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Kaum Leben unter Wasser

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Von: Constantin Hoppe

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Eine gesunde Flora und Fauna mit Unterwasserwiesen aus Armleuchteralgen, wie hier im ehemaligen Steinbruch Steeden bei Limburg, gibt es in nur sehr wenigen Seen in Mittelhessen. Meist finden die Naturschutztaucher bei ihren Untersuchungen nur tote Unterwasserwelten vor. © pv

Um die Wasserqualität der Badeseen im Landkreis Gießen ist es bestens bestellt. Doch ein Blick unter die Wasseroberfläche zeigt: Die Ökologie unter Wasser ist meist stark gestört.

D ie Wasserqualität in den Badeseen im Kreis Gießen ist besser denn je. Diese Nachricht hat Anfang Juni viele Badegäste und Seepächter gefreut. Untersuchungen auf verschiedene Bakterien und Algen ergaben, dass das Baden in den mittelhessischen Seen problemlos möglich ist. Doch diese Ergebnisse bilden nur eine Seite der Medaille ab. »Den Seen in Mittelhessen geht es sehr schlecht«, sagt Rainer Stoodt, Beauftragter für das Projekt Naturschutztaucher in Hessen, einer Kooperation des NABU und des Verbands Deutscher Sporttaucher (VDST).

Am Montag besucht Stoodt das Ufer der Grube Fernie bei Großen-Linden. Im Gegensatz zu den meisten Seen in Hessen, ist der Lebensraum See dort in Ordnung: »Wir sind nach unserem Tauchgang hier mit einem Strahlen im Gesicht wieder an Land gekommen«, sagt Stoodt. Die Taucher machten die Entdeckung, dass es selbst in zwölf Metern Wassertiefe noch Unterwasserpflanzen gibt - ein Zeichen für einen gesunden See. »Ein schönes Erlebnis«, sagt Stoodt. »Aber leider keine Selbstverständlichkeit.«

Bei allen ihren Tauchgängen macht die Gruppe meist die gleichen Entdeckungen: Ein kahler Seegrund, zerwühlt von Karpfen und so gut wie keine Pflanzen. »Die Karpfen pflügen den gesamten Seeuntergrund um. Da sind sie wie Wildschweine«, erklärt Stoodt. Dabei wirbeln sie Nährstoffe im Wasser auf, was das Wachstum von Schleimalgen begünstigt. Dazu kommt zu viel Phytoplankton, der Grund für die grüne Färbung vieler Seen. Dieses blockiert den Sonnenlichteinfall ins Wasser und macht die Fotosynthese und damit auch das Wachstum für Pflanzen nahezu unmöglich.

Das ist im Kreis Gießen und der Umgebung der Fall: »Im Dutenhofener See oder dem Licher Waldschwimmbad muss man überhaupt nicht tauchen gehen, dort sieht man das Wesentliche auch so«, sagt Stoodt. »Da gibt es keine Sicht, nur Phytoplankton. Pflanzen können da nicht leben.« In Seen in Launsbach und Heuchelheim sieht es nicht besser aus. Der Inheidener See ist höchstens mittelmäßig.

Die Bestnoten im Kreis Gießen geben die Taucher drei Seen, in denen das Baden verboten ist: Dem Oberen Knappensee bei Trais-Horloff, der Grube Fernie und dem Barbarasee bei Bellersheim. Das heißt jedoch nicht, dass der Freitzeitbetrieb ein Problem darstellt. »Wir haben bei unseren Tauchgängen festgestellt, dass die Badegäste in der Regel keine Gefahr für die Biodiversität darstellen«, sagt Stoodt. »Solange nicht der Müll im Wasser landet, ist die Nutzung durch Menschen kein ausschlaggebender Faktor für das Leben Unterwasser.«

Die Tauchgruppe kritisiert vor allem, dass bei den Kontrollen der Gewässerqualität ein zu einseitiges Bild entsteht: »Die erhobenen Daten sagen nichts über die Gewässer an sich aus. Nur darüber, dass es für Menschen nicht gesundheitsschädlich ist, dort zu baden«, sagt Stoodt, »wir würden uns wünschen, dass bei den Untersuchungen auch Wert auf die Biodiversität gelegt würde.«

Die allermeisten Seen kranken an den gleichen Problemen: Ein zu hoher Nährstoffeintrag durch die Landwirtschaft, ein falscher Fischbesatz und eine zu hohe Wassertemperatur. Diese Faktoren sorgen dafür, dass sich einzelne Arten stark ausbreiten und andere Arten verdrängen, darunter leidet die gesamte Lebensgemeinschaft im See.

Eine der gefährdeten Arten ist die Armleuchteralge. Sie bildet regelrechte Unterwasserwiesen und zeigt damit eine gesunde Gewässerökologie an. Doch die Situation für die Art hat sich in den vergangenen zehn Jahren in Hessen stark verschlechtert. Acht von 25 heimischen Sorten der Alge sind neu auf die Rote Liste bedrohter Arten aufgenommen worden. Der Nährstoffeintrag, Flussbegradigungen und bodenaufwühlende Fische wie Karpfen haben ihren Lebensraum zerstört.

Nicht auf alle Faktoren, die eine Rolle spielen, haben Seebetreiber und -nutzer einen Einfluss. So steigen durch den Klimawandel die Wassertemperaturen - gerade bei flachen Gewässern wie dem Wissmarer See oder dem Licher Waldschwimmbad ein großes Problem, das eine Vermehrung der giftigen Blaualge und von Karpfen begünstigt. Auf andere Probleme, wie beispielsweise den erhöhten Nährstoffeintrag durch die Landwirtschaft oder den Fischbesatz, kann Einfluss genommen werden. »Der Fischbesatz in den meisten Seen ist falsch. Oft werden Karpfen ausgesetzt, diese schaden in hoher Zahl den Gewässern«, sagt Stoodt.

Ein allgemeines Rezept, wie man die Wasserökologie verbessern kann, gibt es derweil nicht. »Jeder See hat eigene Probleme, die sich immer anders gestalten«, erklärt Stoodt. »Jedes Gewässer braucht eine eigene Lösung.«

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