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Auf Streuobstwiesen findet man alte Sorten wie den Winterglockenapfel, den man aus dem Supermarkt so gar nicht kennt.

Alt und knackig

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5800 Menschen im Kreisgebiet sind in Obst- und Gartenbauvereinen organisiert. Sie pflegen dabei auch zahlreiche ältere Apfelsorten. Der Trend zu Bio und bewusster Ernährung rückt die Vereine wieder stärker in den Mittelpunkt. "Uns geht es um Bewahrung von Vielfalt", sagt Michael Wagner, der Vorsitzende des Kreisverbands.

Die Sonne strahlt, kein Wölkchen steht am Himmel. Auf einer Anhöhe bei Dorf-Güll hoppelt ein Hase durch das Gras. Eigentlich ein perfekter Tag, um im Schatten zu fläzen. Michael Wagner indes schlendert von Baum zu Baum und nimmt die Früchte in Augenschein. Auf die Frage nach seinem Lieblingsapfel antwortet er: der Boskop. Der sei nicht so süß. "Erfrischend", fügt der Pohlheimer hinzu. "Eine schöne Säure." Und wenn man ihn gut lagere, schmecke er auch noch im Januar.

Begleitet man Wagner auf seinem Spaziergang durch das 20 000 Quadratmeter große Gelände des Dorf-Güller Obst- und Gartenbauvereins, entdeckt man zahlreiche Apfelbäume, deren Früchte man aus dem Supermarkt so gar nicht kennt: Sie heißen Danziger Kantapfel, Blenheim und Purpurroter Cousinot. Wie die meisten der 5800 Menschen im Kreis, die den rund 50 heimischen Obst- und Gartenbauvereinen angehören, pflegen Wagner und seine Mitstreiter in Dorf-Güll vor allem alte Sorten. "Viele erkennen den Geschmack der meisten alten Äpfel heute gar nicht mehr", sagt Wagner. Zu sehr ist man gewöhnt an die milden, süßen Supermarktfrüchte wie Jonagold, Gala und Pink Lady.

"Uns geht es um die Bewahrung der Vielfalt", sagt Wagner, der auch den Kreisverband für Obstbau, Garten und Landschaftspflege leitet. Man wolle zudem das Genpool der Apfelsorten aufrechterhalten - "auch für den Fall dass irgendwann zum Beispiel ein Schädling oder eine Krankheit beliebte Sorten befallen könnte."

Obstkundler gehen davon aus, dass es im 19. und 20. Jahrhundert mindestens 2000 bis 3000 Apfelsorten im deutschsprachigen Raum gab. Im Supermarkt findet man dagegen heute nur selten mehr als ein halbes Dutzend. "Es sind gleichförmige Hochglanzäpfel", sagt Wagner. "Das hat auch damit zu tun, dass die Früchte im Großhandel Verpackungsmaschinen durchlaufen und dann gestapelt werden." Der Kunde im Supermarkt will beim Einkaufen zudem bevorzugt Äpfel ohne optischen Makel, mit mildem Aroma. In den USA ist kürzlich ein gentechnisch veränderter, ewig frischer Apfel in den Handel gekommen, der sich nach den ersten Bissen wochenlang nicht braun färbt.

Doch der Trend zu bewusster Ernährung rückt auch fast vergessene Sorten wieder in den Mittelpunkt. 30 000 Apfelsorten sind weltweit bekannt, sie sind zum Teil Jahrhunderte alt, viele sind vom Aussterben bedroht. Das Interesse an Streuobst wächst aktuell wieder. Auch Wagner spürt dies. "Einige wollen ihren eigenen Apfelwein herstellen. Andere möchten sich Saft für das gesamte Jahr pressen." Vor allem aber sei es der Trend zu Regionalität und ein zunehmendes Umweltbewusstsein. Dem Dorf-Güller Verein gehören mehrere junge Mitglieder an. "Der Zweite Vorsitzende ist unter 30. Wer Apfelbäume pflegt, betreibt aktiven Klimaschutz."

Wagner stammt aus Gießen. Der gelernte Datenverarbeitungskaufmann arbeitet für ein Software-Unternehmen in Frankfurt. Die Ehe führte ihn Mitte der 90er Jahre nach Pohlheim und ins Dorf. "Ich wollte dann eigene Äpfel haben", erklärt er seinen Beitritt in den Obst- und Gartenbauverein. "Man lernt, sich auf den Rhythmus der Natur und der Jahreszeiten einzustellen." Bis zu 150 Stunden im Jahr verbringt er auf dem Hasenberg zwischen Dorf-Güll und Holzheim, regelmäßig schneidet er Äste und Zweige.

Während seines Spaziergangs bleibt er an einem Baum stehen. Glockenäpfel hängen hier, braune Flecken sind auf der Haut zu sehen. "Es ist Schorf", sagt Wagner. "Der entsteht durch die Feuchtigkeit in den Bäumen." Wagner, das einstige Stadtkind, schüttelt den Kopf. "Viele wissen das gar nicht mehr und denken, das wäre ein Wurmloch." Um so wichtiger sei es, Alternativen zum Hochglanzapfel im Supermarkt zu bieten.

Wer alte Apfelsorten kaufen will, wird unter anderem auf dem Warthof der Familie Sauerbier in Grünberg sowie in zahlreichen Hofläden im Kreisgebiet fündig.

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