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300 Kilometer flussabwärts

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25 000 Bambusstämme. 300 Kilometer flussabwärts. Eine gefährliche Mission. Grimme-Preisträger Shaheen Dill-Riaz hat die Flößer Bangladeschs mit seinem Team begleitet. Sein Film ist kommende Woche im Traumstern zu sehen. Im Interview erzählt der Regisseur und Kameramann, warum eine Beziehung zu den Protagonisten wichtig ist und wie ihn seine Drehs verändern.

In Ihren Filmen nehmen Sie besondere Arbeitswelten am Rande der Gesellschaft in den Blick, die meist in Armut spielen. Wie ist es, danach in das von Überfluss und Konsum geprägte Deutschland zurückzukehren?

Shaheen Dill-Riaz: Ein Stück weit muss man sich daran wieder gewöhnen. Da ich immer wieder in solche Welten eintauche, kenne ich das. Aber man hat nach so einem Dreh eine andere Perspektive gewonnen. Die Aufenthalte machen mir bewusst, wie gut es uns hier geht und dass das nicht selbstverständlich ist.

Wünschen Sie sich, dass Ihre Filme bei den Zuschauern ein Umdenken bewirken?

Dill-Riaz: Auf jeden Fall. Und die Feedbacks, die ich immer wieder bekomme, zeigen mir, dass es tatsächlich so ist. Das motiviert mich, weiterzumachen.

In ihrem neuen Film Bamboo Stories begleiten Sie die Bambusschneider Bangladeschs aus dem Nordosten des Landes in die Hauptstadt Dhaka - 25 000 Stämme im Gepäck. Wie lange waren Sie unterwegs?

Dill-Riaz: Zunächst haben wir zwei Wochen am Flussufer gefilmt, wo das Floß aufgebaut wurde, dann zwei Wochen auf dem Wasser. Bei einem zweiten Dreh waren wir für weitere zwei Wochen mit den Holzfällern im Wald unterwegs.

Der Weg führt 300 Kilometer auf dem Floß flussabwärts. Gab es da auch gefährliche Situationen?

Dill-Riaz: Im Gegensatz zu anderen Teams ist uns nichts Schlimmes passiert, außer dass ein paar Schutzgeldjäger die Flößer unter Druck gesetzt und die Polizei immer wieder genervt hat. Allerdings haben wir eine Strecke gemieden, die für Angriffe von Flusspiraten bekannt ist. Mein Team und ich sind vorher aus- und zehn Kilometer weiter wieder zugestiegen.

Toilette, Bad, Waschküche - der Fluss ist alles in einem. Sein Wasser wird auch zum Kochen benutzt. Kommt man als zivilisierter Mitteleuropäer damit klar?

Dill-Riaz: Ich bin ja in Bangladesch geboren und aufgewachsen, habe 23 Jahre in diesem Land verbracht. So etwas ist mir also nicht fremd. Das Leben auf dem Fluss war trotzdem etwas gewöhnungsbedürftig, aber wir mussten ja mit der Realität klarkommen. Trinkwasser haben wir uns allerdings immer in den Häfen gekauft, um Krankheiten zu vermeiden.

Wie nah kommt man den Protagonisten bei so einem Dreh?

Dill-Riaz: Ziemlich nah, wenn man ihnen vertraut und klarmacht, was man möchte. Wenn man sich für sie interessiert und auch von sich selbst erzählt, entsteht eine Beziehung zu diesen Menschen. Und das ist sehr wichtig.

Warum?

Dill-Riaz: Weil sie dann ziemlich schnell vergessen, dass die Kamera läuft. Und nur so können Filme entstehen, die sich von den journalistischen Fernsehbeiträgen unterscheiden.

Schon "Sand und Wasser", Ihr Diplomfilm, wurde 2002 ausgezeichnet. Mittlerweile gehören Sie zu den Grimme-Preis-Trägern, eine Auszeichnung, die Sie 2010 für "Eisenfresser" erhielten. Wie begann Ihre persönliche Film-Geschichte?

Dill-Riaz: Bereits als Kind war ich fasziniert davon, wenn Geschichten über Bilder erzählt wurden. Ich spielte nie viel mit anderen, war eher introvertiert und mit meinen eigenen Gedanken beschäftigt. Kinofilme waren für mich Erlebnisse, in die ich gerne eingetaucht bin.

Wie kam es dazu, dass Sie irgendwann die Position hinter der Kamera bezogen?

Dill-Riaz: Nach der Schule kam ich in Kontakt mit den Filmclub-Aktivisten in Dhaka. Sie animierten mich dazu, an Produktionen mitzuwirken und Kritiken zu schreiben. Dann wollte ich Film studieren und habe es getan.

Wie kommen Sie zu Ihren Themen?

Dill-Riaz: Meistens stoße ich zufällig darauf. Und wenn mich etwas grundsätzlich interessiert, bin ich inspiriert. Dann frage ich mich, ob sich eine Verfilmung des Stoffes lohnt, den Zuschauern mehr bieten wird als journalistische Dokumentationen. Die zweite Frage ist dann, wie das Thema filmisch umsetzbar ist, also ob die Personen und Bilder eine längere Geschichte auf der Leinwand tragen. Nach diesen Kriterien entscheide ich letztlich.

Wie sieht Ihr Alltag aus, wenn Sie nicht gerade drehen?

Dill-Riaz: In meiner Freizeit lese ich viel und schaue mir Filme an. Beruflich bin ich als Kameramann immer wieder in kleineren Projekten unterwegs.

Wie viele eigene Projekte machen Sie im Jahr?

Dill-Riaz: Maximal eins, denn es dauert rund zwei Jahre, bis so ein Film fertig ist. Bisher habe ich neun eigene Filme gemacht.

Was kostet so ein Film und wie wird er finanziert?

Dill-Riaz: Bamboo Stories hat etwa 220 000 Euro gekostet, andere, zum Beispiel "Eisenfresser", über 400 000 Euro. Die habe ich nicht selbst produziert, sondern eine andere Firma, die diesen unter anderem mit Filmförderung finanziert hat. Diese Möglichkeit bestand auch bei Bamboo Stories, aber da wir die Zeit nicht hatten, mussten wir darauf verzichten und haben selbst Geld investiert. Nicht immer bekommt man das wieder rein. Ich sehe das als Investition in meine berufliche Zukunft.

Welchen Ihrer Filme finden Sie am Besten und warum?

Dill-Riaz: Oh, da kann ich keinen aussuchen. Es sind ja quasi alle meine Kinder. Aber natürlich bin ich auf den "Eisenfresser" stolz. Weil die Produktion unglaublich harte Arbeit war und das Ergebnis sehr, sehr gut ist. Ebenso "Der Vorführer". Ein kleines Projekt, aber der junge Protagonist war ein großes Geschenk und ich habe viele Parallelen zu meinem Sohn entdeckt, der damals im selben Alter war.

Welche Verbindung haben Sie zu Lich?

Dill-Riaz: Mit Unterstützung der Organisation NETZ Bangladesh, die in Bezug auf Armutsbekämpfung die Inhalte meiner Filme mit ihrer Arbeit in Verbindung bringt und sie dem Publikum präsentiert, war ich bereits zweimal auf Kinotour in Deutschland, auch in Lich. Nun bin ich zum dritten Mal im Traumstern, einem wunderschönen Kino und freue mich darauf. Dort kam es jedes Mal zu wunderbaren Begegnungen mit einem tollen Publikum.

Ob den Vorarbeiter beim Bündeln der Stämme (l.) oder den Holzfäller beim Bambus-Transport durch einen Kanal ins Tal (r. u.) - Regisseur und Kameramann Shaheen Dill-Riaz (r. o.) hält alle Eindrücke mit der Kamera fest. Fotos: pm

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