"Kaufmann von Venedig" am Frankfurter Schauspiel

Richard Wagners Gesang der Rheintöchter aus dem Hinterteil eines "Judenschweins", derb gegrölt im breitesten Jiddisch? Was passiert da auf der großen Bühne im Frankfurter Schauspiel? Barrie Kosky, australischer Regisseur mit jüdischen Wurzeln, lässt Dampf ab.

Er benutzt Shakespeares ambivalentes Theaterstück zu einer Abrechnung mit dem Antijudaismus in Deutschland. Eingedampft auf die reine Rachetragödie um den "unbequemen" Juden Shylock, angereichert mit vier verjazzten, ins Jiddische übertragenen Wagner-arien, Lutherhetzreden von der Wittenberger "Judensau" und prägnanten Kafka-Zitaten zerrt er die christliche Scheinheiligkeit bitterböse ins Rampenlicht. Während hierzulande gerne Shakespeares Antisemitismus im Zusammenhang mit seiner heiteren Belmont-Komödie durchgekaut wird, hält uns Kosky den Spiegel vor. Und da die Theaterfigur des Shylock beinahe ebenso viele Züge eines aggressiven Puritaners trägt wie sie sämtliche, den Juden jemals zugeschriebene Vorurteile in sich vereinigt, macht die Konzeption Sinn. Totenstill ist es, wenn Peter Schröder seine judenfeindlichen Äußerungen als großer Reformator faszinierend würdevoll und mit tiefster Abscheu in der Stimme ins Theaterhalbrund entsendet.

Jede Inszenierung muss sich mit der Problematik um den "bösen Juden Shylock" auseinandersetzen, besonders in Frankfurt. Joachim Kaisers Urteil über das Stück als "Demokratie-Test" bleibt in keiner Stadt so gültig wie in der Mainmetropole. Das liegt immer noch an Fassbinders kontroversem Drama "Der Müll, die Stadt und der Tod", in der eine Shylock-Figur vorkommt, an der Verhinderung seiner Uraufführung durch Auschwitz-Überlebende und daran, dass sich schließlich die Bundesregierug und die Knesset mit dem Skandal beschäftigten. Man ist wachsam in dieser Stadt, zu Recht.

Die Aufführung bietet inhaltlich viel Sprengstoff, ist politisch korrekt und macht Shylock zum gramgebeugten Bruder Nathans, den nahezu 2000 Jahre Judenverfolgung zu Bode gedrückt haben. Dennoch ist sie schwer auszuhalten. Das liegt nicht an den knapp dreieinhalb Stunden Aufführungsdauer, sondern an misslungenen Temposchwankungen des düsteren Spiels. Wolfgang Michaels aufreizend bedächtig agierender Shylock steht in grellem Kontrast zum hektisch durchgepeitschten Modern Jazz des Contrast Quartets um Sängerin Barbara Spitz und den grotesken Wagner-Ferkeleien. Nur durch seine Kippa ist Shylock von den Anzug tragenden Kaufleuten Venedigs zu unterscheiden.

In seiner jüdelnden Spielweise nimmt er sich unendlich viel Zeit beim Formulieren und könnte keinen größeren Gegensatz zum expressionistischen Über-Shylock Fritz Kortners bilden. Zerdehnte Dialoge sind die Folge, Pausen, in denen die dramatische Kraft ins Nichts plumpst und eine quälend langweilige Gerichtsszene, die normalerweise zum Höhepunkt jeder Inszenierung gerät.

Beim extremen Zuschnitt auf den vom Leid gebeugten Shylock degradiert Kosky die übrigen Venezianer zu reinen Pogrom-Statisten. Antonio (Michael Goldberg) hatte selten so wenig Text, Christoph Pütthoff als Bassanio spricht undeutlich bis zur Unkenntlichkeit, Viktor Tremmels Lorenzo ist ganz grinsende Maske, die vor allem hinter Jessicas Geld her schielt. Henrike Johanna Jörissen muss als Tochter Shylocks so blass bleiben wie ihre Haut hell, wenigstens darf sie ein Hauch von Trauer umwehen, wenn sie den Vater verlässt. Venedigs Doge spricht kühl aus dem Off, die berühmte Gnadenrede Portias plappert Bassanio herunter und Nils Kahnwald ist das, was Gobbo immer schon war: der böseste Judenhasser-Clown Shakespeares und gar nicht lustig.

Das alles geschieht im klaustrophobisch verengten Bühnenbild Klaus Grünbergs. Vaudeville-Charakter verströmt die kleine runde Präsentierscheibe mit Riesenscheinwerfer, auf der fetzige Songs und Antisemitismus bis zur Zwangstaufe gezeigt werden, dahinter steigt ein bedrückendes Halbrund mit Zuschauerausbuchtungen für Venedigs Jeunesse Dorée bis zur Decke an. Kafka muss von solchen Räumen geträumt haben.

Derart bilderstark macht Kosky dem "Kaufmann von Venedig" den Prozess, mit Shakespeare als Kläger und Angeklagtem zugleich. Man kann das unerbittlich nennen, den erhobenen Zeigefinger beklagen, die Temposchwankungen nervig nennen. Nachzuvollziehen ist das allemal, nicht erst seit Auschwitz. Der "Kaufmann von Venedig" ist keine Komödie und war es nie. Buh- und Bravorufe hielten sich am Ende der Premiere die Waage. Bettina Boyens

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