+
Unverhofft kommt oft: Der frühere Vizekanzler und SPD-Bundesvorsitzende Franz Müntefering besucht gemeinsam mit dem SPD-Bürgermeisterkandidaten Julien Neubert in Lich das Seniorenzentrum der Oberhessischen Diakonie und schaut bei Elfriede und Werner Berk rein, die dort im betreuten Wohnen leben.

"Keine Generation lebt für sich allein"

  • schließen

Er war Minister, SPD-Bundesvorsitzender und Vizekanzler. Nun machte Franz Müntefering Wahlkampf für Julien Neubert, der in Lich Bürgermeister werden will. Bei seiner Visite ging es um ein Thema, das alle Generationen betrifft: alt werden.

Dass ein ehemaliger Vizekanzler plötzlich so mir nichts, dir nichts in ihrer gemütlichen Wohnung am Rande des Schlossparks steht, hätten sich Elfriede und Werner Berk nun wirklich nicht träumen lassen. Doch genau das ist den Eheleuten, die vor gut vier Jahren aus Mücke ins Licher Seniorenzentrum gezogen sind, gestern passiert. Franz Müntefering schaute herein. Der frühere SPD-Bundesvorsitzende machte Wahlkampf. Nicht für sich, sondern für seinen Parteifreund Dr. Julien Neubert, der in Lich Bürgermeister werden will. Der demografische Wandel ist ein Schwerpunktthema in seiner Kampagne, und Müntefering kann dazu allerhand sagen. Erstens ist er Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen (BAGSO) und zweitens mittlerweile auch schon 79. "Älter werden - da kann ich mitreden", sagte er in einer Gesprächsrunde in der proppenvollen Cafeteria der Seniorenanlage des Oberhessischen Diakoniezentrums. Dorthin hatte Neubert zum Abschluss seines Thementages "Älter werden in Lich" eingeladen.

Der 32-jährige Sozialdemokrat aus Lich und der 47 Jahre ältere SPD-Promi aus Nordrhein-Westfalen haben sich kennengelernt, als Neubert für seine Doktorarbeit recherchierte und Müntefering dafür interviewte. Dass er seinen Parteifreund im Wahlkampf unterstützen würde, war für "Münte" Ehrensache. Solidarität sei auch zwischen Alt und Jung wichtig. "Keine Generation lebt für sich allein."

Seniorensozialarbeit und die Wohnsituation älterer Menschen sind zwei Punkte, denen Neubert im Falle seiner Wahl besonderes Augenmerk schenken möchte. Also besuchte er mit seinem populären Gast zunächst das Gemeindeschwesterprojekt in Muschenheim, wo die Sozialdemokraten mit etwa 40 interessierten Besuchern im Kommunikatonszentrum zu Mittag aßen, und dann das Seniorenzentrum der Diakonie. Es bietet neben 56 Pflegeplätzen in acht Hausgemeinschaften auch betreutes Wohnen für Senioren wie das Ehepaar Berk an. "Ich bin kurz davor, mich auf die Warteliste setzen zu lassen", scherzte Müntefering, nachdem ihn Einrichtungsleiterin Gabi Schäfer-Klaus und Pflegedienstleisterin Manuela Happel durch das 2003 eröffnete Haus mit dem in den Niederlanden erprobten Konzept geführt hatten. Angebote wie das Gemeindeschwesterprojekt, das neben kleinen medizinischen Leistungen auch gemeinschaftliche Aktivitäten wie den Mittagstisch oder die Dorfspaziergänge organisiert, möchte Neubert in allen Stadtteilen installieren. Zudem will er sein Augenmerk auf die Schaffung bezahlbarer, barrierefreier Wohnungen legen und in den Stadtteilen, wo häufig ältere Menschen in viel zu großen Häusern leben, das Mehrgenerationenwohnen propagieren. "Das ist ein Projekt, das ich auf jeden Fall angehen möchte", sagte Neubert, der mit der Digitalisierung und dem Klimaschutz in den kommenden Wochen zwei weitere Thementage zur Stadtentwicklung plant.

Müntefering forderte seine Zuhörer zu solidarischem Handeln auf. "Die vernünftigen Alten, die vernünftigen Jungen und die Vernünftigen dazwischen müssen sich verständigen, damit die Bekloppten nicht die Überhand gewinnen."

Die Senioren unter den rund 70 Zuhörern ermunterte er, auch die positiven Seiten des Alters zu sehen und dafür zu sorgen, dass es ihnen möglichst lange gut geht. Drei Ratschläge legte er ihnen besonders ans Herz: laufen, lernen, lachen. Aber auch den Staat sieht er gefordert. Bei der praktischen Unterstützung älterer Menschen seien vor allem die Kommunen gefordert. Doch die könnten nur tätig werden, wenn ihnen dafür die nötigen Mittel zur Verfügung gestellt werden. "Das Geld ist da, aber es läuft vor dem Finanzamt weg", kritisierte er mit Blick auf international agierende Unternehmen wie Amazon. Seine Folgerung: "Wir brauchen die Finanztransaktionssteuer."

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare