Was aus dem Basalt des Lumdatals wurde: eine Steinmetzwerkstatt anno dazumal. FOTO: MUSEUM DER RABENAU
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Was aus dem Basalt des Lumdatals wurde: eine Steinmetzwerkstatt anno dazumal. FOTO: MUSEUM DER RABENAU

Kraterlandschaft mit Halbwertszeit

  • Thomas Brückner
    vonThomas Brückner
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Am Kahlen Berg, oberhalb von Londorf, finden sich Zeugnisse einer längst vergangenen Zeit. Über Jahrhunderte hinweg brachen Menschen dort den Basalt. Bauten daraus Häuser, Straßen, Kirchen. Berühmt jedoch wurde der Kahle Berg erst in den 1950ern: Sein "Lungstein" wurde damals zu Rosetten, Säulen und Pfeilern, um Kriegsschäden am Kölner Dom zu heilen. Seit 20 Jahren aber ist es auch damit vorbei.

Wenn frühmorgens oder zum Feierabend die Detonationswellen der Sprengungen über das Tal hin schallen, wollen wir der Schaffenskraft unserer Väter gedenken, die unermüdlich den Stein der Heimat zutage förderten und durch ihrer Hände Werk uns Kunde vom Geschehen ihrer Zeit gaben. Menschengenerationen gehen dahin, der Stein überdauert sie und macht ihr Werk zeitlos."

Zeilen, die Heinrich Henkel vor nunmehr 61 Jahren verfasste, da er für die Chronik des 1200-jährigen Londorf einen Text über die Basaltindustrie im Lumdatal zu Papier brachte. Mit dem "Stein der Heimat" meinte er natürlich den Londorfer Basalt. In der Lava eingeschlossenes Gas hat diesem seine eigentümlichen Poren und "etwas später" den nicht minder eigentümlichen Namen "Lungstein" beschert - dem Steinmetz erleichtern die Einschlüsse derweil die Arbeit.

Detonationswellen dringen heute nur noch ganz selten vom Kahlen Berg ins Tal hinab. Bestätigt wird dies von Philip Freiherr Roeder von Diersburg, Eigentümer des Steinbruchs, sowie dessen Mitarbeiter Sascha Schlender. Beim Lokaltermin an diesem wolkenverhangenen Vormittag wirkt die Kraterlandschaft erst recht wie ein verlassener, von der Welt vergessener Ort.

Dabei hatte noch vor 20 Jahren geschäftiges Treiben die Szene beherrscht. Ab und an sorgten Funde riesiger Basaltquader gar für öffentliches Aufsehen. Buchstäblich herausragend war der 25-Tonnen-Findling, den der Kahle Berg 1996 freigab. Konfektioniert, also in wenige Zentimeter starke Platten geschnitten, wurde daraus die Fassade des "Treptower"; so der ziemlich originelle Name des neuen Verwaltungssitzes der Allianz in Berlin-Treptow. Auch beim Wiederaufbau des Hotels "Adlon" kam der Lungstein zu Ehren.

Lang ist’s her, heute gilt der Steinbruch als einer dieser "Lost Places", wird längst schon in den gleichnamigen Internet-Foren aufgeführt, weiß Sascha Schlender.

"Über kurz oder lang", hakt von Diersburg an dieser Stelle ein, "wird er verfüllt." Wann genau die Kraterlandschaft mit Halbwertszeit verschwunden sein wird, das bleibt offen.

Sehr bedauerlich sei das, fügt von Diersburg an, schließlich gehe eine lange Tradition zu Ende. Durchaus: Allein die gewerbliche Ausbeutung dieses Bruchs reicht 170 Jahre zurück. "Zu wenig Ertrag, zu hoher Aufwand, wirtschaftlich nicht mehr darstellbar", bringt es sein Besitzer auf den Punkt.

Es ist dies der größte und letzte der einstmals vier Steinbrüche am Südhang über Londorf, wo der Abbau bereits ohne Bagger und Brechanlage zu bewerkstelligen war. Denn hier "steht das Gestein an", wie der Geologe das Vorkommen nah der Erdoberfläche nennt.

Generationen von Steinbrechern und Keilern förderten dort den Basalt zutage, aus dem in mühevoller Handarbeit das Pflastersteine "gekloppt", mit dem ab dem 19. Jahrhundert Straßen befestigt wurden. Aus größeren Quadern wurden Grundmauern von Fachwerkhäusern oder ganze Kirchenbauten, wie der 1864 geweihte "Dom der Rabenau". Steinmetze in den Dörfern rundum verwandelten den Basalt in Treppenstufen oder Ecksteine, aber auch in Grabdenkmäler. Dank seiner Helligkeit fand der Lungstein mannigfaltige Verwendung. Und eine kunstvolle dazu, wenn aus den Werksteinen - so der Name der Quader - Ornamente, Kreuzbögen oder Heiligenfiguren herausgearbeitet wurden.

Eine Hochphase erlebte der Steinbruch des Freiherrn in den 1950ern, als aus dem frost- und witterungsfesten Lung-stein Kriegsschäden am Kölner Dom behoben wurden. Darunter die Fassade des nördlichen Querhauses.

Nach und nach aber verließen immer seltener Quader den Bruch, der Abbau wurde zu teuer, zu viel minderwertiges Gestein musste abgeräumt werden, um an die wertvollen Werksteine zu gelangen. Die letzten Blöcke wurden in den 90ern gebrochen, da ein neuer Besitzer die "Überdeckung" abbaute und Schotter für den Straßenbau produzierte.

Das Aus kam zur Jahrtausendwende, als das Basaltwerk Buseck nach acht Jahren die Produktion einstellte. 2001 schließlich übernahm die Recycling GmbH Lahnau den Bruch, produziert nurmehr sporadisch, je nach Auftragslage, Mineralgemisch für den Straßenbau. Vermutlich hätte es einer Erweiterung des Abbaugebietes bedurft, was aber ebenso keine Rentabilität versprochen habe, merkt von Diersburg an.

Am Ende der Besichtigung des Kahlen Bergs, Teil des freiherrlichen Waldreviers, fällt der Blick auf zwei der schon vor langer, langer Zeit stillgelegten Brüche. Mag sein, sie zählten zu den Abbaustätten, aus denen bereits die Quader für die 900 Jahre alte Burg Nordeck gebrochen wurden.

In jedem Fall aber handelt es sich um einen weiteren jener vergessenen Orte. Dieser aber liegt so versteckt, ist so schwer zugänglich, dass es noch lange dauern dürfte, bis auch er im Internet, in einem der Lost-Places-Foren auftaucht.

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