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Für Eisverkäufer wie Robil Agirman (r.) sind die hohen Temperaturen wie schon im vergangenen Sommer gut für das Geschäft.

Kirsch-Sahne gegen die Bullenhitze

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Wenn Robil Agirman im Sommer mit seinem Sprinter am Inheidener See vorfährt und die Klingel drückt, rennen ihm Menschen hinterher und werfen ihm Handküsse zu. Der 34-Jährige verkauft selbst gemachtes Eis aus dem Wagen heraus. An heißen Tagen wie heute arbeitet er 17 Stunden.

Es ist heiß, 33 Grad im Schatten. Kinder planschen im Wasser, lachen, rennen barfuß durch das Gras. Hunderte liegen unter Sonnenschirmen am Ufer. Und dann ist es plötzlich zu hören: ein rasselndes, helles Klingeln - eines der schönsten Geräusche des Sommers am Inheidener See. Menschen stehen auf, rennen dem heranbrausenden Wagen hinterher. Wieder und wieder drückt Robil Agirman die Klingel, hält an, steigt aus und öffnet die rechte Seite des Fahrzeugs. Der 34-Jährige verkauft selbst gemachtes Eis.

Seit drei Jahren fährt Agirman jeden Sommer täglich mehrere Stellen des Sees ab. Auf die Frage, wie das Geschäft läuft, blickt er nach oben in den blauen Himmel. Für Eisverkäufer ist die Hitze wie schon im vergangenen Sommer gut für das Geschäft. "Es könnte auch mal weniger sein", sagt er mit einem Augenzwinkern - und meint damit vor allem die Temperaturen.

Um 5 Uhr hat sein Arbeitstag begonnen. In den Räumen des Eiscafés "Kilian" in Hungen, das er mit seinem Bruder betreibt, hat er das Eis zubereitet. Abends ist er oft bis 22 Uhr im Einsatz. "Ich habe 17-Stunden-Tage. Und ich arbeite von Montag bis Sonntag." Auf die Frage, wie er sich fit halte, sagt er mit einem Augenzwinkern: "Zucker. Mein Eis macht mich glücklich." Hin und wieder nehme er auch mal einen Tag frei, räumt er ein. Grundsätzlich ernähre er sich gesund, trinke viel Wasser. "Und im Winter, wenn die Eissaison vorbei ist, habe ich ein paar Monate frei." Doch eins ist klar: Das Leben ist kein Eistütenschlecken.

Karina schleppt sich am späten Nachmittag unter der brütenden Sonne zum Eiswagen. Die junge Frau plaudert mit zwei Freunden. "Der Planet brennt", sagt einer von ihnen. "Ich bestelle einen Milchshake. Zum Löffeln bin ich zu faul."

Kirsch-Sahne ist am gestrigen Dienstagnachmittag der Renner unter den Eissorten. "Werd weicher", sagt Agirman einmal plötzlich, als er zwei Kugeln in eine Waffel löffeln will. "Wie bitte?", fragt eine Kundin irritiert. "Ach", sagt der Gastronom. "Ich rede nur mit meinem Eis."

Mit Humor und Leichtigkeit übt Agirman seinen Beruf aus. Er genieße den Job, sagt er in einer kurzen Pause. "Man lernt, wie die Leute ticken." Der 34-Jährige lehnt sich leicht nach draußen aus dem Eismobil, als sich ein älteres Paar dem Wagen nähert. "Da ist auf jeden Fall Haselnuss dabei", tippt er, was das Paar bestellen wird. Die Kunden halten vor ihm, der Mann sagt: "Zwei Kugeln im Becher bitte. Erdbeere und Mango." Ganz leicht huschen Falten der Enttäuschung durch Agirmans Gesicht. Falsch geraten. "Er hat ein bisschen wie eine Haselnuss ausgesehen", sagt er später im Scherz.

Vor drei Jahren haben Agirman und sein Bruder die Eisdiele und damit auch den Eiswagen übernommen, das Geschäft besteht seit Jahrzehnten. Vor ein paar Monaten war am Inheidener See noch ein weiteres Eismobil einer anderen Diele aus Nidda unterwegs. Die Konkurrenz ist verschwunden. Am Ende hätten das bessere Eis und die Preise entschieden. Agirman verkauft die Kugel für einen Euro.

Immer wieder während des Tages wechselt er den Standort am See und nimmt dafür die Straße zwischen Inheiden und Trais-Horloff. Kurz nach 16 Uhr heben am Straßenrand zwei Bauarbeiter die Arme und winken, als würden sie Hilfe brauchen. Agirman stoppt den Wagen. Und die Arbeiter, gezeichnet von einem heißen Tag ohne Schatten, rufen: "Zweimal Spaghettieis." Der Eismann geht nach hinten. "Die Pressmaschine ist kaputt", sagt er. "Aber ich mache euch Spaghettiklöße."

Zurück am See ist irgendwann eine Frau im pinkfarbenen Bikini die Erste in der Schlange. Doch sie nähert sich dem Eiswagen nicht, bleibt mit drei Metern Abstand vor dem Fahrzeug stehen. "Schokolade und Vanille", bestellt sie rufend. Als das Eis zubereitet ist, huscht sie schnell aus dem Schatten über den heißen Asphalt zum Eismobil. "Denk an was Kühles", sagt Agirman und reicht ihr das Eis.

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