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Prof. Claus Leggewie sagt: "Ohne unentschuldigtes Fernbleiben vom Unterricht hätte ›Fridays for Future‹ nicht gezündet."

Klimastreik mit Ziel und ohne Ende?

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Für die einen sind sie eine Jugendgeneration, die sich endlich wieder für ihre Zukunft interessiert. Andere stehen dem Phänomen "Fridays for Future" eher ablehnend gegenüber - bis hin zu offenem Hass im Internet gegen die für einen Wandel in der Klimapolitik streitenden Schüler. Große Ratlosigkeit, wie man mit den sogenannten Schulstreiks umgehen soll. Der Gießener Politologe Claus Leggewie hat einen Vorschlag.

Greta Thunberg bewegt die Welt. Zumindest setzt die 16-jährige Schwedin einen nicht unerheblichen Teil der jungen Generation in Bewegung. Schulstreik für das Klima, lautet das Motto, dem Tausende Schülerinnen und Schüler seit Wochen auf der ganzen Welt folgen. Nicht zur Freude vieler Politiker Lehrer oder Eltern.

Die Meinung zur freitäglichen Lernverweigerung - die entgegen einschlägiger Kommentaren in den sozialen Medien auch während der Osterferien und nachmittags nach dem Unterricht stattfindet - ist geteilt. Die einen haben Verständnis dafür, dass sich junge Menschen Gedanken und Sorgen um ihre Zukunft machen. Die anderen wie FDP-Chef Christian Lindner sprechen ihnen die Kompetenz ab, Klimapolitik beurteilen zu können. Die solle man doch den "Profis" überlassen. Hauptkritikpunkt aber ist: Durch die Streiks werde permanent gegen die Schulpflicht verstoßen. Gar mancher ruft da nach harten Sanktionen gegen die Streikenden.

Das sieht Claus Leggewie anders: "Ohne unentschuldigtes Fernbleiben vom Unterricht hätte Fridays for Future nicht gezündet. So viel ziviler Ungehorsam muss sein, damit der Protest gegen eine viel zu lahme Klimapolitik Wirkung zeigt", sagt der 69-Jährige, der von 1989 bis 2007 als Professor für Politikwissenschaft an der Justus-Liebig-Universität Gießen tätig war. Seine Befürchtung: Wenn der Druck dieser Demonstrationen nachlässt, "vergeben wir die Chance, eine Protestbewegung in praktische Arbeit für den Klimaschutz umzumünzen". Der erfordere nicht nur Verhaltensänderungen bei Einzelnen, wie Greta Thunberg sie anmahne und praktiziere, sondern auch die Veränderung von Institutionen.

Runder Tisch in Gießen vorstellbar

Und dazu gehören nach Leggewies Meinung besonders die Schulen: "Sie bereiten auf das Leben vor, vermitteln aber vielleicht nicht immer den Lernstoff und die Sozialtechniken für die Welt von morgen - um 2030. Es wäre also schade, wenn die aufgeweckte Schülerschaft einfach auf die Schulbänke zurückkehrte und alles weiter ginge wie bisher."

Danach sieht es derzeit jedenfalls aus. Auf der Internetseite fridaysforfuture.desind die nächsten Freitage schon mit zahlreichen Demonstrationsorten vermerkt. Es seien "mutige Schulleiter und -dezernenten" nötig, die den Freitag zum Lernen für die Zukunft reservieren", meint Leggewie. Sein Ziel: "Neue, kooperative und projektbezogene Lernformen erproben, die einen Beitrag zum lokalen und globalen Klima- und Umweltschutz leisten".

Derweil versichert das hessische Kultusministerium, dass durch die Demos kein Unterricht ausfällt. Die Teilnahme während der Unterrichtszeit führe zu einer unentschuldigten Fehlstunde. Darüber hinausgehende Sanktionen seien nicht bekannt und seitens des Ministeriums auch nicht angeordnet, erklärte der stellvertretende Pressesprecher Philipp Bender. Erst bei einer dauerhaften Abstinenz vom Unterricht können Bußgelder verhängt werden."

Bender weist jedoch darauf hin, dass die Schülerinnen und Schüler aus ihrer Sicht für eine bessere Klimapolitik auf die Straße gingen. Sie träten nicht in den Streik gegenüber der Schule oder der Politik des Kultusministeriums. Es sei wichtig, zwischen Streik und Demonstration zu unterscheiden. Im Kultusministerium sieht man die Notwendigkeit für Gespräche mit den Schülern. Das unterstreicht auch Leggewie. Sein Vorschlag: Zeitnah einen runden Tisch einrichten, "an dem Lehrer und Schüler, die Verantwortlichen für den Klimaschutz in Stadt und Land, Vertreter von Einzelhandel und Industrie und der Gießener Hochschulen sowie Parteien und Bewegungen sich zusammensetzen, um ganz konkret ein ›Klima-Lab‹ einzurichten, in dem noch viele Freitage für die Zukunft stattfinden".

Doch wer sollte das organisieren? Das Kultusministerium sieht sich und die Schulämter da nicht in der Pflicht: Die Rolle der Schulverwaltung sei es lediglich, "über die Frage zu entscheiden, wann ein Fehlen vom Unterricht entschuldigt werden kann und wann nicht". Aus dieser Sicht sei der runde Tisch nicht zielführend.

Den Landkreisen obliegt nur die äußere Schulträgerschaft wie das Zurverfügungstellen von Gebäuden. Für den Wetteraukreis stellt Presseprecher Michael Elsaß klar: Der Kreis als Schulträger wird da nicht eingreifen. Zu den genannten runden Tischen können die Schulaufsicht oder vor Ort die Schulleitung einladen." Elsaß verweist aber darauf, dass der Kreistag "das Engagement der Schülerinnen und Schüler für den Klimaschutz" begrüßt hat.

Vogelsbergkreis-Landrat Manfred Görig sieht das Engagement der Jugendlichen in Sachen Klimaschutz ebenfalls positiv. Allerdings: "Fridays for Future spielen im Vogelsbergkreis nicht die große Rolle wie in den Ballungsräumen, in denen regelmäßig Demonstrationen stattfinden." An einen runden Tisch sei daher derzeit nicht gedacht.

Anders in der Stadt Gießen: Sowohl Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz als auch Astrid Eibelshäuser, Dezernentin für Bildung, erklären sich bereit, mit den Vertretern von Fridays for Future "kommunale Handlungsmöglichkeiten zum Klimaschutz zu diskutieren. Das bedeute auch die Teilnahme an einem runden Tisch und die Unterstützung von Unterrichtsprojekten. Dazu gebe es auch schon Gespräche mit einzelnen Schulen. Ähnlich Landrätin Anita Schneider, die sich für eine Diskussion zu Möglichkeiten für mehr Klimaschutz im Landkreis Gießen gesprächsbereit zeigt.

Einig sind sich die politischen Akteure auf der lokalen Ebene jedoch auch darin: Viel mehr können die Kommunen nicht leisten. "Hier ist die Landes- und Bundespolitik gefragt", wie es Landrätin Schneider formuliert. (Fotos: Oliver Schepp/pm)

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