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Landrätin Anita Schneider und Harald Galatis, Geschäftsführer der Biebertaler Blutegelzucht. 2008 wurde aus dem sozialen Projekt ein eigenes Unternehmen.

Kleine Therapiehelfer mit großer Wirkung

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Gießen (pm). Sie sind bis zu 20 Zentimeter groß, bunt gefärbt, elegante Schwimmer und kleine Therapiehelfer. Die Rede ist von Blutegeln. Mehr über jene kleinen Wunderwaffen erfuhr jüngst Landrätin Anita Schneider bei einem Besuch des größten Blutegelanbieters Europas - der Biebertaler Blutegelzucht GmbH.

Gegründet wurde die Zucht einst als Projekt der ZAUG (Zentrum Arbeit und Umwelt - Gießener gemeinnützige Berufsbildungsgesellschaft), zu deren Trägern der Landkreis Gießen gehört. Geschäftsführer Dr. Harald Galatis führte Landrätin Schneider durch das Unternehmen und zeigte ihr die wichtigsten Abteilungen - von Aufzucht bis Versand. "Es ist beeindruckend, wie erfolgreich Sie diese Nische auf dem Markt füllen", sagte Schneider.

Etwa 500 000 Blutegel verkauft das Unternehmen mittlerweile jährlich. Diese guten Ergebnisse führten unter anderem auch dazu, dass die Mitarbeiterzahl von damals 12 auf heute 45 gewachsen ist. "Durch die Schaffung neuer Arbeitsplätze stärken Sie weiterhin die Region und verfolgen mit dieser Beschäftigungsförderung eines der ursprünglichen Ziele des von der ZAUG ins Leben gerufenen Projektes", sagte Schneider.

Blutegel als Fertigarzneimittel

Dieser starke Anstieg liegt unter anderem daran, dass Blutegel seit 2004 offiziell als sogenanntes Fertigarzneimittel eingestuft werden. Nicht nur bei Tieren wie Pferden, Hunden oder Katzen können Blutegel eine heilende Wirkung haben, auch in der Humanmedizin werden sie zunehmend eingesetzt. Durch ihren Speichel, den sie beim Biss absondern, gelangen schmerzstillende Wirkstoffe in den Körper. Diese Stoffe können die Durchblutung fördern und entzündungs- sowie schmerzhemmende Wirkungen erzielen. Drei bis neun Monate lang können sie so den lokalen Schmerz stillen - und das ohne große Nebenwirkungen oder starken Blutverlust.

Ein Egel nimmt pro Mahlzeit ungefähr das Fünf- bis Sechsfache seines Gewichts an Blut auf. Hinzu kommt noch einmal ungefähr dieselbe Menge an Blut, die nach dem Biss nachfließt. Bei einem durchschnittlich großen Ein-Gramm-Egel sind das gerade einmal zehn bis zwölf Gramm. Aber wie bekommt man den Egel dazu, an der richtigen Stelle "anzubeißen"? Und bei welchen Erkrankungen kann er eingesetzt werden? Um das zu vermitteln, bietet die Biebertaler Zucht für Ärzte oder Heilpraktiker Schulungen an. Über 800 Therapeuten bildet sie so jährlich im richtigen Umgang mit der Blutegel-Therapie aus.

Es gibt über sechzig verschiedene Einsatzgebiete, bei denen der Egel helfen kann. So beispielweise bei Arthrose, Rheuma und sogar Tinnitus. Bei all diesen Beschwerden kann der kleine Ringelwurm nachgewiesen Abhilfe schaffen.

Das Potenzial der Egel erkannte damals schon Dr. Manfred Roth, der Gründer der Biebertaler Blutegelzucht. Als Projektentwickler der ZAUG initiierte er das Projekt. So kaufte die ZAUG 1989 das Gelände einer ehemaligen Gärtnerei in Biebertal und schuf mit der Blutegelzucht neue Arbeitsplätze für sozial Benachteiligte und Langzeitarbeitslose. Aufgrund der guten Umsätze und der Ernennung als Fertigarzneimittel wurde 2008 aus dem sozialen Projekt ein selbstständiges Unternehmen.

Neben der Zucht beziehen die Biebertaler auch Blutegel aus der Türkei oder aus Rumänien. Diese kommen anschließend in spezielle Teiche und werden vor Versand 32 Wochen ohne Nahrung gehalten. So werden die Tiere nicht nur "beißfreudiger" bei einer Therapie, sondern es wird auch das Risiko potenzieller in den Egeln vorhandener Viren ausgeschlossen.

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