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Nuckeln, um groß und stark zu werden - das machen immer weniger Ferkel im Kreis Gießen. Die Haltungszahlen gehen zurück.

Schweinezucht

Kaum noch Schweinezüchter: Nur jedes dritte Schnitzel stammt aus dem Landkreis Gießen

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Im Landkreis Gießen wird mehr Schweinefleisch gegessen als produziert: Nur 37 Prozent stammen von heimischen Höfen. In der Nachbarschaft sind es noch deutlich weniger. 

Anfang der 1990er Jahre war es noch ein ganz normales Bild: Man ging durchs Dorf und in jeder zweiten Hofreite grunzte oder muhte es. In kleinen Ställen fraßen sich die Schweine durch die Dämpfkartoffeln im Trog, während nebenan große Kühltonnen für den Milchwagen bereitgestellt wurden, damit dieser die "Tagesproduktion" der handvoll Milchkühe abholen konnten. In den Stalltüren herrschte dank der Schwalben reger Flugverkehr. Ein bis zweimal im Jahr gab es eine Hausschlachtung auf dem Hof mit dem örtlichen Metzger. Dieser bot im eigenen Laden zudem Fleisch und Wurst von Schweinen und Rindern an, die er nur wenige Meter entfernt im eigenen Schlachthaus zerlegt hatte.

Autogaragen statt Schweineställe

Und heute? Die Wurst liegt in Scheiben geschnitten und in Plastik eingeschweißt im Supermarkt oder Discounter im Kühlregal. Den Metzger um die Ecke gibt es meist nicht mehr. Dank eines Bündels von Auflagen hätte er mehr in sein Schlachthaus investieren müssen, als er jemals wieder mit seinem begrenzten Kundenstamm hätte hereinholen können. Wo einst Kuh- und Schweineställe lagen, parken nun Autos in Garagen, sind Mietwohnungen in ausgebauten Scheunen entstanden. Wenn es doch noch einen Stall im Dorf gibt, beschweren sich die - oft wegen des schönes Landlebens - Zugezogenen über die "Landluft".

Nur noch 218 Rinderhalter

Während immer mehr die Bedeutung von "Regionalität" und "Tierwohl" betont wird, geht die Entwicklung im Landkreis Gießen derzeit in eine andere Richtung: Ein Schweinemastbetrieb nach dem nächsten, ein Rinderstall nach dem anderen kapituliert. Die Zahlen des Bauerverbandes zeigen es: Waren es 2002 noch 374 Rinderhalter mit 14 705 Tieren im Landkreis Gießen, waren es 2016 nur noch 218 Rinderhalter mit 13 025 Tieren. 335 Betriebe hielten 2002 zusammen noch 23 332 Schweine. 2016 waren es nur noch 121 Betrieb mit 15 234 Schweinen - Tendenz weiter fallend. Setzt man dies mit dem Fleischverbrauch im Landkreis Gießen ins Verhältnis, bedeutet dies: Nur 37 Prozent des Rindfleisch- und 27 Prozent des Schweinefleischbedarfs werden vor Ort aufgezogen. Im Lahn-Dill-Kreis ist die Zahl noch verheerender: Gerade einmal knapp 7 Prozent des Schweinefleischbedarfs stammt aus heimischen Ställen. Der Rest wird "importiert" - und je billiger das Fleisch ist, desto sicherer kann man davon ausgehen, dass es aus den riesigen Rinder- und Schweinezuchtbetrieben stammt.

Doch warum gibt es immer weniger Viehhaltung im Landkreis? Manfred Paul, Vorsitzender des Kreisbauernverbandes, sieht eine Vielzahl von Gründen - allen voran jedoch die preisliche Entwicklung. Die Verkaufspreise für Schweine und Rinder reichen für die Landwirte nicht aus, um wirtschaftlich zu arbeiten. Zudem gelten in Deutschland sehr hohe Vorgaben, vom Tierwohl über Hygiene bis hin zur umfangreichen Dokumentation. All dies steigere die Produktionskosten.

Kein Schlachthaus mehr in Hessen

Ein weiteres Problem sei, dass es in Hessen mittlerweile kein Schlachthaus mehr gebe, sagt Paul. Einige Metzgereien können zwar noch selbst schlachten - dabei geht es jedoch um eine überschaubare Anzahl von Schweinen. Lange Fahrtwege zum Schlachthaus bedeuten nicht nur Stress für die Tiere, sondern auch höhere Kosten.

Einige Bauern setzen auf Direktvermarktung. Paul sieht darin einen begrenzten Markt. "In Hungen macht Ingo Schmalz Direktvermarktung. Wenn ich das hier in Villingen auch mache, ist keine Kundschaft mehr da", sagt Paul. Diese Erfahrung habe er bereits bei den Erdbeer-Selbstpflückfeldern gemacht: Als dies nur eine handvoll Betriebe anboten, liefen diese gut. Doch seitdem es eine Vielzahl dieser Felder gibt und zudem die Menschen weniger werden, die einen Eimer fürs Marmeladekochen und Kuchenbacken pflücken, lohne sich die Sache kaum noch. Egal ob Hühnermobil oder regionale Wurst - die Zahl der Kunden, denen diese Angebote mehr Geld wert ist, ist begrenzt.

Billigfleisch aus dem Ausland

Bei aller Romantik: Die meisten kleinen Rinder- und Schweineställe von vor 30 Jahren würden heute jedem Tierschützer die Zornesröte ins Gesicht treiben. Kaum Licht und im Winter meist klatschnass, da die Wärme nicht entweichen sollte. "Heute ist es mit der Offenhaltung wesentlich tiergerechter", sagt Paul. Einen modernen Stall für nur zehn oder 20 Kühe zu errichten - das würde heute niemand machen, der damit Geld verdienen möchte. "Unter 200 Kühe geht da nichts."

Insgesamt lässt sich das Problem der Landwirtschaft - egal ob Ackerbau oder Viehzucht - auf einen Nennen bringen, sagt Paul: "In Deutschland gibt es bestes Knowhow, aber die Billigprodukte aus dem Ausland mit Anbaumethoden wie von vor 40 Jahren werden gekauft."

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