"Andere Paare fahren in den Urlaub", sagt Susanne Müller. "Wir haben die Gaumenfreuden zu unserem gemeinsamen Hobby gemacht."
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»Andere Paare fahren in den Urlaub«, sagt Susanne Müller. »Wir haben die Gaumenfreuden zu unserem gemeinsamen Hobby gemacht.«

Gaumenfreuden

Kreis Gießen: „Susi“ sorgt für kulinarische Wundergeschichte

  • VonStefan Schaal
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Vor zehn Jahren konnte Susanne Müller kaum laufen. Ihre Knie waren von Arthrose gezeichnet, die Beraterin im Arbeitsamt sagte ihr: »Sie werden keinen Job finden.« Dann fing die Pohlheimerin an, auf einem Hocker rollend in ihrer elf Quadratmeter großen Küche Marmelade, Liköre, Chutney, Essig und Kochkäse zuzubereiten und zu verkaufen. Ihre Produkte sind inzwischen in mehr und mehr Hofläden im Kreis erhältlich. Mit »Susis Gaumenfreuden« schreibt Müller eine kulinarische Erfolgsgeschichte.

Pohlheim - Zehn Jahre ist es her, da erlebt Susanne Müller in der Arbeitsagentur eine Demütigung. Sie suche einen Job, bei dem sie nicht laufen muss, erklärt Müller damals ihrer Beraterin. Schmerzhafte Arthrose in den Knien mache ihr zunehmend zu schaffen. Nach 20 Jahren hatte sie die Führung einer Boutique in Grünberg, »Oh lala Mode«, aufgegeben. »Sitzen und stehen kann ich aber.« Die Beraterin blickt ihr in die Augen und sagt: »Da werden Sie nichts finden.«

Ein Besuch bei der 55 Jahre alten Pohlheimerin an einem kalten, diesigen Mittag im Januar 2022 im Norden Hausens. Draußen steht eine Holzpalette. 2000 Gläser sind gestern angekommen. »Einige müssen wir noch in den Keller tragen und einlagern«, sagt Susanne Müllers Mann Thomas. Sie benötigen die Gläser für ein Unternehmen, das sie gegründet haben und das im Kreis Gießen allmählich Bekanntheit erlangt: »Susis Gaumenfreuden«.

Sie habe, erzählt Susanne »Susi« Müller, damals nach dem »miesen Erlebnis« in der Arbeitsagentur zunächst Lehrgänge und Kurse besucht, »die mir nichts gebracht haben.« Dann aber entschloss sie sich, etwas Neues zu wagen - und sich selbstständig zu machen.

Kreis Gießen: Mit „Susis Gaumenfreuden“ aus Pohlheim zum Erfolg

Eines Tages im Jahr 2014 also saß sie auf einem Hocker in einer elf Quadratmeter großen Küche ihres Hauses, in der vorher die Waschmaschine gestanden hatte, und begann, im großen Stil zu kochen. Weil sie wegen der Arthrose kaum laufen konnte, rollte sie zwischen Regalen, Schneidebrett und brodelnden Kochtöpfen auf dem Hocker hin und her. Vor allem abends, manchmal bis zwei Uhr in der Nacht, fing sie an, Marmeladen, Chutneys, Essig, Liköre und Kochkäse zuzubereiten und in Gläser und Flaschen abzufüllen.

An Wochenenden verkaufte sie - unterstützt von ihrem Mann und ihrer Tochter - ihre Produkte bis zum Beginn der Corona-Pandemie an Ständen auf Märkten hessenweit. Ihre Marmeladen, Liköre und Chutneys gibt es zunehmend in Hofläden im Kreis, beispielsweise im Strohlädchen in Wißmar, am Hof Obersteinberg in Watzenborn-Steinberg und in der Dünsberg-Bäckerei in Rodheim-Bieber. Müller hat trotz Widrigkeiten eine kulinarische Erfolgsgeschichte auf den Weg gebracht. Aus einer tristen Situation hat sich die Pohlheimerin herausgekämpft und hat sich neu erfunden.

Mittlerweile hat Müller auch ihre Knie operieren lassen, 2016 wurden ihr künstliche Gelenke eingesetzt. Manchmal habe sie noch Probleme mit dem Gleichgewicht, erzählt sie. Das Treppensteigen falle ihr schwer. Aber sie spüre »eine neu gewonnene Freiheit«.

Während Müller in ihrer Küche steht, erzählt sie von den Anfängen ihrer »Gaumenfreuden«, von Ängsten und Unsicherheiten. »Ich wusste nicht, ob ich gut genug bin«, sagt sie. Längere Zeit habe sie gezögert, ob sie es auch wirklich in die Tat umsetzt. Die Nachbarin im Haus gegenüber habe dann an einem gemeinsamen Abend mit Käse und selbst zubereiteten Chutneysorten den Anstoß gegeben. »Die Chutneys musst du verkaufen«, habe sie gesagt. »Das war der Auslöser.«

„Susis Gaumenfreuden“ aus Pohlheim (Kreis Gießen): „Wir sind Hofbetrieb der Stadt“

Dass ihre Produkte ankommen, habe die Familie dann auf Weihnachtsmärkten und Veranstaltungen wie dem Martinsmarkt in Heuchelheim erlebt. »Ein Mann hat einmal ein Glas Apfel-Marzipan-Marmelade gekauft und noch am Stand ausgelöffelt«, erzählt Müller. »Er hat direkt nach einem größeren Glas gefragt.«

Als im Frühjahr 2020 die Pandemie hereinbrach, »haben wir gedacht, dass damit unser Geschäft eingeht«, erzählt Müller. Ihre Hauptverkaufsorte, die Märkte, wurden abgesagt. Probier- und Verkaufsabende, die Müller bei sich zu Hause für Gruppen anbot, musste sie vorerst einstellen. Irgendwann aber meldete sich Familie Fay vom Obersteinberger Hof und erkundigte sich nach Müllers Produkten. Schnell wurde dort vor allem ihr Kochkäse ein Dauerbrenner. »Der Obersteinberger Hof ist mittlerweile unser bester Kunde, mit 30 bis 40 Gläsern in der Woche.« Weitere Hofläden kamen hinzu. Zudem beschenkt die Stadt Pohlheim Jubilare mit Produkten Müllers. »Wir sind Hofbetrieb der Stadt«, sagt Müllers Mann lachend. Mit ernstem Gesicht ergänzt er: »2021 war unser bisher bestes Jahr. Trotz Corona.«

Es ist wohlgemerkt ein Wachstum auf vergleichsweise niedrigem Niveau. Müller schätzt den Umsatz im vergangenen Jahr auf eine niedrige fünstellige Summe. Doch das Ehepaar schmiedet Zukunftspläne. Ein Angestellter in der Erntezeit sei denkbar. Vor ihrem Haus wollen sie einen Carport bauen und darin eine Verkaufsfläche einrichten.

Ein Geheimnis ihres Erfolgs sei, glaubt Müller, dass sie alles selbst und mit natürlichen Zutaten zubereitet. »Das Obst ist mein Chef«, sagt sie. Sie verwende kein Palmöl, keine Geschmacksverstärker, keine Farbstoffe. Das Obst sei aus eigenem Anbau der Familie oder von Nachbarn. Müllers 84 Jahre alte Mutter lässt es sich nicht nehmen, bisweilen die Quitten im Garten der Tochter in Hausen zu putzen.

Müller nimmt am Wohnzimmertisch Platz. Hier klebt sie regelmäßig Etiketten auf die Gläser, während der Fernseher läuft und die Hauskatze Sunny vorbeischleicht. Als sie beim Erzählen zurückblickt auf die vergangenen zehn Jahre, wird sie plötzlich still. Tränen fließen. Geschafft habe sie das alles, weil ihr Mann - beruflich im Kundendienst eines IT-Unternehmens tätig - sie bei jedem Markt begleite, ihr auch in der Küche zur Seite stehe. Eine Träne rinnt noch die Wange herab, da lacht Müller schon wieder. »Andere Paare fahren in den Urlaub. Wir haben die Gaumenfreuden zu unserem gemeinsamen Hobby gemacht.« Ein Hobby, das sich freilich zu einem kleinen, erfolgreichen Start-up entwickelt hat. (Stefan Schaal)

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