"Kinder brauchen Mimik"

  • vonChristina Jung
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Noch gilt sie hierzulande erst ab Klasse fünf. Aber schon kommende Woche könnte die Regierung eine Maskenpflicht im Unterricht auch für Grundschüler anordnen. Die Schulleiter stellt das vor ein Dilemma - Unterrichtsqualität contra Gesundheitsschutz?

Die Beschlussvorlage, die Angela Merkel den Länderchefs am Montag vorgelegt hatte, sah unter anderem eine Maskenpflicht im Unterricht auch für Grundschüler vor. Zwar ist die Bundeskanzlerin bekanntermaßen mit ihren Maßnahmen am Widerstand der Ministerpräsidenten gescheitert. Die Verschärfungen sind aber nicht vom Tisch. Für kommende Woche wurden Rechtsänderungen angekündigt, die Einschnitte bringen könnten - auch das verpflichtende Tragen eines Mund-Nase-Schutzes im Unterricht für die Kleinsten.

"Ich bin hin und hergerissen, was das angeht", sagt Jürgen Vesely, Leiter der Erich-Kästner-Schule in Lich. Der stellvertretende Vorsitzende des Interessenverbandes hessischer Schulleiter (IHS), der sonst für seine klare Haltung bekannt ist, sieht sich in diesem Fall zwischen zwei Stühlen sitzen - dem des Schulleiters, der auch eine Fürsorgepflicht gegenüber seinem Kollegium hat, und dem des Pädagogen.

Einerseits sei er für das Tragen eines Mund-Nase-Schutzes im Unterricht, denn das biete allen immerhin einen minimalen Schutz, der für die Lehrer, die seit Wochen mit einem mulmigen Gefühl unterrichteten, auch aus psychologischer Sicht wichtig sei. Als Pädagoge aber hält er die Maskenpflicht in der Grundschule für "hochproblematisch", befürchtet, dass die Unterrichtsqualität leidet. Und das hat verschiedene Gründe.

Zum einen die Konzentrationsfähigkeit der Kinder, die aus seiner Sicht reduziert sein wird, zum anderen die eingeschränkte Interaktion. Gestik und Mimik von Mitschülern und Lehrern seien nicht mehr richtig einzuschätzen, außerdem würde man unter einer Maske schlechter verstanden. Vesely: "Die ganzheitliche Wahrnehmung ist nicht mehr gegeben und das macht die Vermittlung von Lerninhalten auf jeden Fall schwerer."

"Kinder brauchen Mimik", findet auch Heike Becker, die gemeinsam mit Anja Peppler die Grundschule am Diebsturm in Grünberg leitet. Zwar halten die Pädagoginnen die Maskenpflicht im Unterricht mit Blick auf das Infektionsgeschehen für eine "gute Zielsetzung". Aber sie erschwere die Kommunikation und somit das Lehren und Lernen erheblich. Julia Schäfer, Leiterin der Goetheschule in Großen-Buseck, geht sogar noch einen Schritt weiter. Insbesondere mit Blick auf den Schriftspracherwerb in der ersten Klasse - man nehme die Buchstaben M und N - findet sie: "Das können wir nicht mit Maske machen". Schäfer hofft auf die Umsicht der Regierung und dass es nicht soweit kommt. Immerhin seien "die Grundschulen nicht die Infektionsherde".

Carolin Schleenbecker, Leiterin der Wilhelm-Leuschner-Schule in Heuchelheim, sieht die Maskenpflicht im Unterricht aus pädagogischer Sicht ebenfalls kritisch, hält sie aber für absolut notwendig, um die Pandemie einzudämmen. "Außerdem sei sie auf jeden Fall besser als Wechsel- oder gar Distanzunterricht, findet Schleenbecker.

"Jeder Tag, den wir gemeinsam verbringen können, ist ein gewonnener Tag." Und deshalb versucht sie mit ihrem Team trotz aller Umstände - Abstands- und Hygieneregeln, Maskenpflicht außerhalb des Unterrichts, Lüften - den Kindern eine "normale Lebenswirklichkeit" zu bieten.

Daran festzuhalten ist aus ihrer Sicht dringend notwendig, auch wenn das das Tragen eines Mund-Nase-Schutzes im Unterricht bedeuten würde. Denn wenn die Kinder nach der Schule nach Hause kommen, sind sie im Lockdown. Kein Sport, kein Musikunterricht, wenig Kontakt mit Freunden. Schleenbecker: "Das macht ganz viel mit ihnen und das dürfen wir nicht aus den Augen verlieren."

Die Schule offen halten, das ist auch das oberste Ziel von Anke Limper, Leiterin der Mittelpunkt-Grundschule in Hungen, und ihrem Team. Die Gesundheit habe höchste Priorität, Masken im Unterricht seien im Vergleich zu einer Erkrankung das kleinere Übel. Würde dieses kommende Woche auch für die Erst- bis Viertklässler zur Pflicht - Limpers Kollegium trägt wie viele Lehrer an anderen Schulen ohnehin bereits Mund-Nase-Schutz -, "würden wir sie vernünftig umsetzen", sagt Limper. Mit pädagogischem Augenmaß, beispielsweise mit entsprechenden "Atempausen" zwischendurch. Limper findet: "Wir leben in einer Pandemie und jeder muss seinen Beitrag leisten, damit wir schnell durch die Krise kommen."

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