Der Fahrer dieses Lkw verbringt nach einer Lieferung im Fernwalder Gewerbegebiet Ruhberg nur seine Mittagspause im Gutenbergring. Viele andere nutzen die Straße nachts, um zu pausieren und die vorgeschriebenen Lenkzeiten einzuhalten. Bei den Anwohnern stößt das auf Kritik.
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Der Fahrer dieses Lkw verbringt nach einer Lieferung im Fernwalder Gewerbegebiet Ruhberg nur seine Mittagspause im Gutenbergring. Viele andere nutzen die Straße nachts, um zu pausieren und die vorgeschriebenen Lenkzeiten einzuhalten. Bei den Anwohnern stößt das auf Kritik. 

Ärger um Müll

Wohin mit den Lkw? 280 neue Stellplätze im Landkreis Gießen geplant

Der Güterverkehr wächst. Immer mehr Lkws sind auf Deutschlands Autobahnen unterwegs. Das Problem: Vielerorts fehlen die notwendigen Parkplätze. Für Anrainer-Kommunen ein Problem.

Gießen - Es ist Alltag an Deutschlands Autobahnen: Zugeparkte Rastanlagen, Lkws, die Stoßstange an Stoßstange sogar auf den Zu- und Abfahrten Haltmachen, weil es weit und breit keine Parkplätze mehr gibt. Letztere fehlen deutschlandweit nach Angaben des Bundesverbandes Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL) zwischen 35 000 und 40 000. Für Hessen geht man hier von mindestens 2500 fehlenden Lkw-Parkplätzen aus. Und das bekommen mittlerweile auch autobahnnahe Kommunen zu spüren. Beispielsweise Fernwald. Konkret die Bewohner im Gewerbegebiet Ruhberg. Im Gutenbergring, unter anderem entlang einer gemeindeeigenen Wiese, die als Ausgleichsfläche dient, parken allnächtlich die Brummis.

Kreis Gießen: Lärm, Müll und Fäkalien an den Lkw-Stellplätzen

Die Tatsache selbst, ist für die Anwohner nicht das Problem. Immerhin leben sie in einem Gewerbegebiet, wo auch über 7,5 Tonnen schwere Fahrzeuge parken dürfen. Doch was die Fahrer nach ihren nächtlichen Aufenthalten hinterlassen, das empfinden einige mittlerweile als extrem störend. Dabei handelt es sich um jede Menge Müll, mitunter aber auch Fäkalien, weiß Karin Schlegelmilch, die schräg gegenüber besagter Grünfläche wohnt. "Andere Kommunen kämpfen gegen das Rattenproblem. Bei uns wird das Ungeziefer geradezu angelockt", ärgert sie sich. Außerdem würde immer wieder die Nachtruhe gestört, weil die Kühlaggregate der Laster liefen.

Bereits im Frühjahr 2018 hatte es eine Begehung mit Anwohnern, Vertretern der Verwaltung und Kommunalpolitikern gegeben. Eine Zeit lang sei es besser gewesen, sagt Schlegelmilch. Doch in den vergangenen Monaten habe sich die Situation wieder verschärft, weshalb sich die Steinbacherin im Dezember erneut an die Kommune und den stellvertretenden Ortsvorsteher gewandt hat. Karin Schlegelmilch: "Das geht so nicht weiter, irgendetwas muss sich die Gemeinde einfallen lassen."

Thema im Ortsbeirat

Andrea Klingelhöfer, ebenfalls Anwohnerin, pflichtet ihr bei und führt noch einen weiteren Aspekt ins Feld, der sie an den "Übernachtungsgästen" im Gutenbergring stört: "Wenn ich abends nach Hause komme, fühle ich mich nicht sicher, schaue mich auf dem Weg zur Haustür mehrfach um", sagt sie.

Was die Hinterlassenschaften der Brummifahrer angeht, hat die Gemeinde bereits reagiert. Drei Schilder mit dem Hinweis "Müll abladen verboten, Widerhandlungen werden geahndet" wurden geordert und sollen dieser Tage montiert werden, ebenso zwei Abfalleimer. Außerdem steht das Thema heute Abend im Ortsbeirat auf der Tagesordnung. Viel mehr geht aus Sicht der Verwaltung nicht.

"Wir kennen das Problem", sagt Bürgermeister Stefan Bechthold. Neben dem Ruhberg würden nachts auch das Anneröder Gewerbegebiet und die Fernwaldhalle angesteuert. Verkehrsregulatorisch einzugreifen sei schwierig. "Ein Parkverbot führt nicht weiter, dann haben wir den Druck im Ort", erklärt Ordnungsamtsleiter Mathias Wießner. Denn laut Baunutzungsverordnung sei das Parken der Laster lediglich in reinen Wohngebieten verboten. Er habe den Anwohnern geraten, illegale Müllentsorgungen zu melden und bei nächtlicher Ruhestörung, die Polizei zu kontaktieren. "Die kann in solchen Fällen Platzverweise aussprechen", so Wießner.

Landkreis Gießen: Geschaffene Parkplätze reichen nicht

Nächtliche Lkw-Besuche sind auch in anderen Kommunen an der Tagesordnung. In Buseck beispielsweise, in Laubach oder Grünberg, wenn auch in den beiden Ostkreis-Städten der Müll kein Problem darstellt. Anders dagegen in Reiskirchen, wo die Lkws vorwiegend in der Bänninger- und Carl-Benz-Straße pausieren, obwohl die Gemeinde dort bereits Halteverbote eingerichtet hat. "Das wird regelmäßig missachtet und zum Teil auch der Müll hier entsorgt", berichtet Bürgermeister Dietmar Kromm". Stichartige Kontrollen brächten nicht den gewünschten Erfolg. In der Pflicht sieht Kromm den Gesetzgeber. "Wer den Güterkraftverkehr auf der Straße und nicht auf der Schiene haben will, muss auch für die notwendigen Parkplätze sorgen."

Das wird auch getan, offenbar aber nicht ausreichend. Laut Wolfgang Harms, Pressesprecher des hessischen Ministeriums für Wirtschaft, Energie, Verkehr und Wohnen, habe das Land im Auftrag des Bundes von 2008 bis 2012 rund 1000 Lkw-Parkstände in Hessen zusätzlich geschaffen. "Wegen des schnell zunehmenden Güterverkehrs erwies sich das jedoch als nicht ausreichend", so Harms. Bis Ende 2015 wurden weitere 500 Lkw-Stellplätze realisiert und noch einmal 110 bis Ende 2017.

Wegen der fortdauernden Problematik bemühe sich Hessen Mobil, die Kapazitäten so schnell wie möglich auszuweiten. Allerdings erfordere der Ausbau von Rastanlagen Baurechtsverfahren, die Zeit beanspruchen, so Harms. Und manchmal gibt es auch Gegenwind, wie vor einigen Jahren bei der geplanten Erweiterung der Tank- und Rastanlage Reinhardshain, die 129 zusätzliche Stellplätze bringen sollte. Eine Bürgerinitiative machte dagegen mobil, das Vorhaben verlief im Sand.

Info: 280 zusätzliche Lkw-Stellplätze

An den Autobahnen im Landkreis Gießen sollen knapp 280 neue Lkw-Parkplätze entstehen. 250 entfallen auf die Rastanlage Limes Ost (A 5), sowie die Parkplätze Gleiberger Land und Silbersee (A 480). Projektiert werden sie im Auftrag des Landes von der DEGES (Deutsche Einheit Fernstraßenplanungs- und -bau GmbH). Wann gebaut wird, steht noch nicht fest, da die Planungen noch am Anfang stehen.

26 weitere Stellplätze für Lkw entstehen beim Ausbau der Rastanlage Pfaffenfad (A 45). Das Projekt befindet sich bereits im Baurechtsverfahren und wird von Hessen Mobil realisiert.

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