, dieser häufige Vermerk stamme nicht von ihm.

Wieder steckten die Beteiligten am Richterpult die Köpfe zusammen. "Sie unterschreiben doch nicht, wenn Sie kein Geld erhalten haben", hakte die Staatsanwältin nach. Dem Richter fiel auf, dass Rechnungsdaten teils nicht übereinstimmen, in mindestens einem Fall wurde offenbar eine Zahlung vor dem Lieferdatum verbucht. Und es taten sich weitere Ungereimtheiten auf: Bei der Polizei hatte der Geschäftsführer zu Protokoll gegeben, er habe den Angeklagten vor die Wahl gestellt: Kündigung oder Schuldeingeständnis. Vor Gericht dagegen bestritt er nun diese Aussage. Der Fall beschäftigt auch das Arbeitsgericht. Die Anwältin des früheren Fahrers hakte am Mittwoch nach, warum im dortigen Prozess von einer wesentlich höheren Schadenssumme die Rede gewesen sei. Der Geschäftsführer verwies auf Ansprüche gegenüber der Versicherung, ohne wirklich Klarheit zu bringen. Ebenfalls merkwürdig: Unterschriften, die angeblich vom Angeklagten stammen, sehen auf verschiedenen Dokumenten anscheinend sehr unterschiedlich aus.

Prozess um Unterschlagung: Überblick über Buchhaltung verloren?

Schließlich gab der Richter dem Geschäftsführer den Hinweis, dass er sich nicht selbst belasten müsse. "Ich empfehle Ihnen, keine weiteren Angaben zu machen", wandte sich auch die Staatsanwältin an den Mann, der jedoch bei seiner Version blieb.

"Wenn das so war, dann hätten Sie den Überblick über Ihre Buchhaltung verloren", so die Staatsanwältin. Sie forderte einen Freispruch. "Ich kann den Zeugen keinen Glauben schenken", die Modalitäten der Abrechnung seien "völlig unklar", eine Unterschlagung nicht nachzuweisen. Das sah auch der Richter so: "Ich weiß nicht, was passiert ist - aber wenn ich Dinge nicht sicher weiß, kann ich nicht verurteilen." Dass ein Fahrer in die eigene Tasche gewirtschaftet oder aber das Unternehmen ihn angestiftet habe, Schwarzgeldgeschäfte zu machen, sei "gleichermaßen plausibel".

Zusatzinfo: Anzeige könnte ein Nachspiel haben

Während der Fahrer vor dem Amtsgericht freigesprochen wurde, haben sich Verdachtsmomenten gegen seinen früheren Arbeitgeber aufgetan: Die undurchsichtigen Abrechnungsmethoden ließen die Staatsanwaltschaft hellhörig werden. Ermittlungen wegen möglicher Steuerdelikte würden nun geprüft, sagte Staatsanwältin Mareen Fischer auf Anfrage. (jwr)

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