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Ab Anfang kommenden Jahres könnten Radfahrer im Lindener Mittelweg Vorfahrt haben. Man wolle Anwohner ergebnisoffen befragen, sagt die Stadt.

Klimaschutz

Großen-Linden: Geplante Fahrradstraße im Mittelweg diskutiert

  • VonStefan Schaal
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In Großen-Linden soll ein Weg in eine Fahrradstraße umgewidmet werden - ein erster konkreter Erfolg der Klimainitiative Linden. Ein Besuch bei einem Treffen der Initiative macht deutlich, welche Rolle Ängste und Befürchtungen spielen, wenn Aktive kleinste Forderungen durchsetzen wollen.

Gießen - In zehn Tagen steht in Linden eine bemerkenswerte Diskussion bevor. Anwohner dürfen Befürchtungen ansprechen: Fallen Parkplätze in ihrer Straße weg? Soll gar der Autoverkehr verdrängt werden? Im Mittelpunkt steht wohlgemerkt nur die Umwidmung eines Wegs in Großen-Linden in eine Fahrradstraße. Doch geht es dabei um Fragen des Klimaschutzes auf kleinster Ebene, konkret, mit realen Unsicherheiten, ohne abstrakt wirkende Zahlen, ohne allgemeine Grundsatzdebatten.

»Eigentlich ist es nur ein kleines Sträßchen«, sagt Sandra Herrmann. Dann fügt sie hinzu: »Warum muss das so ein Akt sein?« Die stellvertretende Vorsitzende der Klimainitiative Linden sitzt mit einem halben Dutzend Mitstreitern im Gemeindesaal der Evangelischen Kirche in Großen-Linden. Sie bereiten sich auf eine Anwohnerversammlung am 25. November zum geplanten Verkehrsversuch im Lindener Mittelweg vor.

Auch unter den Klimaschützern selbst ist nicht jedem klar, was eine Umwidmung in eine Fahrradstraße eigentlich bedeutet. »Autos werden weiter durch den Mittelweg fahren können«, betont daher Axel Zeiler-Held, der Vorsitzende, gleich zu Beginn. »Fahrräder haben dort dann aber Vorfahrt.«

Der Mittelweg sei indes so schmal, dass dort nach einer Umwidmung und einem geltenden Mindestabstand von 1,50 Metern ein Überholen von Fahrrädern durch Autos nicht mehr möglich wäre, ergänzt Zeiler-Held.

Fahrradstraße in Großen-Linden: Maximal vier Parkplätze fallen weg

»Eine solche Regelung wäre eigentlich nur ein Minimum«, erwidert Herrmann und bringt für einen Moment ins Spiel, mehr zu fordern. Der Mittelweg werde von Fahrradfahrern bisher ohnehin eher weniger genutzt. Sie würde einen solchen Verkehrsversuch in einer Hauptverkehrsstraße bevorzugen, beispielsweise in der Frankfurter Straße. »Das ganz große Fass sollten wir nicht aufmachen«, warnt daraufhin eine Frau. »Wir wollen keinen Shitstorm.« Und schon diskutieren die Klimaschützer untereinander: Wieviel dürfen sie fordern, ohne abgestempelt zu werden als realitätsfremde Idealisten? Auf die Gefahr, gar nichts zu erreichen?

In Gießen gibt es die ersten Fahrradstraßen seit anderthalb Jahren, im Umland sind sie noch selten. In Buseck ist im September die erste Fahrradstraße freigegeben worden, anfangs äußerten Busecker vor allem in den Sozialen Netzwerken Ängste. So wurde fälschlicherweise gemutmaßt, dass eine Autofahrt zum Bahnhof oder zur Hausarztpraxis durch die Fahrradstraße nicht mehr möglich sei. Die Gemeinde reagierte mit einer Informationsveranstaltung und räumte Befürchtungen aus. Durch eine Fahrradstraße ändere sich nicht allzu viel, erklärte damals Eckhard Neumann, Vorsitzender der Busecker Gemeindevertretung. »Letztlich dienen derartige Maßnahmen der Sicherheit aller Verkehrsteilnehmer«, sagte Busecks Bürgermeister Dieter Haas.

Mit Bedenken wie in Buseck rechnen nun auch die Lindener Klimaschützer. »Wir müssen die Vorteile hervorheben«, sagt Herrmann. »Eine Fahrradstraße trägt zur Verkehrsberuhigung bei.« Auch die Nähe zur fahrradtouristischen Lahn-Limes-Route gelte es hervorzuheben. Maximal vier Parkplätze würden im Mittelweg wegfallen.

Fahrradstraße in Großen-Linden: Klimaschützer stoßen auf Hindernisse

Auf Hindernisse stoßen die Klimaschützer ohnehin bereits im Umgang mit den Behörden. Ein provisorischer Radstreifen an der Frankfurter Straße, ein sogenannter Pop-up-Radweg, scheiterte vor wenigen Wochen am Tag der Deutschen Einheit, weil Hessen Mobil Einspruch erhoben hatte; der Lkw-Verkehr hätte umgeleitet werden müssen.

Nun, beim Mittelweg geht es um wenige Hundert Meter, in denen Fahrräder Vorfahrt erhalten sollen. Die Lindener Klimaschützer äußern sich sonst selbstbewusst, seit wenigen Wochen sind sie ein Verein, um auf stabileren Beinen zu stehen. „Ich weiß nicht, ob es ohne uns einen Klimamanager in Linden gäbe“, sagt Zeiler-Held. Geht es allerdings um die konkrete Forderung der Fahrradstraße, lässt die Klimainitiative aus Erfahrung heraus Vorsicht und Sensibilität walten.

Zumindest bei der Stadt stößt ihr Wunsch auf Wohlwollen - auch weil es als Entgegenkommen nach dem gescheiterten Pop-up-Radweg zu verstehen ist. »Wir stehen der Idee positiv gegenüber«, sagt Tim Schneider, der Leiter des Ordnungsamts. Ergebnisoffen wolle man die Haltung der Anwohner erfragen. Eine Schranke nahe der Firma Tucker könnte Schneider zufolge durch Poller ersetzt werden. Anfang 2022 könnten zudem Schilder aufgestellt und der Mittelweg mit einer farblichen Markierung als Fahrradstraße gekennzeichnet werden. »Linden ist eine Autostadt«, sagt unterdessen eine der Klimaschützerinnen. »Da sind dicke Bretter zu bohren.«

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