Die Nachfahren des um 1400 wüst gefallenen Dorfes Baumkirchen halten Gemeinderat: Das Foto zeigt die "Gemeinde" mit dem neuen Scholtes Gerhard Wagner (vorn, 2. v. r.) FOTO: TB
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Die Nachfahren des um 1400 wüst gefallenen Dorfes Baumkirchen halten Gemeinderat: Das Foto zeigt die "Gemeinde" mit dem neuen Scholtes Gerhard Wagner (vorn, 2. v. r.) FOTO: TB

Kein "Gezenk" beim Treffen

  • Thomas Brückner
    vonThomas Brückner
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Laubach(tb). "Stadtluft macht frei!" - in Zeiten von Armut und Leibeigenschaft gaben sich viele Landbewohner dieser Hoffnung hin. Im westlichen Vogelsberg wurden im Mittelalter gleich mehrere Dörfer aufgegeben. Nur eines aber blieb bis heute, 600 Jahre nach der "Wüstfallung", im öffentlichen Bewusstsein erhalten: Baumkirchen, eine halbe Stunde Fußmarsch oberhalb von Freienseen. Ein Verdienst des gleichnamigen Vereins mit Sitz in Laubach, wohin das Gros der Baumkircher gezogen sein dürfte.

Stets am 3. Februar wird "Rat gehalten", kommen die Nachfahren zusammen. Verbürgt ist das seit 1547, so weit zurück reichen die ältesten Protokolle. Bei jedem Treffen sind sie dabei, verwahrt in einer kunstvoll verzierten Lade. Freilich nur als Duplikat, die Originale schlummern sicher in einem Tresor der Sparkasse.

Gerhard Wagner neuer Scholtes

Fester Punkt auf der Tagesordnung ist jeweils die Wahl eines neuen Scholtes: Gerhard Wagner erhielt gestern das Vertrauen der Anwesenden, er ist nun für (mindestens) ein Jahr der "Bürgermeister" von Baumkirchen. Stellvertreter ist stets der Amtsvorgänger, diesmal also Ehrenscholtes Bernhard Jäger.

Zu den Regularien der Versammlungen zählt ebenso die Verlosung der Weidteile im Gemeineigentum (Allmende). Rund sechs Hektar umfassen diese, in etwa genau so viel wie der Privatbesitz.

Auf Losglück hofften auch gestern jene 22 Männer, die heute Wiesen- oder Ackerflächen ihr Eigen nennen. "In alter Zeit", so wurde erzählt, "ja, da bedeutete die Zulosung eines Allmendeteils noch was. Die Bauern konnten mit einem ordentlichen Zubrot rechnen, etwa ein paar Wagen mehr Futter für ihre Tiere."

Diese Zeiten sind vorbei, die Flächen bewirtschaftet heute ein Vollerwerbslandwirt. Die Mehreinnahme an Pacht für den Grundeigner, sie "macht den Kohl nicht fett", um die passende Redewendung aus dem bäuerlichen Wortfeld zu verwenden. Wie seit altersher klingelt bei jedem Plenum die eine oder andere Münze in der Kasse der "Siebener", wie hier der Magistrat heißt: Strafzahlungen, die etwa zu leisten hat, wer "beim Essen die Knochen auf eines anderen Teller legt" oder gar durch "Gezenk, Scheldwort oder Schlägerei" auffällt. Nicht mehr ganz so streng werden Verstöße gegen die Kleiderordnung verfolgt: Im "Staatsanzug", also mit einem "Dreimaster", wie die Altvorderen einen Frack nannten, muss heute keiner mehr erscheinen.

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