Vor allem Menschen, die auch zuvor schon zu viel getrunken haben, sind aktuell besonders gefährdet, eine Sucht zu ent- wickeln, sagt Sibylle Goller vom Beratungszentrum Laubach und Grünberg. ARCHIVBILD: DPA
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Vor allem Menschen, die auch zuvor schon zu viel getrunken haben, sind aktuell besonders gefährdet, eine Sucht zu ent- wickeln, sagt Sibylle Goller vom Beratungszentrum Laubach und Grünberg. ARCHIVBILD: DPA

FÜR HILFESUCHENDE

Keine Zahlen, aber Befürchtungen

  • vonLena Karber
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Die aktuelle Situation stellt viele Menschen vor neue Herausforderungen, gerade solche mit Suchterkrankungen. Steigt wegen Corona auch die Zahl der Rückfälle und Neuerkrankungen? Auch wenn es noch keine belastbaren Zahlen gibt, befürchtet Sibylle Goller vom Beratungszentrum Laubach und Grünberg, dass im Zuge der Lockerungen noch einiges zum Vorschein kommen wird.

Suchtberatung per Telefon? Davon hielt Sibylle Goller lange Zeit nichts. "Ich war der Meinung, dass das nicht intensiv genug ist", sagt sie. Doch in den vergangenen Wochen ging es eben nicht anders. Corona ließ nur die Arbeit am Telefon zu. "Und ich muss sagen, es hat bei manchen Leuten richtig gut funktioniert."

Goller ist Suchtberaterin im Beratungszentrum Laubach und Grünberg. Sie sagt, zu ihrem Erstaunen klappte das Prozedere am Telefon nicht nur mit langjährigen Klienten, sondern sogar mit Neuaufnahmen oftmals richtig gut. "Obwohl ich schon so lange im Geschäft bin, habe ich dazu-gelernt."

Trotzdem befürchtet Goller, dass Corona im Bereich der Suchterkrankungen negative Folgen haben wird. Mit Sorge hatte sie schon Mitte März die Schließungen von Entgiftungseinrichtungen beobachtet. "Dass nur noch die krassesten Notfälle aufgenommen werden konnten, hatte auch Konsequenzen für die stationären Therapieeinrichtungen", sagt sie. Ohne Entgiftung konnten die Patienten dort nicht therapiert werden. Hinzu kam, dass viele niederschwellige Angebote schließen oder ihre Kapazitäten herunterfahren mussten, während es in Städten wie Frankfurt gleichzeitig zu einer Knappheit im Bereich der illegalen Drogen kam - keine gute Gemengelage. "Da hatte Corona schon krasse Auswirkungen", sagt Goller.

Nun ist die Situation im ländlichen Bereich eine andere. In Grünberg, wo es viele Substituierte gibt, konnte die Versorgung auch in den Wochen der starken Beschränkungen gewährleistet werden. Doch bedeutet das Entwarnung? Goller vermag es nicht zu sagen. Noch kann sie keine steigende Beratungs- und Therapienachfrage oder Rückfälle feststellen. Es gebe aber eben auch noch keine belastbaren Zahlen, sagt sie. Und: "Pauschale Aussagen sind immer schwierig."

Trotzdem befürchtet Goller, dass die Pandemie mit ihren Einschränkungen durchaus negative Folgen haben wird. Etwa weil Selbsthilfegruppe lange Zeit nicht zusammenkommen konnten. "Diese Gruppen sind für viele Süchtige sehr wichtig", sagt sie. "Ich gehe daher davon aus, dass manche rückfällig werden."

Und nicht nur Rückfälle, auch neue, beziehungsweise schlimmer werdende Sucht- erkrankungen hält Goller für plausibel. Unsicherheit, Existenzängste, Angst vor Krankheit, Überforderung im Alltag, fehlende Routinen - es gibt viele Faktoren, die Menschen aktuell verzweifeln lassen.

"Eine Droge wird ja oft genommen, um sich zu beruhigen", sagt Goller. "Und gerade beim Trinken ist die Abstufung schwierig: Ab wann ist es zu viel?" Menschen, deren Konsum ohnehin bereits grenzwertig war, hält sie für besonders gefährdet. Dadurch, dass mehr zu Hause getrunken werde, fehle die soziale Kontrolle. Und wer durch Kurz- arbeit weniger arbeitet, öffnet das Feierabendbier möglicherweise einfach früher. Oder derjenige trinkt eben abends das eine oder andere Glas mehr, weil er morgens nicht so früh raus muss und die Kontrolle fehlt.

Hinzu kommt noch eine ganz andere Problematik. Alkoholkonsum und häusliche Gewalt stehen oft im Zusammenhang. Kinder verbringen wegen der Kita- und Schul- beschränkungen derzeit viel mehr Zeit zu Hause. Dass weder die Suchtberatung, noch die Jugendämter oder die Polizei aktuell einen dramatischen Anstieg von häuslicher Gewalt bemerken, müsse nichts heißen, sagt Goller. "Es besteht durchaus die Befürchtung, dass noch mehr zum Vorschein kommt, wenn es weitere Lockerungen gibt."

Goller hält es daher für wichtig, dass sich der Alltag von Suchtkranken im Zuge der Lockerungen langsam normalisiert. Dazu gehört, dass die Beratungsstelle Grünberg - unter Einhaltung der Abstands- und Hygienegebote - mittlerweile wieder persönliche Gespräche anbieten kann. Goller freut das - auch, wenn die Arbeit mit Masken schwieriger sei, weil Mimik eben auch eine Rolle spielt.

Zum Abschluss hat Goller noch eine ungewöhnliche Episode aus der Zeit des Lockdowns parat: Kürzlich hatte sie für einen langjährig abhängigen Klienten eine Therapie beantragt. Der Mann trank über die Maßen. Die Therapie wurde bewilligt, stellte sich letztlich aber als überflüssig heraus. "Dem Mann ging es zu Corona-Zeiten so schlecht, dass er das nicht mehr wollte", erzählt Goller und meint damit nicht die Therapie, sondern den Alkohol. Der Mann habe es in der Krise tatsächlich geschafft aufzuhören. "Auch im Suchtbereich", sagt Goller, "erlebt man immer wieder Überraschungen".

Das Beratungszentrum Laubach und Grünberg bietet außer Drogen- und Suchtberatung auch Erziehungs- und Familienberatung sowie Beratung bei psychosozialen Problemen an. Träger ist der Verein für psychosoziale Therapie (www.vpst-laubach.de). Das Beratungszentrum ist zuständig für Menschen aller Altersgruppen aus dem östlichen Landkreis.

Die Beratungen können telefonisch, per E-Mail, Video-Chat oder unter Hygieneauflagen auch wieder persönlich stattfinden. An beiden Standorten sind die Mitarbeiter montags von 9 bis 12 Uhr, dienstags von 14 bis 17 Uhr, donnerstags von 14 bis 18 Uhr und freitags von 9 bis 12 Uhr erreichbar.

Telefon Standort Laubach: 06 40 5/90 23 6, Telefon Standort Grünberg: 06 40 1/90 23 6. pm

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