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Eineinhalb Liter Wasser und sonst nicht viel: Aus einer Handvoll Zutaten sollten Frauen im Ersten Weltkrieg eine Suppe für die ganze Familie kochen. FOTO: US

Kochen mit der Notration

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Eine Zwiebel, ein Esslöffel Fett und vier Esslöffel Mehl: Vor gut hundert Jahren mussten diese Zutaten für eine Suppe für sechs Personen reichen. Rezepte wie dieses sind in einer "Kriegskochvorschrift" aufgelistet, die 1915 im Licher Verlag Wilhelm Dietz erschienen ist. Auch heutige Generationen können daraus einiges lernen.

Lecker kochen in der Katastrophe" - so lautete vor wenigen Wochen, noch ehe das Corona-Virus unseren Alltag auf den Kopf stellte, eine Schlagzeile in dieser Zeitung. Berichtet wurde über eine Initiative des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BKK), das ein "Notfallkochbuch" plant. Die Behörde sucht nach Rezepten, die man in Krisenzeiten zubereiten kann. Heißt konkret: Es dürfen nur lang haltbare und gut zu lagernde Zutaten verwendet werden. Als das BKK seine Initiative startete, konnte keiner ahnen, wie aktuell diese Idee bald werden würde.

Auch Hermann Pein, der Vorsitzende des Heimatkundlichen Arbeitskreises Lich, hat diesen Bericht gelesen. Er weiß, dass die Idee des BKK gar nicht so neu ist. Das Licher Heimatmuseum hat eine Art Notfallkochbuch in seinem Bestand. Es heißt nur anders: "Kriegskochvorschrift für Arbeiterfrauen". Erschienen ist es im Jahr 1915, im Verlag von Wilhelm Dietz, Buchhandlung in Lich. Verkauft wurde es zum Preis von zehn Pfennig. Der Erlös kam der Kriegsfürsorge zugute. Das Büchlein ist voll mit Ratschlägen, wie man in Notzeiten mit wenigen Zutaten ein Essen auf den Tisch bekommt.

Der Heimatkundliche Arbeitskreis hat die handliche Broschüre vor etwa einem Jahr geschenkt bekommen. Gerhard Steinl aus Hungen, der Betreuer des gräflichen Archivs in Laubach, hat zwei Exemplare des blau gebundenen Heftes entdeckt und eines an die Kollegen in der Nachbarstadt weitergegeben: "Es gehört nach Lich." In der Tat: Das Heimatmuseum am Kirchenplatz liegt nur einen Steinwurf vom Haus Oberstadt 14 entfernt, in dem die 1845 gegründete Buchhandlung Dietz ansässig war.

Alltäglicher Verzicht

Dass die Rezepte der Broschüre jeweils für sechs Personen berechnet sind, hat einen guten Grund. Die Familien damals waren groß, im Schnitt bekamen die Frauen sechs Kinder. Wer die Rezepte zusammengestellt hat, erschließt sich aus der Lektüre nicht. Dass die Menschen von den Portionen nicht richtig satt geworden sein dürften, wird aber schnell klar. Für eineinhalb Liter Zwiebelsuppe zum Beispiel mussten eine Zwiebel, ein Esslöffel Fett und vier Esslöffel Mehl reichen. Fasten und Verzicht waren für die Menschen 1915 kein Trend, sondern harter Alltag.

Kaum Fleisch

Nur wenige der gut 30 Rezepte enthalten Fleisch oder Speck. Dafür gibt es zahlreiche Kartoffelspeisen. Die dürften ein Jahr nach Erscheinen des Heftes zum Problem geworden sein. Die Kartoffelernte 1916 war wegen Fäule katastrophal, der Winter 1916/17 ist als "Steckrübenwinter" in die Geschichte eingegangen.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt dürften die "Arbeiterfrauen" zu einem Hinweis am Ende des Heftes Zuflucht genommen haben. Aus wildwachsenden Pflanzen wie Brennnessel, Schafgarbe, Löwenzahn oder Sauerampfer lasse sich "gutes Gemüse" kochen. Ausführlich erläutert wird zudem der Einsatz von "Kochkisten", die auch in den Notzeiten nach dem Zweiten Weltkrieg wieder zum Einsatz kamen. Die nur angegarten Speisen wurden im kochendheißen Topf in eine mit Stroh oder Zeitungspapier ausgekleidete Kiste gesteckt und mit einem dicken Kissen bedeckt. In der verschlossenen Kiste garten sie dann stundenlang weiter vor sich hin. So sparte man das rare Brennmaterial.

Hermann Pein hat sich von dem kleinen Büchlein inspirieren lassen. Er will versuchen, Licher Gastwirte für einen "Nostalgietag" zu gewinnen, an dem dieses "Kriegsessen" gekostet werden kann. Pein ist überzeugt davon, dass sich dafür nicht nur ältere Menschen interessieren würden, die selbst noch Notzeiten kennengelernt haben. "Man könnte auch jungen Menschen zeigen, mit welchen Gerichten ihre Großeltern in der Kriegs- und Nachkriegszeit gelebt haben", sagt Pein. Nun aber muss er mit der Umsetzung seiner Pläne noch eine Weile warten. Wegen der Corona-Krise sind viele Restaurants geschlossen oder nur eingeschränkt geöffnet. Und manche Haushalte haben sich aus Angst vor Engpässen tatsächlich mit Notrationen eingedeckt. Sollte es jemals ein Corona-Krisen-Kochbuch geben, dann wird ein Rezept ganz sicher dabei sein: Nudeln mit Tomatensauce.

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