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Pfarrer Traugott Stein und der kleine Anas im großen Gemeindesaal in Daubringen.

»Kirchengemeinde ist keine Insel«

  • vonVolker Heller
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Er will »bei den Leuten sein«. Die konkrete Arbeit mit Menschen hat für Traugott Stein besonderes Gewicht. Der Daubringer Pfarrer wird heute 60. Was er tut, erscheint ihm als selbstverständlich.

In Pandemiezeiten betätigt sich Pfarrer Traugott Stein schon mal als Türmer. Dreimal die Woche erklimmen Mitglieder des Posaunenchores Daubringen die Stufen hoch im Glockenturm der evangelischen Kirche an der Friedhofstraße. Trompeter Stein schmettert dann die Liebe Gottes in Notenform über die Dächer des Daubringer Oberdorfes. Inzwischen kommt vieles zusammen, was einen Pfarrer gedanklich ganz schön umtreiben kann. Stein erzählt es gerne im Interview. Der drahtig wirkende Gottesmann hat tatsächlich einiges zu berichten. Nicht nur, weil er am heutigen Mittwoch sechs Lebensjahrzehnte vollendet.

Ein Lichtblick im September

Trotz vieler »Baustellen« schafft es Stein, eher ausgeglichen, ja neugierig, denn unstet auf das Gegenüber zu wirken. Sein Erzählen wirkt auf das Wesentliche konzentriert. Was er tut, erscheint ihm als selbstverständlich. Das Licht der Öffentlichkeit scheut Stein nicht, aber im Mittelpunkt muss er nicht stehen.

Der Gesprächstermin im großen Gemeindesaal bringt auch zugleich ein Anliegen des Pfarrers ans Tageslicht. Kirche mit Gemeinderäumen und dem Pfarrhaus nebenan wurden am 12. Juli 1970 eingeweiht. Das 50-jährige Bestehen der evangelischen Kirche Daubringen ist ergo wegen der Corona-Pandemie ausgefallen. Stein hat den 5. September dieses Jahres als Nachholtermin mit einem dann kleineren Programm ins Auge gefasst.

Anliegen zwei lässt nicht lange auf sich warten. »Es« ist dreieinhalb, wuselt ausdauernd herum, ist dunkelhäutig, gebürtig in Belgien und hat seine familiären Wurzeln in Somalia am Horn von Afrika: Der kleine Anas und seine junge Mutter genießen zurzeit Kirchenasyl in Daubringen.

Hilfe für Menschen in Not

Der Junge wirkt ebenso neugierig wie der Pfarrer selbst, lernt deutsche Vokabeln gleichsam nebenbei und darf nach dem Pressetermin dem Pfarrer beim Klavierspielen auf die Finger schauen. Für Steins Mentalität ist der Einsatz für Kirchenasyl geradezu typisch. »Bei den Leuten zu sein«, die konkrete Arbeit mit den Menschen, das hat Gewicht (die erste Corona-Impfung hat er schon). Im Pfarrbüro sitzt Stein eher ungern. »Die Kirchengemeinde ist keine Insel«, so sein Verständnis.

»Was ist in der Kommune los«, das will er wissen. Politische Dinge hier und darüber hinaus berühren ihn. »Menschen in Not im Rahmen unserer Möglichkeiten zu helfen« treibt Stein um. 2018 hatte der Kirchenvorstand einstimmig erstmals die Asylgewährung beschlossen.

Noch ein Anliegen sind die bevorstehenden Vorstandswahlen. 2021 werden wieder Ehrenamtliche für sechs Jahre Dienst gesucht. Veränderungsprozesse innerhalb der Amtskirche sieht Stein mit Gelassenheit auf sich zukommen. Er fragt sich insgeheim, ob er bis zum Ruhestand in Daubringen bleiben wird. Vieles spricht dafür. Nur eines ist in trockenen Tüchern: die Fusion der Dekanate Kirchberg, Grünberg und Hungen zum neuen Dekanat Gießener Land am 1. Januar 2022. Aus Kosten gründen will die Amtskirche Flächen und Gebäude abstoßen. Mögliche Auswirkungen im Lumdatal sind noch nicht offiziell geäußert worden. »Von alleine« funktioniert dieser Tage schon das kollegiale Kooperieren von Stein mit Pfarrer Andreas Luipold (Lollar) und der Staufenberger Vakanzvertretung, Pfarrer Günter Schäfer.

Die frühere Pfarrstelle von Jutta Martini sei gerade ausgeschrieben, sagt Stein. Wieder ein Anliegen mehr. Stein ist in dem Zusammenhang auch die Nennung der Gemeindepädagogin Antje Koob als vielseitige Ansprechpartnerin wichtig. Seit Pandemiebeginn vermisst Stein die Begegnungen. Telefon und Internet seien kein gleichwertiger Ersatz. Dennoch nutzt er die Technik für Gottesdienste auf Youtube oder digitale Erlebnistouren (»Actionbound«). Einen Passionsweg zu Ostern können Nutzer selber wählen. Details dazu gibt es auf der Internetseite der Kirchengemeinde Kirchberg, Staufenberg, Mainzlar, Daubringen (www. evangelisch-kirchberg.ekhn.de).

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