Klangkunst fernab vom Schuss

  • vonLena Karber
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Der Klangkünstler Werner Cee wurde kürzlich zum zweiten Mal mit dem Prix Italia ausgezeichnet - einem der wichtigsten Preise der Branche. Die Auszeichnung nahm der 67-Jährige persönlich in Rom entgegen. Sonst lebt er auf einem 17 000 Quadratmeter großen Grundstück zwischen Norddeck und Londorf.

Idyllisches Vogelgezwitscher, heiseres Flüstern, verzweifelte Schreie, elektronische Töne - als Werner Cee die Datei startet, erklingt ein Potpourri aus Geräuschen. Zum Teil überlagern sie sich, wirken wie ein Inferno. An anderer Stelle ist das Tempo reduziert, die Stimmung ruhig. Der Sound, der aus den von der Decke hängenden Boxen klingt, entfaltet sich in dem Raum, dessen Wände unverputzt geblieben sind. Beim Ausbau habe er gemerkt, dass die Akustik in diesem Zustand besonders gut sei, erklärt Cee. Also beließ er es dabei. Schließlich dreht sich bei seiner Arbeit alles um Geräusche: Cee ist ein renommierter Komponist, Klangkünstler, Hörfunkautor und Regisseur.

Für sein vom SWR produziertes Hörspiel "When Weather was Wildlife" wurde der in Allendorf wohnhafte Künstler kürzlich mit dem Prix Italia ausgezeichnet, der als älteste und bedeutendste internationale Auszeichnung für Radio, Fernsehen und Internet gilt. Cee, der den Prix Italia bereits 2010 erhalten hat, nahm den Preis in Rom persönlich entgegen. Die Auszeichnung bedeute ihm viel, sagt er. "Gerade, wenn man so lebt, wie ich hier, ist Bestätigung wichtig."

Damit meint Cee vor allem eins: ab vom Schuss, weit weg von der Kunst- und Kulturszene. Denn der 67-Jährige lebt mit Bettina Obrecht, einer Kinder- und Jugendbuchautorin sowie Übersetzerin, seit etwa zwölf Jahren in der Prophetenmühle zwischen Nordeck und Londorf.

Von der Landstraße geht es rund 300 Meter über einen Feldweg, bis man das Wohnhaus erreicht. Umgeben von goldgelb gefärbten Bäumen liegt es mitten in der Natur und versprüht einen ganz besonderen Charme. Im Hof stehen Körbe voller Äpfel und auf einem weißen Plastikstuhl sonnt sich die Katze. Einige Hühner sind auf der Wiese unterwegs.

Hinter dem Haus gibt es einen Gemüsegarten, doch insgesamt wirkt das Gelände naturbelassen, wild. "Es ist zu zweit kaum zu bewältigen", sagt Cee über die Arbeit, die auf dem 17 000 Quadratmeter großen Grundstück anfalle. Auf der Wiese würden sie Pferde weiden lassen, erzählt er. Dann werde diese wenigstens abgeweidet. Unter anderem habe der Postbote gefragt, ob sein Pferd dort grasen kann - einer der wenigen Berührungspunkte zum Ort. Der Umgang mit den Allendorfern sei "angenehm und freundlich", sagt Cee. "Aber das, was ich hier mache, ist für viele doch eine fremde Welt."

Ursprünglich stammt Cee aus Friedberg-Dorheim. In Frankfurt hat er an der Städelschule studiert. Anschließend arbeitete er bis in die 1980er Jahre hinein als freischaffender, bildender Künstler sowie als Musiker in der experimentellen Rockmusikszene. Später verlagerte er sich dann auf Klang- und Lichtinstallationen sowie elektroakustische Kompositionen.

"Ich arbeite noch immer wie ein Maler", erzählt Cee. Die Länge des Stücks stelle er sich zunächst vor wie die Größe der Leinwand. Dann gehe es um Grundfragen zum Aufbau und zur Technik, um (Farb-)stimmungen - und natürlich um das Motiv. "Ich mache keine Musik um der Musik Willen", betont er.

Am Beispiel von "When Weather was Wildlife" wird deutlich, was Cee damit meint: Hier geht es um den Klimawandel. Historische Ereignisse wie Vulkanausbrüche spielen dabei ebenso eine Rolle wie das Thema Climate Engineering, also die künstliche Beeinflussung des Wetters.

"Ist der Planet, wie er jetzt aussieht, eine natürliche Sache oder ist das schon künstlich?", fasst Cee die grundlegende Frage des Stücks zusammen.

Eine Antwort bleibt der 67-Jährige schuldig. "Ich lasse die Elemente nebeneinander stehen und versuche, den Schluss immer offen zu lassen", sagt er. "Ich lege lieber Spuren. Und wer den Spuren folgt, wird jede Menge interessante Sachen entdecken."

Obwohl das Thema politisch ist, verzichtet Cee auf den erhobenen Zeigefinger - auch wegen der Geschwindigkeit medialer Diskurse. Ein Kunstwerk sollte "nicht so stark im Zeitgeist verankert sein, dass es nach fünf Jahren nicht mehr aktuell ist", sagt er, sondern "allgemeingültiger".

Normalerweise sind Veranstaltungen für Cees Arbeit zentral, wegen Corona konnte zuletzt jedoch kaum etwas stattfinden. Immerhin, betont der Klangkünstler, habe er aktuell einige Radio-Projekte in Arbeit. "Und das Radio gewinnt gerade eigentlich."

Cee muss für Aufnahmen auch nicht zwangsläufig in ein Aufnahmestudio fahren: In der Prophetenmühle hat er alles, was er für seine Arbeit braucht.

Deshalb hat Cee auch häufig Künstler aus aller Welt zu Gast. "Viele kommen einfach gerne hierher", sagt er und schmunzelt. Und während der Pandemie habe sich die Entscheidung für das Landleben auch für ihn bewährt. "Als das im Frühjahr losging, hatte ich das Gefühl, ich habe im Lotto gewonnen", sagt er.

Obwohl er "manchmal raus in die Stadt" muss, weiß Cee aber auch ohne Corona um die Vorteile des Landlebens. Dass man so auf sich allein gestellt sei, führe zu einer "Freiheit im Denken", sagt er. "Die Zeit läuft hier anders." Dann schließt er die Dateien und geht in den Garten, um seiner Partnerin in der Oktobersonne bei der Apfelernte zu helfen.

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