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Kein Ruhm für Prävention

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Von: Rüdiger Soßdorf

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Stefan Becker © pv

»Krisenprävention ist eine kommunale Pflichtaufgabe«, sagt Stefan Becker. Der Experte aus Fernwald zeigt zugleich auf, wie sich Verwaltungen und Politik für den Katastrophenfall rüsten können.

Auch jenseits von Corona und der Sorge um die kritische Infrastruktur wegen hohen Krankenstands kann es Katastrophen und Notlagen geben. Tierseuchen etwa, Hochwasser, Orkane oder flächendeckenden Stromausfall. Dann ist der Staat gefordert - auf allen Ebenen. Der Bund, die Länder und eben die Landkreise sowie die Städte und Gemeinden.

Einer, der sich mit diesen Gegebenheiten auskennt, ist Stephan Becker aus Fernwald. »Krisenprävention ist eine kommunale Pflichtaufgabe«, sagt der aktive Feuerwehrmann, der zudem im Katastrophenschutzstab des Landkreises Gießen und im Vorstand des Kreisfeuerwehrverbands mitarbeitet.

Mit seiner Aussage steht Becker nicht alleine: Das Deutsche Institut für Urbanistik forderte im März 2021 angesichts von Hochwasserkatastrophen, dass der Vorsorge eine wesentliche Rolle zukomme, »die als kontinuierliche Aufgabe der Gesamtgesellschaft verstanden werden muss, wobei Kommunen eine zentrale Rolle spielen«.

Polizei und Technisches Hilfwerk sind Bundes- beziehungsweise Ländersache. Gerade die Feuerwehren aber sind vor allem die Angelegenheit der Kommunen. Und das ist durchaus kostspielig. Welcher Kommunalpolitiker hat noch nicht leise geseufzt, wenn ein neues Feuerwehrauto angeschafft werden musste? Da gehen die Preise schnell in die Hunderttausende.

Prävention kostet Geld, viel Geld im Zweifelsfall. Hilfe nach einer Katastrophe ist wichtig, richtig und aller Ehren wert. Vor allem aber bedarf es der Vorbereitung und Planung, um für den Fall der Fälle gewappnet zu sein. Just diesem Moment der Präven- tion messen Experten wie Becker hohe Bedeutung bei.

Und dennoch stehen alle, die vorbeugen, vor einem gewissen Dilemma. Denn wer in Vorsorge investiert, der wird dafür nicht so recht belohnt. Bei der Prävention lässt sich der Erfolg schlecht messen. Katastrophenschutz und Gefahrenabwehr zahlen sich nicht in barer Münze aus. Oder wie es der Virologe Christian Drosten zu Beginn der Pandemie etwas plakativ formuliert hatte: »There it no glory in prevention.« Es lassen sich eben keine Lorbeeren damit ernten, wenn die Vorsorge gelingt und die Katastrophe deshalb nicht eintritt.

Im anderen Falle aber, wenn ein Schadensfall nicht abgewendet werden kann, dann werden Verantwortliche gesucht, erzählt Becker. Zumal der Katastrophenschutz oder auch der Zivilschutz keine positiv besetzten Themen seien. Das möchten viele Menschen nicht sonderlich dicht an sich heranlassen. Die Verantwortung wird stattdessen lieber »dem Staat« zugesprochen. Klappt dann etwas nicht wie erhofft, so birgt dies die Gefahr eines Vertrauensverlusts in die Politik, befürchtet Becker.

Die Statistik zeigt, dass es im Schnitt im Landkreis Gießen jeden Monat eine größere Einsatz-Situation gibt. Auch hierzulande kommt durchaus großes Hochwasser vor, fegt schon mal eine Windhose durch Gießen, kann eine große Halle in Wettenberg oder Langgöns in Flammen stehen. »Was wir im Ahrtal gesehen haben, hat zwar eine andere Dimension. Aber das ist gar nicht so weit von uns«, sagt Experte Becker.

Was bei den Kommunen anliegt, fängt schon bei ganz simplen Dingen an: Nachts um 3 Uhr braucht es im Katastrophenfall eine Weckfunktion - die gute alte Sirene. Diese öffentliche Warnung ist Sache der Städte und Gemeinden. Diese müssen diese Technik vorhalten. Denn Warn-Apps sind eine Technik, über die nicht jeder verfügt; Radio und TV erreichen ebenfalls nicht jeden.

Für Becker stellt sich dabei als eine der zentralen Fragen: Was kann Politik, was kann öffentliche Verwaltung auch auf lokaler Ebene von der Wirtschaft lernen? Vorausschauend planen und schneller sowie effektiver werden - oder wie die Fachleute sagen: Vor der Lage sein. »Ein Unternehmer kann nicht warten, bis ein Mitbewerber besser ist: Er muss selbst proaktiv sein«, sagt Becker.

Wirtschaft geht mit Krisenprävention anders um als öffentliche Verwaltung. Vorsorge und Krisenbewältigung sind stets Teil der Unternehmenskultur - oder sollten es zumindest sein, wenn man in einer Konkurrenzsituation bestehen will. Das gilt für die Absicherung gegen unterbrochene Lieferketten ebenso wie für das Sichern von Produktion oder Dienstleistung durch entsprechendes Ressourcenmanagement - auch mit Blick auf das Personal.

Die Idee, die Becker dabei in Vorträgen bei kommunalen Entscheidungsträgern und Verantwortlichen weitergibt: Die in der Wirtschaft gelernten und eingeübten Entscheidungsprozesse sollen, wo es möglich ist, auf öffentliche Verwaltung übertragen werden. Wobei es laut Becker noch einen dritten Faktor gibt: Die ehrenamtlichen Helfer, die sich bei einer Notsituation einbringen wollen.

Die Katastrophe in Rheinland-Pfalz etwa sei ein gutes Beispiel. Es war und ist beeindruckend, mit welchem Maß an Hilfsbereitschaft Menschen aus der ganzen Republik im vergangenen halben Jahr im Ahrtal zu Hilfe eilten. Wobei da Welten aufeinanderprallten. Auf der einen Seite die organisierten Helfer von Feuerwehren, Technischem Hilfswerk, Rotem Kreuz, Johannitern und Maltesern. .Dort sind immerhin 1,3 Millionen Menschen haupt- und ehrenamtlich engagiert. Allein die Freiwilligen Feuerwehren zwischen Flensburg und Garmisch zählen knapp eine Million Mitglieder.

Auf der anderen Seite gibt es die Spontanhelfer. Diese passen mit ihrem Engagement nicht zwingend zu den klaren Strukturen der (semi-)professionellen Helfer. Für Becker ergibt sich daraus die Frage: Wie bindet man diese Spontanhelfer ein? Denn sie bergen ein riesiges Potenzial. Aber das führt zugleich zur Notwendigkeit der Klärung auf einer grundsätzlichen strategischen Ebene. Die im Zweifelsfalle - und das zeigt das Ahrtal beispielhaft - wiederum in den Kommunen verortet ist: Wie ordnet man Katastrophenschutz?

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