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Mehr Zeit zum Ausruhen, Kennenlernen und Gewöhnen aneinander haben Mutter und Kind derzeit auf der Wochenbettstation der Asklepios-Klinik, wo coronabedingt der große Besucherandrang untersagt ist. SYMBOLFOTO: DPA

Kleine Corona-Gewinner

  • vonChristina Jung
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Corona wirkt sich auf viele Lebensbereiche aus. Oft mit negativen Veränderungen. Auf der Wochenbettstation der Asklepios-Klinik in Lich haben Mitarbeiterinnen positive Entwicklungen beobachtet: als Folge des pandemiebedingten Besuchsverbotes.

Eine Geburt ist anstrengend. Für Mutter und für Kind. Nicht umsonst soll das Wochenbett der Erholung dienen. Zum Ausruhen, zum Kennenlernen, zum Einfinden in das Leben als Familie. Aber meist hat das Neugeborene kaum das Licht der Welt erblickt, da stehen Großeltern, Tanten, Onkel und Freunde schon parat, um es zu begrüßen. Eine aufmerksame Geste, aber purer Stress für Mutter und Kind. Doch der existiert derzeit coronabedingt nicht. Und das wirkt sich auf die Betroffenen positiv aus, wie Sabine Schubert, die an der Asklepios-Klinik in Lich die Wochenstation leitet, in den Monaten der Pandemie beobachtet hat.

Normalerweise wimmelt es auf der Licher Wochenstation von Besuchern. Großer Bahnhof von morgens bis abends, keine Begrenzung von Zeit und Personenzahl pro Patientin. Wegen der Pandemie ist das gerade anders. »Außer den Vätern kommt kein Besuch. Selbst Geschwisterkinder dürfen nicht dabei sein«, erzählt die gelernte Kinderkrankenschwester und ausgebildete Stillberaterin,

Und das hat gleich mehrere positive Effekte. Zum einen sind die Abläufe auf der Station reibungsloser. Schubert und ihre Kolleginnen können ihrer Arbeit ungestört und zeitnah nachgehen, ohne vorher fremde Menschen wegschicken zu müssen, um ein Bett zu beziehen oder eine Patientin und deren Neugeborenes zu versorgen. Sie haben mehr Zeit, auch weil ein Teil der Mütter früher als sonst nach Hause geht, wo ältere Geschwister warten, deren Besuch im Krankenhaus die Corona-Regeln nicht zulassen.

Und natürlich haben die kleinen Familien mehr Ruhe und damit mehr Zeit für sich, was sich auch positiv auf das Stillen auswirkt. »Vorher hatten es viele Frauen eilig, sich zurechtzumachen, jetzt lassen sie ihre Kinder auf der nackten Haut liegen und es ist ganz egal, ob Mama zerzauste Haare hat«, berichtet Dana Rink, die als Hebamme im Licher Kreißsaal arbeitet und außerdem in der Nachsorge tätig ist. »Das Stillen klappt deutlich besser, weil alles viel entspannter ist«, sagt sie. Viele der von ihr betreuten Mütter hätten ihre Kontakte auch zu Hause nicht erweitert. »Sie finden es gut, Zeit zum Ankommen zu haben«, berichtet Rink.

Besuche dagegen bedeuten Stress, wissen Rink und Schubert. Denn die Frauen wollen sich und ihre Umgebung für die Gäste zurechtmachen, sind fokussiert auf den bevorstehenden Termin. Bei diesem wird das Kleine dann herumgereicht. »Es schläft auf vielen Armen, dafür aber in der Nacht nicht mehr«, sagt Schubert. Und die Mutter - erschöpft vom Tag und mehr als erholungsbedürftig - erhält am Ende die Quittung. Dabei »ist es nicht die Aufgabe des Wochenbettes, Besuch zu empfangen, sondern den neuen Erdenbürger kennenzulernen«, sagt Schubert.

Dazu kommt der Informationsstress. Vor allem die weiblichen Besucher bringen meist viele Tipps zum Thema Stillen und Kinderpflege mit, die sie den jungen Müttern gegenüber »einfach ungefragt von sich geben«, so die 56-Jährige. »Ein weiterer Stressfaktor.«

Weil all das aufgrund des Besuchsverbotes wegfalle, seien die Tage nach der Geburt gerade ungestörter als vorher. Schubert sagt: »Die Mutter kann besser auf das Kind eingehen und tut das auch.« Und so sollte es ihrer Meinung nach immer sein. Deshalb wünschen sich Schubert und viele ihrer Kolleginnen für die Zeit nach der Corona-Pandemie eingeschränkte Besuchzeiten und begrenzte Besucherzahlen. Sie hoffen, dass sie in der Chef- und Oberartzrunde auf offene Ohren stoßen, wenn sie die Vorteile aufzeigen.

Einen weiteren möglichen positiven Aspekt der coronabedingten Ruhe versucht Schubert gerade statistisch zu ermitteln. Nämlich, ob diese sich auf die Milchbildung auswirkt und damit auf eine frühere Gewichtszunahme des Säuglings. Aber selbst wenn dies nicht der Fall sein sollte, überwiegen für sie die Vorteile der Situation und sie findet: »Das Wochenbett sollten die Flitterwochen mit dem Baby sein.«

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