Anderthalb Jahre war die Pfarrstelle in Grüningen vakant. Ab Februar wird Jutta Martini auf der Kanzel Gottesdienste halten. FOTO: SRS
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Anderthalb Jahre war die Pfarrstelle in Grüningen vakant. Ab Februar wird Jutta Martini auf der Kanzel Gottesdienste halten. FOTO: SRS

Nachwuchsmangel

Den Kirchen gehen die Pfarrer aus: Wie die Dekanate im Kreis Gießen darauf reagieren

  • vonStefan Schaal
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Den Kirchen gehen die Pfarrer aus. Bis zum Jahr 2030 tritt fast jeder zweite Priester und Pastor in den Ruhestand. Der Mangel an Nachwuchs trifft auch die Dekanate im Kreis Gießen. Fest steht: Den Gemeinden stehen schwere Einschnitte bevor.

Die Erleichterung ist mit jedem Wort zu spüren. Endlich sei die Pfarrei wieder besetzt, sagt Martin Noack, Vorsitzender des Vorstands der evangelischen Kirchengemeinde in Grüningen. "Anderthalb Jahre sind vergangen", fügt er hinzu. "Eine lange Zeit." Der überraschende Abschied der Pfarrerin Uta Wendel in ihre Heimat in der Lausitz hat die Gemeinde im August 2018 getroffen. Monatelang habe man vergeblich eine Nachfolgerin gesucht, sagt Noack. Erst nach mehreren Ausschreibungen ging eine Bewerbung ein.

Auch wenn nun im Februar Pfarrerin Jutta Martini ihre Stelle in Grüningen antritt, macht die lange Suche vor allem eines deutlich: Den Kirchen gehen die Pfarrer aus. Bundesweit werden den beiden großen christlichen Kirchen bis 2030 rund 14 000 Priester und Pastoren fehlen. Fast jeder zweite Pfarrer geht in den kommenden zehn Jahren in den Ruhestand. Die Gemeinden auch im Kreis Gießen müssen sich auf große Veränderungen einstellen.

Die voraussichtliche Entwicklung in den nächsten zehn Jahre ist durchaus besorgniserregend. Während im evangelischen Dekanat Grünberg bis 2030 sechs von 20 Priestern in den Ruhestand gehen, werden im Dekanat Hungen in zehn Jahren von derzeit 14 Pfarrern nur noch vier im Dienst sein. Im Dekanat Kirchberg sind es 2030 gar nur noch zwei von aktuell 15. André Witte-Karp vom evangelischen Dekanat Gießen spricht von einem "Ruhestandsproblem".

Die Kirchen stellen sich allerdings der Herausforderung. Das katholische Dekanat Gießen kündigt an, dass mit großen Veränderungen zu rechnen ist. Bis März besuchen derzeit Vertreter des Dekanats die zwölf Kirchengemeinden. Ziel ist, im Dialog mit den Gemeinden im kommenden Jahr ein Zukunftskonzept fertigzustellen. "Wir gehen bis 2030 von einem Rückgang der pastoralen Mitarbeiter - also Priester, Diakone sowie Pastoral- und Gemeindereferenten - um 40 Prozent aus", sagt Alexandra Haustein, die Dekanatsreferentin.

Im katholischen Dekanat werden derzeit Ideen diskutiert, die vor wenigen Jahren noch undenkbar waren. Für sämtliche zwölf Gemeinden sei zukünftig auch nur noch eine Pfarrei eine Möglichkeit, sagt Haustein. "Wir denken über ein neues Leitungsmodell nach." Eine gemeinsame Verwaltung in ein bis drei Einheiten werde außerdem erwogen. Gottesdienste könnten rotieren. Und Ehrenamtliche könnten zunehmend Gottesdienste übernehmen. "Aus der Not heraus entstehen so vielleicht kreative Lösungen."

Haustein ist sich sicher: "Das Rollenverständnis innerhalb der Gemeinden wird sich ändern." So könnten zum Beispiel auch Gemeindereferenten einzelne Kirchengemeinden als wichtigste Ansprechpartner de facto leiten. "Sie sind in vielen Fällen ohnehin die große Konstante."

Benachbarte Gemeinden werden zweifellos stärker zusammenarbeiten und Pfarrstellen teilen müssen - oder sie fusionieren wie im Januar die evangelischen Gemeinden Heuchelheim und Kinzenbach. In Biebertal legen ab Februar mehrere Kirchengemeinden ihre Verwaltungen zusammen.

Immer häufiger dürften Gottesdienste im Wechsel zwischen Gemeinden stattfinden. Zunehmend blieben dann in mehreren Kirchen des Kreises sonntags die Kanzeln leer - und die Bänke unbesetzt. Auf die Frage nach Wünschen angesichts des Nachwuchsmangels erklärt Barbara Alt vom evangelischen Dekanat Hungen, sie fühle sich "ziemlich machtlos gegen geburtenschwache Jahrgänge und eine schwindende Akzeptanz von Kirche in der Gesellschaft."

Auf jeden Fall werde es weniger "Kür-Angebote" im Pfarramt geben", sagt indes Norbert Heide, der evangelische Dekan in Grünberg. "Bedauerlich" wäre die Entwicklung des zunehmenden Mangels an Pfarrern vor allem, "wenn Angebote wie Studienreisen, die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen oder anderen Zielgruppen gänzlich aus dem pfarramtlichen Kanon gestrichen werden müssen."

Wenn Pfarrer zukünftig immer häufiger für mehrere Gemeinden verantwortlich sind, müssen sie sich allerdings auf ihre Kernaufgaben besinnen: "Seelsorge und Predigten", wie Heide sagt. Dies könne "heilsam" sein, erklärt der Dekan, wenn Pfarrer gleichzeitig Aufgaben in der Verwaltung abgeben könnten. "Derzeit sind Pfarrer oft Mädchen für alles", stimmt ihm André Witte-Karp vom evangelischen Dekanat Gießen zu.

Um Nachwuchs für Pfarrstellen zu gewinnen, werde auch mit Dienstwagen oder mit einer Zulage für eine Stelle in einer strukturschwachen Region gelockt, berichtet der Grünberger Dekan Heide. Bisher allerdings ohne Erfolg.

Doch auch seine evangelischen Dekanskollegen glauben, dass man den Pfarrerberuf attraktiver gestalten muss. "Es geht auch um Vereinbarkeit von Familie und Beruf", sagt Witte-Karp. "Ich bin überzeugt davon, dass der Pfarrerberuf einer der schönsten und abwechslungsreichsten Berufe ist, für die man sich entscheiden kann", sagt Hans Theo Daum vom Dekanat Kirchberg. Man müsse für den Beruf mehr werben.

Die Dekane sind sich zudem darin einig, dass der Mangel an Pfarrern auf dem Land stärker zu spüren sein wird als in der Stadt. Gemeinden mit guter Verkehrsanbindung, ärztlicher Versorgung und kulturellen Angeboten sind auch für Priester und deren Familien attraktiver. Heide aus Grünberg schlägt ein verpflichtendes Praktikum auf dem Land in der Ausbildung von Priesternvor. "Auch im Vogelsberg, auch im Gießener Land kann man leben, ob man es glaubt oder nicht."

Ideal wäre natürlich ein Pfarrer Anfang 30 mit Berufserfahrung, der die nächsten 30 Jahre bleibt, sagt unterdessen Martin Noack vom Kirchenvorstand in Grüningen mit einem Augenzwinkern. Die lange Suche nach einer Pfarrerin und die voraussichtlichen Veränderungen in den kommenden Jahren beschäftigen ihn. Ein rotierender Gottesdienst möglicherweise nur noch alle 14 Tage in der Grüninger Kirche stehe zwar aktuell nicht bevor. "Aber das wäre furchtbar." Ihn schrecke das Gefühl einer "Entwicklung, die sich anscheinend nicht aufhalten lässt".

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