Polizeisprecher Jörg Reinemer nennt 2020 ein "schwieriges Jahr" aus Sicht der Polizei. 	FOTO: SCHEPP
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Polizeisprecher Jörg Reinemer nennt 2020 ein »schwieriges Jahr« aus Sicht der Polizei. FOTO: SCHEPP

Polizei und Corona

Kreis Gießen: Polizei meldet weniger Einbrüche und weniger Unfälle - Wegen Corona?

  • Jonas Wissner
    vonJonas Wissner
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Von Homeoffice bis Corona-Streife: Auch für die Gießener Polizei hat sich 2020 viel verändert. Polizeisprecher Jörg Reinemer äußert sich zu neuen Aufgaben, häuslicher Gewalt und Corona-Fällen im Präsidium.

  • Polizeisprecher Jörg Reinemer spricht im Interview darüber, wie das Jahr 2020 für die Polizei Mittelhessen war.
  • Weniger Einbrüche und Verkehrsunfälle seien passiert, was auch auf die Corona-Pandemie zurückzuführen ist.
  • Aktuell unterstützt die Polizei das Ordnungsamt bei der Kontrolle der Ausgangssperre im Kreis Gießen.

Herr Reinemer, seit anderthalb Wochen gilt im Kreis Gießen wegen der hohen Corona-Inzidenz eine nächtliche Ausgangssperre. Den kommunalen Ordnungsämtern fehlt das Personal, um die Einhaltung konsequent zu kontrollieren. Inwieweit unterstützt die Polizei die Kreiskommunen?

Die Polizei leistet im Landkreis und den Kommunen Amtshilfe, um die nächtliche Ausgangsbeschränkung, die so genannte Ausgangssperre, zu überwachen und durchzusetzen. Wie bereits zur Einhaltung der bisherigen Verordnungen unterstützen Polizeibeamte die zuständigen Gesundheits- und Ordnungsämter bei dieser Aufgabe.

Inwiefern werden die Ausgangssperre und das Alkoholverbot in der Öffentlichkeit bislang eingehalten?

Die Gießener Polizei verfolgt einen kommunikativen Ansatz und baut in Gesprächen auf die Einsicht und das Verantwortungsbewusstsein der Bürgerinnen und Bürger. Wo sie jedoch auf Unverständnis und Ignoranz treffen, schreiten die Kollegen konsequent ein und ahnden Verstöße gegen die geltenden Regeln. In der Nacht zum Donnerstag haben wir unter anderem Fahrzeuge und Fußgänger im Schiffenberger Weg und in der Frankfurter Straße in Gießen kontrolliert. Dabei hielten sich acht Personen nicht an die Ausgangssperre. Ein Großteil der Personen, die zwischen 21 Uhr und 5 Uhr unterwegs waren, konnten entsprechende Bescheinigungen vorweisen.

Dass die Polizei kontrolliert, ob Menschen ausreichend Abstand halten, einen Mund-Nasenschutz tragen oder sich an eine Ausgangssperre halten, konnte sich vor einem Jahr wohl kaum jemand vorstellen. Wie stark hat Corona die Polizei zusätzlich beschäftigt?

Das hat uns schon beschäftigt. Wir haben Kontrollen gemeinsam mit Ordnungsämtern durchgeführt, in Gießen, aber auch in anderen Kommunen. Gerade im Frühjahr haben wir die Streifentätigkeit diesbezüglich deutlich erhöht. Auf der anderen Seite gab es entlastende Momente: Wir hatten zum Beispiel keine Fußball-Einsätze mehr, auch Demonstrationen sind teils weggefallen.

2020 aus Sicht der Gießener Polizei: Teils weniger Ermittlungsarbeit

War die Polizei also während der Corona-Monate unterm Strich weniger als sonst beschäftigt?

Ich würde eher sagen, die Aufgaben haben sich verschoben. Beispielsweise haben wir Unterstützung bei den sogenannten Corona-Streifen von der Bereitschaftspolizei bekommen. Auch Mitarbeiter der Kommissariate und der Ermittlungsgruppen haben, weil phasenweise weniger Ermittlungsarbeit anfiel, diese Streifentätigkeit übernommen.

Ungewöhnlich war 2020 auch, dass weit mehr Menschen als sonst tagsüber im Homeoffice, also zu Hause waren. Für Einbrecher sind das eher ungünstige Bedingungen.

Bei Wohnungseinbrüchen und Diebstählen in Wohnungen haben wir bezogen auf den Kreis Gießen schon festgestellt, dass es durch die Anwesenheit zu Hause - Homeoffice, Quarantäne - während des ersten Lockdowns, aber auch danach, einen erkennbaren Rückgang gab. Man muss jetzt abwarten: Wir evaluieren erst nach dem Jahr und werten die Taten nach einer Bearbeitung aus. Aber tendenziell haben diese Delikte abgenommen.

Führen Sie das nur auf die Corona-Situation zurück?

Nicht nur. Wir haben schon in den Vorjahren einen Rückgang festgestellt. Das hat mit höherer Kontrolldichte, der Ermittlungsarbeit und auch besserem Einbruchschutz sowie anderen Einflüssen zu tun. Die Kurve ging schon vorher nach unten, nun aber noch deutlicher. Das werden wir weiter beobachten.

2020 aus Sicht der Gießener Polizei: Häusliche Gewalt bereitet Sorge

Es wird befürchtet, dass im Zuge von Corona auch häusliche Gewalt zunimmt. Können Sie das für den Landkreis Gießen bestätigen?

Die bisherigen Auswertungen lassen keinen Anstieg erkennen, wie zu befürchten war. Das muss aber nicht heißen, dass es tatsächlich nicht mehr Fälle von häuslicher Gewalt gab.

Wie meinen Sie das?

Belastungsfaktoren können die häusliche Isolation oder die Sorgen um Gesundheit und Beruf sein. Ebenso wie fehlende Kinderbetreuung - viele sind in Heimarbeit und müssen dabei auf ihre Kinder aufpassen - und das Fehlen von sozialer Unterstützung. Diese und weitere Faktoren könnten zu einer Verschärfung von Konflikten führen. Beim ersten Lockdown hatten wir im sogenannten Hellfeld zwar definitiv keinen Anstieg. Aber die Möglichkeit, sich Hilfe zu holen, war deutlich erschwert. Kontaktbeschränkungen und Quarantäne schränkten die Möglichkeiten, bei Verwandten und Freunden oder in einer Beratungsstelle Unterstützung zu finden, ebenfalls sehr stark ein.

Was tut die Polizei, um Opfer häuslicher Gewalt zu ermutigen, Anzeige zu erstatten?

Einerseits sind Aufklärung und Prävention wichtig. Und wenn wir solche Fälle bekommen, geht es natürlich auch um konsequente Ermittlung und Strafverfolgung. Es ist aber auch Zivilcourage gefragt: Eine Gewalthandlung ist keine private Angelegenheit. Deshalb ist es hier besonders wichtig, sich einzumischen. Was aber wichtig ist zu beachten: Die Kontaktaufnahme sollte immer so geschehen, dass der Täter oder die Täterin davon nichts mitbekommt. Und bei allem, was man als Bürger macht, sollte man sich nicht selbst gefährden.

Bei schweren Straftaten ist Aufmerksamkeit wichtig. Bei den Corona-Kontaktbeschränkungen stellt sich dagegen die Frage, ob womöglich eine Kultur des Denunzierens aufkommt - nach dem Motto: Mein Nachbar feiert mit zwei Leuten zu viel. Haben Sie auch solche Hinweise bekommen?

Das hatten wir vereinzelt. Es gab zum Beispiel einen Fall, wo ein DJ aufgelegt und das online gestellt hat. Aber man hat die Musik vor der Disko gehört und Leute dachten dann, da ist eine Feier. Solche Fälle gab es nicht so häufig wie befürchtet.

2020 aus Sicht der Gießener Polizei: Rund 30 Corona-Fälle im Präsidium

Gab es 2020 weniger Verkehrsunfälle als in den Vorjahren?

Wir konnten vor allem während des Lockdowns im Frühjahr feststellen, dass es erkennbar weniger Verkehrsunfälle gab. Das hat natürlich damit zu tun, dass der Verkehrsfluss erheblich geringer war als sonst. Wildunfälle haben abgenommen, aber auch sonstige Unfälle. Über den Sommer hatten wir dann wieder relativ »normale« Zahlen und auch sehr schwere Unfälle, die sich über den Kreis verteilt haben. Auf das Jahr gerechnet sehen wir insgesamt einen Rückgang, aber auch da muss man die Statistik in der Gesamtschau abwarten.

Was hat das Präsidium aus der Corona-Zeit gelernt - zum Beispiel in Sachen Homeoffice?

Da hat sich einiges verändert. Beispielsweise beim Homeoffice haben wir deutlich aufgestockt. Es ist eine ganze Reihe an Maßnahmen, die in den letzten Monaten eingeleitet wurden. So wurden in Streifenwagen und Vernehmungszimmern Spuckschutz-Scheiben installiert, um Ansteckungen zu vermeiden. Jeder bekam einen Mund-Nasen-Schutz. Ich denke, manches wird nach der Pandemie Standard bleiben.

Auf Streife zu gehen, ist im Homeoffice natürlich schwierig, direkter Kontakt zu Menschen lässt sich für Polizisten teils nicht vermeiden. Inwieweit war die Gießener Polizei bislang selbst von Corona-Infektionen betroffen?

Zu Beginn der Pandemie hatten wir eine Situation, mit der keiner rechnen konnte, das hat auch die Polizei so ereilt. Wir haben aber recht schnell Maßnahmen getroffen und versucht, das Risiko auf ein Minimum zu reduzieren. Wo es möglich war, haben wir etwa Dienstgruppen zusammengelassen, damit es wenig Durchmischung gibt. Von rund 2000 Mitarbeitern im Präsidium haben sich einschließlich der ersten Pandemiewelle etwa 30 mit dem Virus infiziert. Noch nicht einmal eine Handvoll der Mitarbeiter hat sich im Dienst angesteckt.

Ende 2019 sprachen Sie von einem »kurzweiligen« und »erfolgreichen« Jahr aus Sicht der Polizei. Wie würden sie 2020 im Rückblick beschreiben?

Es war ein sehr abwechslungsreiches, ereignisreiches, aber vor allem ein schwieriges Jahr. Wir hoffen, dass die Belastung in Sachen Pandemie weniger wird und alle Kollegen gesund bleiben.

Zur Person: Jörg Reinemer

Reinemer ist seit 2015 Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Polizeipräsidiums Mittelhessen. Zuvor war er bei der Kriminalpolizei in der Wetterau tätig. Insgesamt sind im Polizeipräsidium Mittelhessen in seiner Abteilung rund 15 Mitarbeiter mit Öffentlichkeitsarbeit, Social Media und Einstellungsberatung betraut. (jwr)

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