Was bisher an Weihnachten eher die Ausnahme war, könnte in diesem Jahr coronabedingt zur Regel werden: Viele Kirchengemeinden planen ihre Krippenspiele und andere Gottesdienste im Freien. Das Foto zeigt Kinder der evangelischen Kirche Fellingshausen, die ein Krippenspiel im Wald aufführen. ARCHIVFOTO: WS
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Was bisher an Weihnachten eher die Ausnahme war, könnte in diesem Jahr coronabedingt zur Regel werden: Viele Kirchengemeinden planen ihre Krippenspiele und andere Gottesdienste im Freien. Das Foto zeigt Kinder der evangelischen Kirche Fellingshausen, die ein Krippenspiel im Wald aufführen. ARCHIVFOTO: WS

Corona-Weihnacht

Kirchen setzen auf neue Formate, mehr Vielfalt und Outdoor-Gottesdienste

  • vonChristina Jung
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An kaum einem Tag sind die Kirchen so voll wie an Heiligabend. In diesem Jahr aber überschattet die Corona-Pandemie das Fest. Die Kirchengemeinden stellt das vor neue Herausforderungen.

Wenn am Nachmittag des Heiligen Abends in der evangelischen Kirche in Großen-Buseck die Orgel erklingt, die Gemeinde sich erhebt und "Ihr Kinderlein kommet" anstimmt, dann findet sich im Gotteshaus am Anger buchstäblich kein freier Platz mehr. Jede Bank und jeder Stuhl, die Treppenstufen zur Empore, der Gang, sämtliche vorhandenen Ecken und Nischen - überall befinden sich kleine und große Menschen, die das Krippenspiel sehen wollen. Proppenvolle Kirchen gehören zu Weihnachten wie Hirten, Engel und die heilige Familie. Nicht nur in Großen-Buseck. Doch angesichts coronabedingter Abstands- und Hygienevorschriften sind sie in diesem Jahr undenkbar.

Und das stellt die Gemeinden vor besondere Herausforderungen. Kreativität und vor allem Flexibilität sind gefragt, denn wer weiß schon ob das, was heute Grundlage für Planungen ist, auch in vier Wochen noch das Gebot der Stunde sein wird.

Kürzer dafür öfter

Mögliche Fragen schon durchdenken, bevor sie sich stellen. Mehrgleisig fahren, was die Angebote für die Gläubigen angeht. Kürzere Gottesdienste, die dafür öfter gefeiert werden. Neben der Kirche auch andere Örtlichkeiten berücksichtigen, insbesondere die an der frischen Luft. All das prägt gerade vielerorts die Gedankenspiele.

Nicht alle Wünsche erfüllbar

Drei Gottesdienste finden in der evangelischen Kirche in Großen-Buseck an Heiligabend normalerweise statt. In diesem Jahr werden es sechs sein, die dafür kürzer ausfallen. Ziel ist es, möglichst viele Gemeindemitglieder zu erreichen, die an Weihnachten normalerweise zu Hunderten in die Kirche strömen. Schon jetzt sind die Anmeldelisten gut gefüllt. "Wir werden wohl nicht alle Wünsche erfüllen können", so Pfarrer Jürgen Kuhn. Denn derzeit ist in der Kirche bei 60 Besuchern Schluss.

Ab ins Freie

Immerhin 100 Menschen dürfen es am Nachmittag sein. Denn für den Familiengottesdienst planen Pfarrer Jürgen Kuhn und sein Team das, was vielerorts angedacht ist: Die Verlagerung der Feierlichkeiten ins Freie. Das Krippenspiel soll nicht in der Kirche aufgeführt werden, sondern auf dem Gelände davor. Gespielt wird in zwei kleinen Gruppen, um die vorgeschriebenen Abstände einzuhalten. Die Gemeinde steht auf dem extra dafür abgesperrten und mit Bodenmarkierungen versehenen Anger, zu dem es einen Eingang und einen Ausgang geben wird. Zuschauen darf nur, wer angemeldet ist.

Neue Formate

Auf Freiluftangebote setzt man auch in vielen anderen Gemeinden. Beispielsweise in Lich. "Uns war von Anfang an sonnenklar, dass wir kein klassisches Krippenspiel machen können", sagt Barbara Lang, Pfarrerin der Marienstiftsgemeinde. An Weihnachten sei das evangelische Gotteshaus, das im Landkreis zu den großen zählt, "gestopft voll". Nachmittags und zur Christvesper sei mit 500 Menschen zu rechnen, bei der Christmette am späten Abend mit 300. Allerdings lässt das Hygienekonzept aktuell maximal 100 Menschen zu. Für Lang und ihre Mitorganisatoren kam da nur eine Lösung in Betracht: "Wir müssen nach draußen gehen."

Bei Anruf Gottesdienst

Geplant sind für den Nachmittag einzelne Stationen - vermutlich in der Innenstadt -, die das Krippenspiel in mehreren Elementen erfahrbar machen soll. Ein ökumenisches Projekt in Zusammenarbeit mit der Pfarrei St. Paulus Lich und der Christusgemeinde. Die Christvesper am frühen Abend wird dann auf dem Kirchenplatz stattfinden und auch online übertragen, die Christmette wird zwei Mal gefeiert, dafür aber in der Marienstiftskirche.

Andere Formate spielen in diesem Jahr eine größere Rolle als sonst. Bei Anruf Gottesdienst beispielsweise. Ein Konzept, das Pfarrer Christian Stiller und Pfarrerin Christin Neugeborn erstmals an Ostern für die Gemeinden Ettingshausen, Harbach, Hattenrod und Biebertal angeboten hatten.

Weihnachtsbäume schmücken

Die katholischen Pfarrgruppe Am Limes, zu der die Pfarreien in Langgöns, Linden und Pohlheim gehören, setzt neben einem Mehr an Gottesdiensten (elf statt drei) am Heiligen Abend auch auf ein digitales Angebot. Darüber hinaus gibt es verschiedene Aktionen, um Weihnachten zu den Menschen zu bringen. Familien beispielsweise, die an den Feiertagen einsame Menschen besuchen, um - mit großem Abstand natürlich - an deren Haustür gemeinsam Weihnachtslieder zu singen. Oder das Projekt "Wir schmücken den Weihnachtsbaum", eine Kooperation mit Stadtmission und der evangelischen Kirche, auf deren Initiative es zurückgeht. Die Idee: Jeder kann sich in der Adventszeit bei den Gemeinden bis zu fünf leere Kunststoffkugeln abholen, sie gestalten und dann je eine verschenken beziehungsweise behalten und die restlichen am Heiligen Abend an die Bäume in den offenen Kirchen hängen. Als sichtbares Zeichen der Verbundenheit sozusagen.

Mehr Aufwand bei Planung udn Umsetzung

Ein Mehr an Angeboten, außerdem eine größere Vielfalt. Das bedeutet für Planung und Umsetzung vor Ort zwar einen größeren organisatorischen und personellen Aufwand, ist aus Sicht der Akteure aber unvermeidbar und notwendig, wie Dr. Kerstin Rehberg-Schroth, Pastoralreferentin der katholischen Pfarrgruppe Am Limes, findet. Rehberg-Schroth: "Wir müssen ja jederzeit damit rechen, dass das, was wir gerade planen, in vier Wochen nicht mehr möglich sein wird."

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