„An der Ladentheke wird entschieden, wie das Tier gehalten wird“, sagt Hühnerhalterin Simone Stroh.
+
„An der Ladentheke wird entschieden, wie das Tier gehalten wird“, sagt Hühnerhalterin Simone Stroh.

Ostern

Kreis Gießen: Bauern halten doppelt nützliche Hühnerrasse – Pro Ei zwischen 40 und 60 Cent fällig

  • Ursula Sommerlad
    vonUrsula Sommerlad
    schließen

Auf dem Biohof von Simone und Andreas Stroh gibt es in diesem Jahr ganz besondere Ostereier. Sie stammen von Sundheimern, einer alten Hühnerrasse. Die Strohs haben nicht nur die Legehennen aufgezogen, sondern auch deren Brüder.

Gießen – In den vergangenen Tagen musste sich Simone Stroh um den Verkauf ihrer Eier keine Gedanken machen. Vor Ostern gilt die Devise: Hauptsache weiß. Um den Preis scheren sich die Verbraucher dann weniger. Doch zu anderen Zeiten bekommt die Direktvermarkterin aus Wißmar manchmal schon kritische Nachfragen zu hören: »Was? 60 Cent für ein Ei?« Die 49-Jährige kann dann guten Gewissens entgegnen, dass ihre Produkte etwas ganz Besonderes sind. Die Eier stammen von Sundheimern, einer alten Hühnerrasse. Die silberweißen Tiere mit dem dunklen Halsbehang sind nicht nur hübsch anzuschauen und von friedlichem Wesen. Sundheimer sind vor allen Dingen eine Doppelnutzungsrasse. Sie haben eine ordentliche Legeleistung und zugleich einen guten Fleischansatz. Genau die richtigen Tiere also für das Projekt, das Andreas und Simone Stroh vor einem Jahr angegangen sind. Sie wollten nicht nur Legehennen großziehen, sondern auch deren Brüder.

Hybridhennen halten die Strohs schon lange. Sie sind speziell fürs Eierlegen gezüchtet. Wenn man von Gießen nach Wißmar fährt, kann man sie auf den Wiesen gleich neben der Landstraße rund um die Hühnermobile picken sehen. Aber für ihre Brüder haben die Landwirte keine Verwendung, sie sind für die Mast zu mager. »Gagelich«, sagt Simone Stroh auf gut Hessisch. Das Töten männlicher Küken war deshalb in den Brütereien an der Tagesordnung und ist es noch. Erst ab 2022 wird diese Praxis gesetzlich verboten.

Wißmar (Kreis Gießen): 16 Euro pro Kilo Fleisch für seltene Hühnerart

Die Strohs wollten gerne schon vorher neue Wege ausprobieren. So kamen die Sundheimer ins Spiel. Für ihren Naturland-Hof erwarben die Wißmarer bei einem Biozüchter in Süddeutschland 280 Eintagesküken, Geschlecht unbekannt. »Wir haben sozusagen die Katze im Sack gekauft«, lacht Simone Stroh. Letztlich ist das Geschlechter-Lotto für sie und ihren Mann gut ausgegangen. »Mehr Hennen als Hähne, wie ich gehofft hatte«, erzählt Andreas Stroh. Aber die Aufzucht sei eine Herausforderung gewesen und zudem zeitlich sehr aufwändig. »Uns fehlte die Erfahrung.«

Jetzt, ein Jahr nach Beginn des Experiments, gibt es in Wißmar keine Bruderhähne mehr. Sie wurden im letzten Jahr alle geschlachtet und verkauft, für 16 Euro pro Kilo. Im Angebot beim Discounter kostet das Fleisch noch nicht mal ein Fünftel. »An der Ladentheke wird entschieden, wie das Tier gehalten wird«, bemerkt Simone Stroh dazu trocken.

Ihren Kunden jedenfalls war das Tierwohl den höheren Preis wert. Die Biobäuerin, die ihre Produkte im eigenen »Strohlädchen« und auf dem Gießener Wochenmarkt anbietet, bekommt heute noch Anfragen. Aber es gibt nur noch die Hennen, die sich auf dem Hof der Familie Stroh ihres Lebens erfreuen. Ihre Legeleistung ist allerdings deutlich niedriger als die der anderen Hühner. »Ich lege jeden Tag ein Ei .... So ist das bei den Sundheimern nicht«, weiß Simone Stroh. Die schwarz-weißen Schönheiten legen nur jeden zweiten Tag. Es ist genau wie beim Fleisch: Wegen des höheren Aufwands kosten die Eier am Ende mehr, je nach Größe zwischen 40 und 60 Cent. »Und das ist eigentlich immer noch zu billig«, bedauert die Chefin.

Sundheimer vor der Silhouette von Wißmar: Biobäuerin Simone Stroh schätzt diese Hühner, weil sie schön und friedlich sind. Vor allem aber sind Sundheimer eine Zweinutzungsrasse.

Wißmar (Kreis Gießen): Sundheimer-Experiment soll weitergehen

Können sich also nur gut betuchte Menschen Rücksicht aufs Tierwohl leisten? Simone Stroh hat da ihre ganz eigene Meinung. »Man kann sich viel leisten, wenn man nicht andere Sachen machen will. Es ist eine Frage der Prioritäten.« Zu ihr kommen ganz unterschiedliche Kunden. Manche kaufen nur zwei oder drei Eier, andere größere Mengen. »Einer hat zu Ostern 50 Stück vorbestellt«, erzählt die Hühnerhalterin. Durch solchen Zuspruch fühlt sie sich ermutigt. Ihrer Erfahrung nach gibt es einen Markt für hochwertige Produkte. »Aber man muss ihn sich erarbeiten.« Den Stand auf dem Wochenmarkt betreut sie häufig selbst, um der Kundschaft über die Arbeit auf dem Hof Auskunft geben zu können. »Da muss jemand stehen, der sich auskennt und authentisch ist.«

Das Sundheimer-Experiment würden die Strohs gerne weiterführen. Allerdings nicht mit Eintagesküken. Ihr Ideal wäre ein Züchter, der die Hähne mit vier Wochen abgibt und die Hennen mit 18 Wochen und fertig geimpft. So jemanden haben die Wißmarer noch nicht gefunden. Die Aufzucht von Bruderhähnen werden sie im Spätsommer deshalb mit einer neuen Rasse fortsetzen: »Coffee and Cream«. Simone Stroh freut sich darauf: »Am liebsten würde ich nur noch Doppelnutzungsrassen halten.« Ob es dazu kommt, das liegt in der Hand der Verbraucher.

Sundheimer vor der Silhouette von Wißmar: Biobäuerin Simone Stroh schätzt diese Hühner, weil sie schön und friedlich sind. Vor allem aber sind Sundheimer eine Zweinutzungsrasse. FOTOS: PRIVAT/US

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare