Christian Zuckermann an seinem ersten Arbeitstag im Kreishaus am noch weitgehend leeren Schreibtisch. Aber die Eintracht-Tasse muss sein.
+
Christian Zuckermann an seinem ersten Arbeitstag im Kreishaus am noch weitgehend leeren Schreibtisch. Aber die Eintracht-Tasse muss sein.

Interview

Neuer Dezernent Christian Zuckermann zur Kommunalpolitik in Gießen: »Krass, wie lange manches dauert«

  • Rüdiger Soßdorf
    VonRüdiger Soßdorf
    schließen

Seit Freitag (01.10.21) ist Christian Zuckermann (48) hauptamtlicher Dezernent im Kreishaus. Der Grüne verantwortet unter anderem die Bereiche Naturschutz, Verkehr und Abfallwirtschaft. Im Interview spricht Zuckermann über langwierige Entscheidungsfindung in der Kommunalpolitik, sein kurzfristig zusammengestelltes Aufgabengebiet und er sagt, wo das Geld für die anstehenden Klimaprojekte herkommen soll.

Herr Zuckermann, Sie haben erst am Donnerstag erfahren, was genau Ihre neuen Aufgaben sind. Ziemlich spät, oder?

Nun ja. Viel Zeit war nicht. Ich bin erst am vergangenen Montag vom Kreistag gewählt worden. Aber ich bin im Grunde sehr zufrieden. Das ist wirklich so was wie ein Umweltdezernat geworden mit den Zuständigkeiten für Naturschutz, Wasser und Boden, Verkehr und eben auch der Abfallwirtschaft.

Also ganz so, wie Sie es sich gewünscht haben?

Fast. Am liebsten wäre es uns gewesen, den Klimaschutz auch noch von der Wirtschaftsförderung im Aufgabenbereich der Landrätin herauszulösen und mir zuzuordnen. Aber Anita Schneider (SPD) hat Gründe genannt, warum sie es für sinnvoll hält, dies weiter ihrem Aufgabenbereich zuzuordnen. Die Landrätin hat beim Klimaschutz projektbezogene Zusammenarbeit zugesichert. Darauf möchte ich mich nun konzentrieren und mitwirken.

Sie mussten also fighten?

Nein. Es war gut, dass wir als Koalition (CDU, Grüne, Freie Wähler; Anm. d. Red.) uns im Vorfeld Gedanken über unsere Vorstellungen von den Aufgabenzuschnitten gemacht haben. Und die Landrätin hat das ebenfalls getan, hat sich vorher überlegt, was die Grünen wollen und wofür sie stehen. Ich habe nicht das Gefühl, dass es ein Ringen war, sondern ein konstruktives Gespräch, ganz ohne negative Schwingungen.

Wie ist das Klima zwischen den Hauptamtlichen?

Ich bin sicher, dass wir einen guten Konsens finden. Und das braucht es auch. Sonst kommen wir in der Sache nicht voran.

Und Ihr Verhältnis zur Landrätin ?

Kooperativ und wertschätzend, würde ich sagen. Die Landrätin und ich gehen offen miteinander um.

Sie kennen einander schon länger, haben die Landrätin bis März in einer anderen Koalition mitgetragen.

Ich bin sicher, es ist der Zusammenarbeit zuträglich, dass wir uns in der Vergangenheit nie in Auseinandersetzungen verstrickt haben.

Kommen wir noch mal auf die Aufgaben zu sprechen, auf den Klimaschutz und das Klimageld. Ein Arbeitsfeld der Grünen, das jetzt bei der Landrätin liegt.

Das ist so. Und wir wünschen, dass es von ihr mit genauso viel Herzblut umgesetzt wird, wie wenn wir Grünen es verantworten würden.

Wie wollen Sie das eigentlich finanzieren? Noch ist unklar, wie groß der Topf sein soll und wie er sich speist.

Wir haben am vergangenen Montag im Kreistag doch gehört, dass relativ viel Geld vorhanden ist.

Geld, das die Landrätin gerne zum Teil den Kommunen zurückgeben möchte. Stichwort Senkung der Kreisumlage, die die Kommunen zahlen, um die Arbeit des Kreises zu finanzieren.

Mag ja sein. Aber wenn wir als Landkreis etwas für den Klimaschutz tun und dafür Geld in die Hand nehmen, dann tun wir das auch für unsere Städte und Gemeinden. Das Klimageld wollen wir als Impuls sehen zu investieren. Wie groß der Topf ist, das ist das eine. Das andere, wichtigere ist aber, dass das Geld auch abgerufen wird. Dass es bei den Bürgern ankommt. Deshalb soll es ein niedrigschwelliges Angebot an die Hausbesitzer sein. Das muss flutschen!

Bleiben wir beim Geld. Die Landrätin wollte einen Nachtragshaushalt mit aktualisierten Zahlen vorlegen, in dem auch eine Senkung der Kreisumlage drinsteht. Das hat die Koalition im Kreisausschuss aber blockiert.

Den Haushalt müssen wir in der Koalition besprechen. Und da sind wir soeben dabei. Klare Sache: Wenn Geld da ist, dann sollten wir auch investieren. Auch in Projekte, die wir uns als Koalition vorgenommen und im Koalitionsvertrag konkret festgeschrieben haben. Und die Kreisumlage senken? Dass die Kommunen etwas zurückbekommen müssen, das ist klar. Wir werden darüber sprechen. Aber mit Blick auf kommende schlechtere Kreishaushalte müssen wir das zusammendenken. Es gehört zur Ehrlichkeit, auch jetzt keine Versprechungen zu machen, bloß weil Geld da ist.

Für einen gelernten Restaurantfachmann und langjährigen Erzieher ist der Weg ins politische Hauptamt nicht unbedingt vorgezeichnet. Wie kam es eigentlich dazu?

Wenn man mich mit 18 als Azubi im Hotel »Steinsgarten« in Gießen gefragt hätte, was ich denn später mal beruflich mache, dann hätte ich es nicht sagen können. Das war alles total weit weg. Das war ein sehr langer Prozess. Die Initialzündung gab ein gewisser Roland Koch mit seinem Wahlkampf und der Postkartenaktion gegen die Zuwanderungsgesetze. Damals sagten meine Frau und ich, dass es an der Zeit wäre, aktiv zu werden.

Ihr politischer Start war dann in Allendorf.

Richtig. Da wohnten wir seinerzeit. Und durch die für uns mit unserer kleinen Tochter plötzlich wichtigen Frage der Kinderbetreuung bin ich da mit Kommunalpolitik konfrontiert wurden. Denn die Betreuungssituation war damals nicht gut in dem Städtchen. Vor gut zehn Jahren haben wir dann auch den Grünen-Ortsverband in Allendorf gegründet. Wenn man etwas verbessern will, dann muss man sich einbringen und nicht nur sagen, was die anderen alles falsch machen. Wer mitmacht, der kann auch was bewegen. Auch wenn es Kraft kostet.

Wie meinen Sie das?

Auch wer auf der kommunalen Ebene in der ersten Reihe mitmachen will, der ist dafür an drei oder vier Abenden in der Woche unterwegs. Das wissen die meisten Menschen nicht.

Und was waren da Ihre Erfahrungen?

Kommunalpolitik ist in ihren Entscheidungen und der Umsetzung nicht oder nur selten schnell. Das habe ich da gelernt, das hat mich geerdet. Überhaupt krass, wie lange manches dauert.

Was meinen Sie konkret?

Schauen Sie nur auf den Fußweg hier von der Verwaltung zur Licher Straße. Der wurde angelegt, damit die Leute schneller von der Bushaltestelle an den Riversplatz kommen. Auf den Weg gebracht wurde das im September 2019. Im August 2021 wurde endlich gebaut. Das ist doch wirklich krass, oder? Ich muss wohl noch an mir arbeiten, nicht zu ungeduldig zu sein.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare