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Azubi-Patenschaft

Kein Einzelfall: Biebertaler Senior büffelt im Ruhestand mit Azubis

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In Deutschland bricht jeder vierte Jugendliche seine Ausbildung vorzeitig ab. Profis im Ruhestand sollen dem entgegenwirken - Horst Gerlach aus Biebertal ist einer davon.

Die Geschichte von Ramin steht exemplarisch für viele, die Horst Gerlach kennt. Ramin floh einst aus seiner Heimat, dem Irak. Dass er in Deutschland Fuß fasste, hat wiederum mit Gerlach, dem Biebertaler, zu tun. Ramin, der eigentlich nicht Ramin heißt, seinen richtigen Namen aber nicht in der Zeitung lesen will, bekam von Gerlach nicht nur Unterstützung beim Deutsch lernen. Gerlach paukte mit ihm auch das Fachvokabular, als Ramin die Ausbildung zum Anlagenmechaniker machte, er lehrte ihm allerlei Kniffe, damit sein Schützling auch sicher die Gesellenprüfung bestand. Letztlich schaffte sie Ramin mit Bravour.

Biebertaler Senior büffelt im Ruhestand mit Azubis: Einsätze im Ausland

"Eine Ausbildung ist ein Start in ein neues Leben für viele Menschen. Gerade mit Migrationshintergrund", sagt Gerlach. Der Biebertaler ist ein "Azubi-Coach". Ein Profi im Ruhestand, der dem Nachwuchs unter die Arme greift. 2009, ein Jahr nach seinem Renten-Eintritt, wurde er auf den Senior-Experten-Service (SES) aufmerksam. Die Organisation vermittelt Fach- und Führungskräfte im Ruhestand oder in einer beruflichen Auszeit vor allem in Entwicklungs- und Schwellenländern. Nach einem Informationsabend bewarb sich Gerlach, ein Jahr später hatte er seinen ersten Einsatz in einer mongolischen Werkstatt. Es folgten weitere in Nicaragua und Mosambik. Dann wurde er auf die Initiative zur Verhinderung von Ausbildungsabbrüchen (VerA) aufmerksam.

"Ich wollte das angehäufte Wissen aus meinen 51 Berufsjahren weitergeben", sagt Gerlach. 1957 begann er selbst seine Lehre zum Kfz-Mechaniker bei den Gießener Stadtwerken, wurde 1968 als Meister übernommen und war bis zu seinem Ruhestand Werkstattleiter. "In dieser Zeit hatte ich viele Lehrlinge", erzählt er. "Wenn man dann von einem auf den anderen Tag von 100 Prozent auf null geht, ist das nicht so leicht." Vielleicht war es das Gefühl, gebraucht zu werden, das Gerlach zu mittlerweile sechs Azubi-Patenschaften verleitete. Aktuell betreut er einen Kfz-Mechatroniker aus Syrien und einen Anlagenmechaniker aus Eritrea.

Rund ein Viertel aller Azubis in Deutschland bricht die Lehre vorzeitig ab. Ein Dilemma - gerade angesichts des Fachkräftemangels. VerA richtet sich direkt an diese Auszubildenden. Gefördert wird die Initiative unter anderem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und vom Zentralverband des Deutschen Handwerks. Vermittelt werden VerA-Paten meist über Lehrer und Sozialarbeiter an Berufsschulen. Der Betrieb erfährt nur auf Wunsch des Azubis von der Beratung. Für die Lehrlinge, ihre Betriebe und Berufsschulen ist die Begleitung kostenlos. Im Kreis Gießen gibt es 21 Senior-Experten, sieben davon sind aktive VerA-Begleiter.

Biebertaler Senior büffelt im Ruhestand mit Azubis: Hilfe bei Bürokratie

Möglichst einmal die Woche besucht Gerlach seine zwei Auszubildenden für jeweils zwei Stunden. Gemeinsam wird der Stoff aus der Berufsschule aufgearbeitet, Deutsch gelernt und Formulare ausgefüllt. "Allein für die ganze Bürokratie braucht man fast schon ein Studium", sagt der Biebertaler und lacht. Mit seinem syrischen Azubi liest er oft auch einfach nur in der Zeitung. "Ich erkläre ihm dann das, was er nicht versteht, in einfachen Worten." Das hätte seinem Schützling unheimlich viel gebracht, sagt Gerlach. Heute könne er sich normal mit ihm unterhalten, vor zwei Jahren noch sprach er dagegen kaum Deutsch. "Dieser Fortschritt, den man da miterlebt, das ist einfach phantastisch."

Es sind Erfolgserlebnisse wie diese, die Gerlach antreiben. Dazu kommt die Dankbarkeit, die ihm seine Schützlinge entgegenbringen. "Ohne dich hätte ich es nicht geschafft" - das schrieb ihm der Syrer nach seiner bestandenen Zwischenprüfung. "Das zeigt mir, dass das was ich mache, wichtig ist", sagt Gerlach.

Einige Verbindungen halten auch an. Die zu Ramin, dem Iraker, zum Beispiel. Er hat inzwischen eine Festanstellung und eine Familie. "Wir haben noch viel Kontakt. Ich bin fast so etwas wie seine Vaterfigur", sagt Gerlach. "Das ist sehr erfüllend."

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