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Kleine Kinos, große Tragödien

  • VonPatrick Dehnhardt
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Große Visionen und geplatzte Träume, Glamour und sogar ein Mord - die Geschichte der Lichtspielhäuser im Landkreis Gießen ist so spannend wie die Filme, die über die Leinwände flimmerten. Die neue Ausstellung »Kinogeschichte(n)« im Langgönser Rathaus präsentiert Historisches, Nostalgisches und Erheiterndes.

Das Kino war in Zeiten, als es noch keine Fernseher gab oder sich nicht jeder solche Geräte leisten konnte, ein Anziehungspunkt. Von den Nachrichten aus aller Welt in der »Wochenschau« über Komödien, Tragödien und auch manchen »Film ab 18« reichte die Programmvielfalt. Damals gab es in vielen Orten im Landkreis Gießen eigene Kinos oder Vorführungen in Sälen von Gaststätten. Mit der Geschichte dieser Lichtspielhäuser beschäftigt sich die neue Ausstellung »Kinogeschichte(n)«.

Zwar hatte diese bereits vor bald einem Jahr Premiere, sowohl im Laubacher als auch Busecker Rathaus hingen die vom Kreisarchiv gestalteten Plakate bereits an den Wänden. Jedoch war es corona- bedingt praktisch unmöglich, die Ausstellung einfach so zu besuchen. Nun kann sie jeder Interessierte zu den Öffnungszeiten des Rathauses besichtigen.

In Lich und Grünberg existieren noch heute Kinos, in Laubach, Hungen oder Lollar sind sie seit langer Zeit geschlossen. Doch auch Langgöns hat ein kleines Stück Kinogeschichte zu bieten, wie bei der Ausstellungseröffnung überraschend bekannt wurde.

Verantwortlich dafür ist Wilhelm Vogt. Der gebürtige Hungener kam 1946 mit der Arbeiterwohlfahrt Watzenborn-Steinberg ins Geschäft. Diese wollte in der Volkshalle ein Kino eröffnen, um so die »Verlierer des Kriegs« zu unterstützen. Dafür suchte sie professionelle Hilfe und fand sie in Vogt.

Die Publikumszahlen blieben jedoch überschaubar, zudem brachte der Brandschutz Probleme: Denn Filme aus Nitrocellulose neigten dazu, sich ab 38 Grad selbst zu entzünden - weshalb es die bekannten Filmdosen aus Metall gab. Gingen Filme in Flammen auf, wirkten sie wie Sprengstoff - eindrucksvoll in Quentin Tarantinos Film »Inglourious Basterds« dargestellt. Das Kinoprojekt in der Volkshalle scheiterte jedenfalls.

Vogt eröffnete 1949 in der Gaststätte »Krone« in Zusammenarbeit mit Gastwirt Robert Häuser III. ein Ladenkino, Es kamen weitere Ladenkinos in Hungen, Langgöns (bis 1956 in Betrieb) und Großen-Linden dazu. Am 17. April 1954 eröffnete er schließlich einen Kino-Neubau an der Lindenallee Hungen, ein weiterer Neubau folgte in Watzenborn-Steinberg. Zudem übernahm er das Laubacher »Apollo«.

Doch die Träume sollten platzen: Vogt holte zwar die Kinostars zu Werbeterminen in die Provinz. Doch dies konnte nicht davon ablenken, dass er heillos überschuldet war. Zudem spürten die Kinobetreiber Konkurrenz durch das Fernsehen. 1966 war in Hungen Schluss, das Gebäude gehört heute der Textilveredlung Jackl, das Watzenborn-Steinberger Kino wurde zur Werkstatt.

Mörderisch ist die Geschichte des Kinos in Grünberg. Dort wurde 1925 ein Lichtspielhaus in der Gastwirtschaft Beltrop eingerichtet. Eigentümer war Otto Vieregge, der als Homöopath und Masseur nach Grünberg gekommen war und die Gaststätte von seiner Schwiegermutter übernommen hatte.

Pro Jahr lockte das Kino mit seinen 180 Plätzen im Saal rund 1700 Besucher an. Vier-egge war Vorsitzender der NSDAP-Ortsgruppe und galt als Tyrann. »Vieregge beschränkt seine Wutausbrüche nicht nur allein auf seine Familie, sondern auch auf die Besucher seiner Gastwirtschaft und des Kinos«, hielt der Grünberger Bürgermeister fest.

Am 3. März 1938 kam es rund um das Kino zu einem Familiendrama. Elisabeth Vieregge, Tochter des Kinobetreibers, wollte sich mit Willi Paul Will verloben. Ihr Vater hielt diesen jedoch für seiner Tochter unwürdig. Bei einem Streit erschoss der Vater am 3. März 1938 seine Tochter, verletzte seine Frau und den angehenden Schwiegersohn schwer, bevor er sich selbst tötete.

Der Stadt und der Reichsfilmkammer war das Kino Vieregge bereits zuvor ein Dorn im Auge gewesen. Nun wurde der Saal als »weder in kultureller noch baulicher Hinsicht länger geeignet« für Filmvorführungen gesperrt.

Die Ausstellung ist bis 26. November im Langgönser Rathaus geöffnet.

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Der Saal der »Traube« diente in Laubach bis 1970 als Vorführraum.

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