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Das Smartphone ist bei den meisten Jugendlichen immer dabei - auch beim Entdecken der eigenen Sexualität. Dies erhöht das Risiko, Opfer und Täter zu werden.

Was können Eltern tun?

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Gießen (pm). Die Masche ist meist die Gleiche: Der nette, vermeintlich nur wenige Jahre ältere Freund zeigt Verständnis, wenn es Stress mit den Eltern gibt. Er schmeichelt, er umgarnt. Und irgendwann möchte er mehr. Cybergrooming nennen Fachleute die sexuelle Anmache im Netz. Über Chats und Onlinedienste suchen Täter die Nähe zu Jugendlichen oder Kindern. Wie gehen sie vor? Was können pädagogische Fachkräfte, Polizei und Eltern tun?

Um diese Fragen drehte sich eine Fachtagung, die die Jugendförderung des Landkreises Gießen gemeinsam mit dem Polizeipräsidium Mittelhessen und dem "Netzwerk gegen Gewalt" veranstaltet hat. Rund 160 Teilnehmer erfuhren während der Veranstaltung im Gießener Polizeipräsidium von Fachleuten Hintergründe des Phänomens.

Wie wichtig Prävention ist, verdeutlichten Polizeipräsident Bernd Paul und Hans-Peter Stock, Jugend- und Sozialdezernent des Landkreises Gießen, bereits in ihren Begrüßungsworten.

Denn es geht nicht um Einzelfälle: Allein 208-mal ermittelten im vergangenen Jahr Polizeibeamte im Bereich des Polizeipräsidiums Mittelhessen wegen Cybergrooming. In Stadt und Landkreis Gießen waren es 84 Fälle. Wobei es eine hohe Dunkelziffer geben dürfte, so die Einschätzung von Antje Suppmann, Jugendkoordinatorin des Polizeipräsidiums Mittelhessen.

Die bekannten Fälle sind sehr individuell. Viele Täter kommen aus dem Umfeld von betroffenen Kindern und Jugendlichen. Opfer sind meist Mädchen im Alter von elf bis sechzehn Jahren. Täter suchen Kontakt über Chats und Nachrichtendienste. "Sie nutzen oft die Phase der Pubertät aus, in der viele Mädchen ein großes Bedürfnis nach Anerkennung und Freundschaft haben", erklärt Thomas Graf, zuständig für präventiven Jugendschutz beim Landkreis Gießen. "Täter versuchen, eine emotionale Abhängigkeit herzustellen."

Irgendwann wird dann mehr draus: Unter einem Vorwand oder durch Erpressungsversuche versuchen etwa Pädophile, an Nacktbilder zu gelangen. In anderen Fällen sind Versuche realer Treffen bekannt geworden, die sexuellen Missbrauch zum Ziel hatten. Allein die Annäherung an Minderjährige kann dabei schon einen Straftatbestand erfüllen. Betroffene Jugendliche scheuen nicht selten aus Scham davor zurück, Hilfe zu suchen, erklärt Antje Suppmann.

Nach vielen Fallbeispielen und Hintergründen ging es während der Fachtagung auch um wirksame Vorbeugung. Erfahren pädagogische Fachkräfte von solchen Fällen oder haben einen Verdacht, gibt es eine Meldepflicht. Schulen und Jugendschutzexperten des Landkreises arbeiten eng mit der Arbeitsgruppe Gewalttäter an Schulen (AGGAS) der Polizei und dem Gießener Verein Wildwasser zusammen, um Betroffene zu schützen und Täter zu ermitteln.

Wichtig für die Prävention und richtige Reaktion in der Familie sollte ein Vertrauensverhältnis zwischen Eltern und Kindern sein, rät Thomas Graf. Und es sei wichtig, dass Sexualität zu Hause nicht tabuisiert wird. Eltern sollten das Thema ruhig ansprechen, um Kinder auf die Risiken von Online-Chats und Co. aufmerksam zu machen. "Natürlich ohne Ängste zu schüren", sagt Graf. Wichtig sei vor allem das Wissen darum, dass längst nicht mehr der fremde Mann im Auto das Schreckensszenario darstellt, vor dem Kinder immer wieder gewarnt werden. "In der Realität gehen Täter oft mit ganz anderen Strategien vor und bewegen sich im Internet."

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