Auch unkastrierte Freigängerkatzen tragen dazu bei, dass die Zahl streunender Katzen weiter steigt. 	A
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Auch unkastrierte Freigängerkatzen tragen dazu bei, dass die Zahl streunender Katzen weiter steigt.

Pflicht zur Kastration gefordert

Kreis Gießen: Zu viele streunende Katzen – „Elend wächst“ – Lich und Grünberg als Hochburgen

  • vonLena Karber
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Die Zahl der Streuner im Kreis Gießen steigt, sagt eine Expertin. Das Problem mit den freilebenden Katzen „werde immer schlimmer“. Sie sieht eine umstrittene Maßnahme als Lösung.

Kreis Gießen – Abgemagert, krank, verlaust und voller Flöhe - das Elend streunender Katzen ist oftmals groß. In Deutschland leben rund zwei Millionen von ihnen auf den Straßen. Und auch hierzulande werden es immer mehr, sagt Ilona Kreiling von »Katzenreich«, einem Verein mit Sitz in Heuchelheim, der in Not geratenen Katzen, Fund- und Abgabetieren hilft. Durch Fortpflanzung untereinander und mit Freigängerkatzen nehme die Zahl rasch zu Schließlich könne eine Katze in zwei Jahren über 40 Nachkommen produzieren, sagt Kreiling: »Das Katzenenlend steigt.«

Katzen im Kreis Gießen: Nur Buseck hat Katzenschutzverordnung

Seit der Gründung vor acht Jahren setzt sich »Katzenreich« daher bei den Kommunen für die Einführung einer Katzenschutzverordnung ein, die eine Registrierungs- und Kastrationspflicht für Katzen beinhaltet. Doch im Kreis Gießen gibt es eine solche Regelung bislang nur in einer Kommune: Buseck hat vor zwei Jahren eine Katzenschutzverordnung eingeführt.

Die Hoffnung, dass dieser Schritt - der laut Kreiling »sehr schnell und unbürokratisch« abgelaufen ist - andere Kommunen ermutigen würde, dem Busecker Beispiel zu folgen, hat sich bislang nicht erfüllt. In Grünberg habe man schon mehrfach nachgehakt, doch es tue sich wenig. Auch Reiskirchens Bürgermeister Dietmar Kromm sei für das Thema »überhaupt nicht zugänglich«, erzählt Kreiling. Doch manchmal führt das Nichtlockerlassen auch zu kleinen Erfolgen. So gab es in Reiskirchen kürzlich Gespräche mit dem Seniorenbeirat, die laut Kreiling den Weg hin zu einem entsprechenden Beschluss ebnen könnten.

Das Katzenelend im Kreis Gießen wächst

Das sei dringend nötig, da »das Katzenelend ständig wachse«, sagt Kreiling. So hat sich die Zahl der Tiere, die »Katzenreich« fängt und kastriert, in den vergangenen Jahren nahezu verdoppelt - und zwar auf zuletzt 60 Katzen. Hinzu kamen nach Angaben von Kreiling etwa 150 Tiere, die eine Freundin gefangen habe, die hauptsächlich für das Tierheim arbeite. »Sie ist, wie ich, der Meinung, dass es immer schlimmer wird und kaum noch zu schaffen ist«, erzählt Kreiling. Hochburgen seien etwa Lich und Grünberg.

Wenn sich streunende Katzen unkontrolliert vermehren, sind es in der Regel Anwohner, die das Problem an Tierschutzorganisationen wie »Katzenreich« melden. Erfolgt die Meldung früh genug, können die kleinen Kätzchen noch gezähmt und vermittelt werden. »Sind die Katzen acht Wochen alt, bekomme ich sie innerhalb von 14 Tagen gezähmt«, sagt Kreiling, die alleine in diesem Jahr schon 20 Katzen auf eine Vermittlung vorbereitet hat. »Und bis zur zwölften Woche versuche ich es.«

Ältere streunende Katzen werden von den Tierschützern gefangen, kastriert, medizinisch versorgt und nach 24 Stunden wieder ausgesetzt. Anschließend kümmert sich der Verein um die Nachsorge und Bestandsbeobachtung.

Kreis Gießen: Ärger mit unwilligen Katzenhaltern

Dank 20-jähriger Erfahrung erkenne sie sofort, ob es sich um eine freilebende Katze handelt, sagt Kreiling. Denn andernfalls ist die Genehmigung des Besitzers Voraussetzung für eine Kastration. Und trotz Kostenübernahme durch den Verein gibt es auch immer wieder unwillige Katzenhalter. »Mehr Katzen fangen mehr Mäuse« oder »Die Natur regelt das« - das sind die Argumente, die Kreiling am häufigsten zu hören bekommt. Doch sie sieht das anders: »Zu sagen, die Natur regelt das, wenn kleine Katzen geboren werden, um elendig unter Büschen zu verrecken, kann es ja auch nicht sein.« Zudem würden Kastrationen auch Katerkämpfe und somit die Übertragung des sogenannten »Katzenaids« eindämmen. Und bei nicht-kastrierten Katzen komme es häufig durch »Dauerrolligkeit« zu Problemen wie Gebärmutterentzündungen. Für Kreilig ist daher klar: »Eine kastrierte Katze lebt länger.«

Aufwand überschaubar: Keine Kosten für die Kommunen im Kreis Gießen

Auch wenn sie Verständnis dafür habe, dass die Kommunen angesichts der Corona-Krise gerade mit anderen Problemen zu kämpfen haben, findet Kreiling, dass das Thema nicht hintenangestellt werden sollte. Der Aufwand für die Einführung einer Katzenschutzverordnung sei sehr überschaubar. Schließlich habe sie eine Mustervorlage aus Wiesbaden, die durch die jeweilige Kommune nur geringfügig angepasst werden müsse. Außerdem, betont Kreiling, sei die Maßnahme für die Kommunen mit keinen zusätzlichen Kosten verbunden. Es gehe nicht darum, dass das Ordnungsamt Kontrollen durchführe, sondern um eine Rechtsgrundlage, auf die sich die Tierschützer auch gegenüber uneinsichtigen Katzenhaltern verbindlich berufen können. »Uns gibt das Rechtssicherheit.«

In Lich könnte diese bald geschaffen werden, hofft Kreiling. Nachdem die Gespräche mit Vorgänger Bernd Klein im Sande verlaufen waren, habe Bürgermeister Julien Neubert, der auch selbst Katzenhalter sei, kürzlich bei einem Treffen »offene Ohren« für das Anliegen gehabt, erzählt sie. »Ich habe ein gutes Gefühl.«

Mögliche Kastrationspflicht: Was bedeutet das für Katzenhalter?

In Hessen obliegt es den Kommunen, Maßnahmen zur Reduzierung des Katzenvorkommens und Auslauf-Beschränkungen oder -Verbote zu erlassen. Die Einführung einer Katzenschutzverordnung wie vom Verein »Katzenreich« gefordert, würde eine Kastrations, Kennzeichnungs- und Registierungspflicht beinhalten.

Laut Ilona Kreiling würden auf Katzenhalter dadurch Kosten in Höhe von 100 bis 140 Euro für die Kastration weiblicher Tiere beziehungsweise Kosten in etwa halber Höhe für die Kastration männlicher Tiere sowie etwa 20 bis 30 Euro für das Setzen eines Chips zukommen. Zudem wäre eine kostenfreie Registrierung verbindlich. (Lena Karber)

Für Aufregung sorgt auch Jackson, die bekannteste Katze Gießens. Als Freigänger landet er immer wieder im Tierheim, weil Fremde ihn „retten“ wollen.

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