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Kirchvers von oben: Links oben führt die Straße nach Krumbach, im Ortszentrum sticht der Kirchturm hervor.

"Von oben"

Kirchvers bietet mehr als ein attraktives Schwimmbad

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Kurz hinter der Kreisgrenze liegt Kirchvers. Ein Ausflug in das Dorf lohnt sich, und dies nicht nur wegen des Waldschwimmbades. Dort gibt es vieles zu entdecken.

Als Tim Frühling dieses Jahr sein Buch "111 Orte in Mittelhessen, die man gesehen haben muss" vorstellte, hat er definitiv einen Ort vergessen: Denn darin ist nichts über Kirchvers zu lesen. Dabei hat dieses Dorf einiges Sehenswertes, aber auch Kurioses zu bieten, was definitiv einen Ausflug wert ist. Jedoch sollte man sich über ein Risiko vor solch einem Ausflug im Klaren sein: "Wer einmal hier war, der geht nie wieder", sagt Margarete Fiedler, vor acht Jahren mit ihrem Mann hierher gezogen. Und da ist was Wahres dran.

Wer nur die reinen Zahlen betrachtet, wird diesem Geheimnis jedoch nicht auf die Spur kommen: Rund 930 Einwohner zählt der Lohraer Ortsteil, der 1130 erstmals urkundlich erwähnt wurde. Heimatforscher gehen davon aus, dass das Dorf wesentlich älter ist. Zudem gibt es in der Gemarkung urkundlich belegte, wesentlich ältere Wüstungen. Der Name hat übrigens nichts mit einem Reim zu tun, sondern dem Bach Vers, der früher direkt an der Kirche vorbeigeflossen sein soll.

Mit einem Kindergarten, dem kleinen Nahversorger Graml und einer Sparkassenfiliale haben die Kirchverser drei Dinge vorzuweisen, um die sie manch anderer Ort gleicher Größe beneiden dürfte. Zudem gibt es zwei Gaststätten, "Die alte Post" und das "Schützenhaus". Auf den Feldern rund ums Dorf züchtet ein Landwirt Bio-Gemüse für das Netzwerk solidarische Landwirtschaft: Kürbisse, Kohl und Kartoffeln aus dem Verstal kommen in Marburg, in Gießen und auch auf der Schmelzmühle in den Handel beziehungsweise auf den Tisch.

Orientiert in Richtung Gießen

Doch nicht nur auf den Feldern des Biohofs wird geackert: Insgesamt 120 Arbeitsplätze gibt es direkt im Dorf, wobei ein Großteil auf die Firmen Elektro Rühl und Solar Rühl sowie den Baggerbetrieb Burkhard Barth entfallen. Zudem pendeln bereits seit Jahrzehnten viele Kirchverser nach Gießen, Lollar und Heuchelheim. Insgesamt sei das Dorf arbeits- und einkaufstechnisch Richtung Gießen orientiert, sagt Ortsvorsteher Bernd Willershausen. Der Versuch, im Zuge der Gebietsreform die Dörfer an der Vers zu einer eigenen Gemeinde zusammenzubringen, wurde von der hessischen Landesregierung abgelehnt; eine Eingemeindung in Biebertal scheiterte ebenfalls. Kirchvers kam per Landesgesetz 1974 zu Lohra. Das Dorf hat sich jedoch ein hohes Maß an Selbstständigkeit bewahrt. "Entweder bauen wir es selbst oder wir unterhalten es", gibt Willershausen das inoffizielle Motto des Dorfs wieder. Das neue Löschfahrzeug HLF 10 passt nicht ins alte Feuerwehrhaus? Dann errichtet die Feuerwehr in Eigenleistung eine neue Fahrzeughalle. Vom Land fließt kein Geld für die Erneuerung des Dorfplatzes? Dann kümmert sich der Dorfverschönerungsverein darum. Das Schwimmbad soll nicht dicht gemacht, dafür aber geschlossen werden? Nicht mit den Kirchversern.

Rühriger Schwimmbadverein

Das Waldschwimmbad ist eines der Dinge, die Kirchvers besonders machen: Der Lehrer Friedrich Walther - nach ihm hat man übrigens eine Straße benannt - hatte die Schüler einst auf die Idee gebracht, ein Schwimmbad zu bauen. Das war 1930. Der Lehrer ging nach zwei Jahren weiter, das Bad aber blieb und wurde ein Treffpunkt für Generationen. 1991 galt es als "Totalschaden" und wurde geschlossen. Daraufhin taten sich engagierte Bürger zusammen, sanierten das Bad ab 1994 grundlegend. Der Schwimmbadverein ist einer der Ältesten in Hessen. 2011/2012 wurde ein neues Servicehaus errichtet, zudem wird das Wasser im Becken per Solaranlage vorgeheizt. Stammgäste kommen sogar eigens aus Gießen und Buseck angereist. Übrigens: Direkt hinterm Schwimmbadzaun beginnt die Wettenberger Gemarkung.

Auch die Besucher des benachbarten privaten Campingplatzes nutzen gerne das Schwimmbad. Doch es kommt auch nicht selten vor, dass man hier neben dem Kirchverser Dialekt Berlinerisch hört. Denn Wilmersdorf ist quasi die inoffizielle Partnerstadt, mitten im Wald weht die Berliner Fahne. Bis 1967 hatte die Stadt Gießen in Kirchvers einen Zeltplatz. Diesen übernahm danach West-Berlin, schickte Erholungssuchende aus der geteilten Stadt an die Vers. Berlin hatte viele solcher Zeltplätze im Westen, doch nach der Wende verschwanden fast alle. Nur der in Kirchvers nicht. "Wir besuchen uns regelmäßig gegenseitig, der Kontakt ist sehr gut", sagt Willershausen. Das erklärt auch, warum es mitten im Dorf einen Berliner Platz gibt - übrigens immer am 1. Mai Schauplatz des Backhausfestes.

Trampender Rentner

Das Berliner Feriencamp grenzt an das behindertengerechte Freizeitheim des St. Elisabethvereins, das ebenso wie das Freizeitgelände der hessischen Jugendfeuerwehren und das Schützenhaus Verstal im "Freizeitgelände Kirchvers" angesiedelt ist. So etwas kann nun wirklich nicht jedes Dorf bieten. Von hier aus hat man einen guten Blick auf die Kreuzmühle. Die alte Mühle, in der einst auch Getreide zu Mehl vermahlen wurde, hat nur ein kleines Problem: Die Vers führt meistens wenig Wasser. So kann es Minuten dauern, bis sich genügend Wasser angesammelt hat, damit sich Mühlrad einen Augenblick lang bewegt.

Zwischen Kirchvers und dem nächsten Autobahnanschluss liegt lediglich Krumbach. Eine gute Verkehrsanbindung, jedenfalls wenn man das Auto nutzt. Denn Linienbustechnisch ist es eher mau: Da hier die Grenze zwischen RMV und VGO verläuft, können die Kirchverser seit Jahren nur von einer direkten Verbindung nach Gießen träumen. "Die Busfahrer funken ja nicht mal auf der gleichen Frequenz", sagt Willershausen. Das ist besonders für einen 94-jährigen Kirchverser ärgerlich, der regelmäßig mit den Bus nach Gießen fährt. Schon mehr als einmal klappte auf dem Rückweg der Anschluss in Krumbach nicht, musste der Senior als Anhalter auf einen netten Autofahrer hoffen. Zumindest hier trifft der Satz "Früher war alles besser" zu: Von 1947 bis in die 1990er Jahre gab es eine Direktverbindung nach Gießen.

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