Mittagessen mit Abstand: In der Kita am Kinzenbacher Blumenring ist der Neustart am Dienstag gelungen. 
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Mittagessen mit Abstand: In der Kita am Kinzenbacher Blumenring ist der Neustart am Dienstag gelungen. 

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Kitas im Kreis Gießen: Kritiker melden sich zu Wort - Kreative Modelle gesucht

  • Rüdiger Soßdorf
    vonRüdiger Soßdorf
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Hessens grüner Sozialminister Kai Klose spricht von eingeschränkter Regelbetreuung. Kritiker nennen es erweiterte Notbetreuung. Eltern hadern mit dem langsamen Hochfahren der Kindertagesstätten. Und erwarten von den Trägern kreative Lösungen.

Seit Dienstag dieser Woche können auch im Kreis Gießen mehr Kinder als bislang in den Kitas betreut werden - über die Notbetreuung hinaus theoretisch alle. Rein praktisch ist man von einem Regelbetrieb noch weit entfernt. Denn ein großer Teil der Kinder muss weiter zu Hause bleiben. Kita? Ja, aber eben nur tage- oder wochenweise und nicht durchgängig. Bestenfalls kommen wohl 50 Prozent der Zeit zusammen, die sonst abgedeckt ist. Denn die Betreuung ist davon abhängig, ob jede einzelne Kita die Kapazitäten hat. Die Gruppengrößen sind halbiert, Abstandsregeln sind einzuhalten - all das sind limitierende Faktoren.

Die Gemengelage jedenfalls sorgt für Unmut und Frust bei den Eltern. Es gibt Kritik aus der Politik. In den Kommunen ebenso wie etwa von Ex-Familienministerin Kristina Schröder (CDU). Denn nach wie vor müssen viele Eltern mit ihren Arbeitgebern über Zeiten verhandeln, müssen anderweitig Betreuung organisieren. Eingeschränkte Regelbetreuung klingt nach Standardangebot von 8 bis 16 Uhr, nur ohne Zusatz-Goodies. Also eine Betreuung, mit der Eltern mit Blick auf ihre Arbeit kalkulieren können. Doch davon ist die Realität mancherorts weit entfernt. "Wir laufen hier weiter wie in Notbetreuung", klagt ein Wettenberger Vater. Ein anderer kann nicht nachvollziehen, nach welchen Kriterien Kinder in die Betreuung kommen dürfen - oder eben noch nicht.

Der Fernwalder Elternbeirat Sebastian Lehmann beispielsweise sieht "Kinder und Eltern diskriminiert, nur weil die Eltern den falschen Beruf haben". Und nennt dies "Benachteiligung in Bildung und Erziehung". Von einem "Schlag ins Gesicht der Eltern" spricht er angesichts des dortigen Konzepts. Weil eben über die Notbetreuung hinaus nur die Vorschulkinder betreut würden.

Wieder andere Eltern plädieren für Platz-Sharing und fordern das Betreuen unabhängig von beruflichen Auswahlkriterien. Da ist es jetzt Sache des Trägers, die Dinge kreativ anzugehen. Just dies wird vielerorts von Eltern vermisst. Etwa in Fernwald oder in Wettenberg. Weil Eltern teils überhaupt nicht oder nicht umfassend in die aktuellen Konzepte eingebunden wurden.

Matthias Schulz von den Wettenberger Grünen sieht ebenfalls, "dass offenbar andere Gemeinden weitergehende Betreuungen anbieten". Er plädiert für "kreative Ideen" und einen runden Tisch, um in einem transparenten Dialog über die weiteren Öffnungsschritte zu entscheiden und den Eltern und deren Vertretern die Gegebenheiten direkt darzulegen. Schulz: "Die Eltern mitnehmen. Das ist die Idee." Besonders, wenn noch freie Betreuungskapazitäten vorhanden wären.

Aber das sei kaum der Fall, sagt der Wettenberger Bürgermeister Thomas Brunner. Angesichts der reduzierten Gruppen (15 Kinder bei den über Dreijährigen und maximal zehn bei den Jüngeren), der Hygienekonzepte und der Personalsituation gehe mehr nicht als das, was jetzt angeboten werde. Brunner spricht von einer täglich schwankenden Auslastung von 82 bis 100 Prozent.

In Wettenberg stünden aktuell nicht alle Kita-Kräfte zur Verfügung, weil sie aufgrund von Alter oder Vorerkrankungen selbst zur Risikogruppe gehörten. "Weitere vorhandene Räumlichkeiten können somit nicht genutzt werden", sagt Brunner.

Vieles ist mit heißer Nadel gestrickt: Erst Mitte vergangener Woche konnten die Eltern in den Kindertagesstätten landauf, landab darüber informiert werden, wie es nun laufen soll. Denn bis Dienstag hatten alle Träger auf die Ausführungsbestimmungen aus Wiesbaden gewartet.

Also sucht jeder Träger seinen Weg: Die Lebenshilfe, die 13 Kitas betreibt, lässt zunächst die rund 110 Vorschulkinder zurückkehren. Am 15. Juni dürfen dann alle weiteren folgen. In Buseck etwa soll jedes Kind zumindest einen Betreuungstag die Woche haben. In Grünberg werden über die Notfallbetreuung hinaus alle Kinder unter drei Jahre sowie Vorschulkinder betreut. Darüber hinaus wird eine Betreuung im Wochenrhythmus angeboten

Dieses Modell der Betreuung in einem Zwei-Wochen-Rhythmus praktizieren auch Heuchelheim und Staufenberg. Um es an einem Beispiel deutlich zu machen: In der Kinzenbacher Kita am Blumenring sind rund 25 Kinder dauerhaft in der Notbetreuung. Mehr als 50 weitere Kinder, die sonst die Einrichtung besuchen, sind in zwei Gruppen eingeteilt und wechseln sich wochenweise ab: Die einen kommen in dieser Woche und bleiben dafür in der nächsten Woche wieder zu Hause bei den Eltern. Dann sind die anderen dran. Konkret: Diese Woche sind 25 Kinder aus der Notbetreuung da, plus 23 weitere.

Entwickelt hat dieses Konzept Michaele Bellof, seit 41 Jahren Erzieherin und langjährige Gesamtleitung in Heuchelheim. "Mein erster Job ist, das Kind und dessen Wohl zu sehen und einen Weg zu finden, mit dem es am besten klarkommt", sagt Bellof. Elternbeirätin Hanna Preiß aus Heuchelheim zeigt sich zufrieden, auch wenn es bestenfalls eine 50-Prozent-Betreuung ist: "So ist es für jedes Kind gerecht. Eltern und Arbeitgeber können damit vernünftig im Wochenrhythmus planen."

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