Gerhard Kromschröder (l.) und Gerhard Henschel stehen vor dem Denkmal der Brüder Grimm in Hanau - Startpunkt der zweiwöchigen Wanderung. FOTO: PM
+
Gerhard Kromschröder (l.) und Gerhard Henschel stehen vor dem Denkmal der Brüder Grimm in Hanau - Startpunkt der zweiwöchigen Wanderung. FOTO: PM

"Kein Prinz erlöst uns aus der Krise"

  • vonKatharina Gerung
    schließen

Für ihr Wandertagebuch "Märchenwege" folgten zwei Autoren den Spuren der Brüder Grimm durch Hessen. Ihr Weg führte sie auch durch den Kreis Gießen. Wirklich märchenhaft ist die Welt heute nicht mehr, sagen sie. Und: Wenn die Grimms eines notiert hätten, wäre es die Corona-Krise gewesen.

So wie Gerhard Kromschröder von den Erlebnissen des vergangenen Sommers erzählt, scheint es fast, als spreche er von einer zurückliegenden Corona-Quarantäne: "Die zwei Wochen, die wir da aus der Welt waren, die waren irgendwie sehr angenehm", erzählt der 79-Jährige, "man lebt dann so von dem einem auf den nächsten Tag und besinnt sich auf ganz andere Dinge."

Damals beschäftigten ihn jedoch weder Ausgangssperren noch Kontaktverbote oder Hamsterkäufe: Gemeinsam mit Gerhard Henschel (58) wanderte er 16 Tage quer durch Hessen - immer den Spuren der Brüder Grimm nach - die Strecke führte sie auch in den Kreis Gießen.

Die gut 300 Wanderkilometer gingen die beiden Männer aus Hamburg nicht nur zum Vergnügen. Kromschröder ist Journalist und Fotograf, Henschel Schriftsteller. Dass sie die Erlebnisse ihrer Tour in einem Buch festhalten, überrascht nicht. "Märchenwege" heißt ihr bereits drittes gemeinsames Werk, Ende März wollten sie es eigentlich beim Grünberger Bücherfrühling vorstellen - dann kam das Virus.

"Es ist fast unheimlich", sagt Kromschröder und erzählt, wie er vor einigen Wochen noch auf dem Festland von Husum war. "Dort stand alles still. Alles ruht - überall", beschreibt der 79-Jährige die Situation. "Die Corona-Krise hat etwas von einem Schauermärchen, bei dem ein ganzes Land zum Stillstand verhext ist. Ähnlich wie bei Dornröschen", sagt er, "doch kein Prinz erlöst uns aus der Krise."

Würden Jacob und Wilhelm Grimm heute statt um das 19. Jahrhundert rum leben, hätten sie die aktuelle Pandemie mit in ihre Märchensammlung aufgenommen - da ist sich Kromschröder sicher. "Viele denken, Märchen gehören in eine andere Zeit", sagt er, "dabei gibt es den Stoff für sie auch heute noch. Märchen sind lediglich ein Mittel, um den Horror des Alltags widerzuspiegeln." Wer ein Beispiel dafür wolle, könne sich aktuell einfach einmal im Internet umsehen, schlägt er vor.

Ärzte und Co. sind die Helden der Stunde und das Virus der klassische Schurke - nach Kromschröders Vision könnten Gute-Nacht-Geschichten bald etwas anders aussehen. Doch nicht nur die - auch die klassischen Märchenlandschaften seien nicht mehr die gleichen. "Die typischen Postkarten-Idylle gibt es leider nicht mehr", sagt Kromschröder, "es gibt kaum noch unberührte Flecken und die liegen sehr verstreut." Diese Erfahrung scheint der Journalist zumindest bei Wanderungen wie etwa der durch Hessen gemacht zu haben.

Los ging es für das Duo damals zunächst in Hanau, dem Geburtsort der Grimms. Von dort führte der Weg unter anderem durch Laubach, Grünberg, Rabenau, Lollar und Allendorf bis zum Zielort Kassel, wo die Brüder fast drei Jahrzehnte als Sprachforscher und Märchensammler lebten. In den zwei Wochen erlebten die Autoren nicht nur das Land, sondern auch die Leute aus nächster Nähe, was ihnen ermöglichte, beides auf 200 Seiten zu porträtieren. Nicht nur mit Worten, sondern auch mit zahlreichen Fotografien Kromschröders und gespickt mit vielen geschichtlichen Details aus dem Leben der Grimms.

"Märchenwege" hat jedoch nicht die Funktion eines klassischen Reiseführers. Ganz im Gegenteil. Für Kromschröder und Henschel steht der Landstrich exemplarisch für viele Gegenden der deutschen Provinz. Sie zogen mit kritischem Blick durchs Land und wollen nun auch auf das weniger Schöne hinweisen. Auf die ausblutenden und verwaisten Innenstädte etwa oder die "Gärten des Grauens", wie Kromschröder sie nennt: Immer häufiger anzutreffende Vorgärten mit grauem Schotter oder Golfrasen-Grün.

"Ziel ist nicht, die Dinge schönzureden oder zu überschminken", sagt Kromschröder. Genauso wenig wollen die Autoren aber irgendetwas schlechtreden. "Es geht uns darum, dass man im Kleinen das Große entdecken kann. Im Alltäglichen das Exotische und im Profanen das Erhabene." Die Schönheit in einer farbenfrohen Zeichnung auf einer Garagenwand etwa, Komik in verschiedenen Beschilderungen, die Ironie in manchen Werbebotschaften oder den einen Charakterkopf, der sich schon anhand seines Balkonschmuckes von den anderen Bewohnern eines großen Plattenbaus unterscheidet. "Diese Gegensätze, die Komik des Alltags, das wollen wir zeigen", sagt Kromschröder, "mit einem kleinen Augenzwinkern natürlich." Denn auch wenn Märchen heute etwas anders aussehen, man müsse eben nur hinsehen, um sie zu entdecken.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare