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Wegen schwerer Missbrauchsvorwürfe steht ein 35-Jähriger aus dem Kreis Gießen seit Mittwoch vor Gericht.

Prozess

Kreis Gießen: Ex-Lehrkraft wegen Missbrauchsvorwürfen vor Gericht

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Ein 35-Jähriger aus dem Kreis Gießen soll mehrfach sexuelle Handlungen an einem 13-jährigen Jungen vorgenommen haben. Vor Gericht wurde am Mittwoch deutlich, dass auch andere Jugendliche betroffen waren.

Der junge Vertretungslehrer sei an der Schule sehr beliebt gewesen, berichtet der Zeuge über jenen Mann, dessen Anblick er heute kaum zu ertragen scheint. "Er war allgemein als cooler Mensch bekannt." Außerdem bot er einen besonderen Kurs an: eine Parkour-AG, bei der Schüler lernen können, sich im Gelände effizient von A nach B zu bewegen. Doch der Mann, damals Lehramtsstudent und als Vertretungslehrer an einer Gesamtschule im Landkreis tätig, missbrauchte das Vertrauen des Jungen in seinem Kurs. Noch immer ist der heute 18-Jährige in psychologischer Betreuung wegen der Übergriffe seiner damaligen "Vaterfigur".

Der 35-Jährige räumte vor Gericht ein, den damals 13-Jährigen 2014 und 2015 mehrfach sexuell missbraucht zu haben. Die Anklage beschränkte sich zunächst auf sechs Vorfälle, die der Beschuldigte bestätigte. Aufgrund anderer gravierender Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs an anderen Jungen wird die Anklage erweitert.

Gießen: Prozess um sexuellen Missbrauch - Vertrauen erschlichen

Wie kam es dazu, dass der Mann ein so enges Verhältnis zu dem Schüler aufbauen konnte, sie sogar gemeinsam verreisten? Offenbar hat sich der Angeklagte seinerzeit auf perfide Art das Vertrauen mehrerer Jungen erschlichen, insbesondere im Fall des damals 13-Jährigen.

"Er hat sich als sehr engagierter Parkour-Trainer gezeigt, der sich um seine Schützlinge außergewöhnlich gekümmert hat", sagte die Mutter des Opfers. Auch in mehreren Vereinen hat der Ex-Student solche Kurse angeboten und hatte so Kontakt zu Kindern und Jugendlichen, wie er einräumte. Inzwischen hat er das Studium geschmissen und lebt von Hartz IV.

Einige der Jungen in der AG fasste der Angeklagte in einem Team zusammen. Sie trainierten auch außerhalb des Unterrichts, bald zudem in einer Scheune, die der Angeklagte bei sich zu Hause entsprechend ausgebaut hatte. Vor allem auf einen Jungen hatte er es anscheinend abgesehen. Nach einer Weile hätten sie fast täglich Kontakt gehabt, berichtete dieser. Man habe ganze Wochenenden gemeinsam verbracht, zusätzlich gab der Trainer ihm Mathe-Nachhilfe.

Gießen: Prozess um sexuellen Missbrauch - Übergriffe nahmen zu

"Er hat sich als Vaterfigur etabliert, ich hatte den Kontakt zu meinem Vater gerade abgebrochen", sagte das Opfer vor Gericht. Der junge Mann fungiert auch als Nebenkläger. Wann genau es zum ersten körperlichen Kontakt kam, wisse er nicht mehr. Die Übergriffe wurden jedenfalls massiver. Nach Filmabenden schliefen sie in Unterwäsche nebeneinander, auf Umarmungen folgten Küsse, schließlich der Missbrauch auf Reisen. Er selbst habe sich nicht gewehrt, danach aber zunehmend ablehnend reagiert. Der Kontakt ging im folgenden Jahr allmählich zurück. "Ich war sauer und enttäuscht, weil er die väterliche Rolle nur ausgenutzt hat."

Die Kraft, sich seiner Mutter anzuvertrauen und schließlich zur Polizei zu gehen, fand der junge Mann erst ab Ende 2017. "Seither geht es mir schlecht damit. Das Ganze hat mir meine Jugend geraubt, mich viele Jahre meines Lebens gekostet." Er konnte zeitweise nicht zur Schule gehen, sprach vor Gericht über Schlaflosigkeit, Panikattacken und Migräne. Der Angeklagte sagte, er habe sich "in den Charakter nach und nach verliebt". Warum er sexuelle Handlungen an einem damals 13-Jährigen vollzogen hat, könne er "vom jetzigen Standpunkt aus nicht plausibel beantworten", und weiter: "Ich war absolut davon geblendet, mit ihm zusammenzusein."

Auch weitere ehemalige Mitglieder der Parkour-Gruppe wurden vor dem Amtsgericht am Mittwoch gehört. Sie waren damals kaum älter als der 13-Jährige und berichteten von regelrechten Saufgelagen mit Bier und Rum in der Scheune. Der Angeklagte, so wurde mehrfach ausgesagt, habe dort mit ihnen Trinkspiele veranstaltet - und sich abartige Varianten ausgedacht, etwa, dass man "seinen Schwanz lutschen" müsse. Dazu sei es dort nicht gekommen, doch das Ziel sei gewesen, die Jungen mit Alkohol gefügig zu machen.

Gießen: Prozess um sexuellen Missbrauch - Verdacht der Vergewaltigung

Eine Aussage war besonders gravierend: Einer der jungen Männer ist sich sicher, eines Morgens beobachtet zu haben, wie der Angeklagte einen anderen missbrauchte, während dieser noch schlief. Das mutmaßliche Opfer dieses Vorfalls soll später im Verfahren gehört werden, er hatte seine polizeiliche Aussage kurzfristig geändert. Die Anklage soll nun ausgedehnt werden. Unter Tränen sagte eine Schülerin aus, der sich der damals 13-Jährige zuerst anvertraut hatte. Auch ihr habe sich der Angeklagte zunächst als Vertrauensperson verkauft, sie dann aber zunehmend abgesondert und vom Training ausgeschlossen.

Was der Angeklagte ihnen vor wenigen Jahren angetan habe, hätten sie damals noch nicht realisiert, äußerten sich die jungen Männer. "Wenn man heute mit einem Erwachsenen-Hirn darüber nachdenkt, dann ist vieles passiert, was nicht hätte passieren dürfen", sagte einer von ihnen. "Damals dachte ich nicht, dass es schlimm wäre. Heute kotzt es mich nur noch an."

Der Prozess wird am 20. November fortgesetzt.

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