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Ein karger »Holländer« auf schmuckloser Bühne

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Viel Glück mit dem »Holländer« hat man nicht in Mannheim. Stein Winges Inszenierung zog vor etlichen Jahren mehr Spott als Lob auf sich und wenn jetzt die Wagnersche Gespensteroper von Gregor Horres neu in Szene gesetzt wird, dann werden die Sänger krank.

Viel Glück mit dem »Holländer« hat man nicht in Mannheim. Stein Winges Inszenierung zog vor etlichen Jahren mehr Spott als Lob auf sich und wenn jetzt die Wagnersche Gespensteroper von Gregor Horres neu in Szene gesetzt wird, dann werden die Sänger krank. Man könnt abergläubisch werden, angesichts der vielen Ausfälle. Die letzte Besetzungsänderung erfolgte so kurzfristig, dass Indendantin Regula Gerber sie dem Premierenpublikum höchstpersönlich mitteilte: »Thomas Jesatko wird die Titelrolle nicht singen können.« Der Bariton agiert zwar auf der Bühne, zu hören aber ist Karsten Mewes, der ihm vom nächstliegenden Balkon aus seine Stimme leiht. Eine Notlösung und gewiss kein elegante und doch erhält das Ensemble demonstrativen Beifall. Allen voran die bravourösen Einspringer, denn neben dem famos singenden Mewes kamen noch Friedemann Kunder (Daland) und Stefan Vinke (ein ausgezeichneter Erik) kurzfristig zum Einsatz.

Das Regieteam aber wird empfangen mit einem missgelaunten Konzert aus Buhrufen und Pfiffen. Nein, so haben sich die Mannheimer ihren neuen »Holländer« nicht vorgestellt. Nicht so schmucklos und so nüchtern. Gespielt wird in einem Nicht-Bühnenbild, dessen einziger Blickfang ein riesiges Propeller-Rad ist, das zuweilen den Bühnenhintergrund dominiert. Ansonsten herrscht gähnende Leere, in der die Akteure zuweilen verloren umheririrren. Das Meer ein bewegter Vorhang, Backbord und Steuerbord skizziert durch zwei akkurate Linien aus Hartschalen-Stühlen mit Stahlrohrbeinen. Hier nimmt der Chor Platz und kommentiert das Geschehen, dessen Schicksalhaftigkeit Kapitän Daland in herbe Worte fasst: »Wer baut auf Wind, baut auf Satans Erbarmen!«

Links sitzen die Männer, rechts später die Frauen. Zu Beginn in tristem Grau schälen sich die Sänger aus ihren Overalls - die Männer offenbaren ihre Gelüste in kaltem Blau, die Frauen erklären sich in Dessous von Rot bis Golden (Kostüme: Yvonne Forster). Ihren kommentierenden Gesang brauchen wir schon, denn die Mär um Fluch und Erlösung versteht sich keineswegs von alleine. Wagners Libretto fußt auf einem überaus populären Motiv aus dem vorvorigen Jahrhundert.

Damals schrieb Frederick Marryat seinen Windjammer-Roman »The Phantom Ship« (1839). Aber nicht auf diesem maritimen Bestseller, sondern auf Heinrich Heines Version der Sage fußt Wagners Libretto. »Der Teufel«, so heißt es bei Heine, »hat ihn beim Wort gefasst, er muss bis zum Jüngsten Tage auf dem Meere herumirren, es sei denn, dass er durch die Treue eines Weibes erlöst werde.«

Ganz abgestimmt auf das unheimliche Band, das sich zwischen Senta und dem fremden Seemann spinnt, hat Horres seine Inszenierung aufgebaut und Bernard Häusermann unterstreicht die gespenstischen Momente der Handlung mit einer ausgeklügelten Lichtregie. Friedemann Layer lässt sein Orchester verhalten musizieren, sanft glühend und innig in den lyrischen Passagen, mit volkstümlichem Charme, wenn Wagner (und das tut er oft) populäre Klänge zitiert: Walzer und Shanty, Choral und Volkslied. Allzu ungestüm wird sein »Holländer« nicht. Dies bringt den Sängern Vorteile, nimmt dem Geschehen aber viel von seiner Eindringlichkeit.

Ein wenig steif ist der Daland von Friedemann Kunder, sein Steuermann (Charles Reid) dafür umso agiler. Caroline Whisnant, die in Mannheim schon als »Elektra« überzeugte, ist eine glaubwürdige Senta mit einigen Unsicherheiten, wenn's dramatisch wird. Thomas Jesatko gibt einen beeindruckend finsteren Holländer, kantig wie Charlton Heston und unheimlich wie Bela Lugosi - aber leider ebenso stumm.

Gerd Döring

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