"Er kann doch nichts dafür"

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Gießen(so). "Willst du mich umbringen?" schrie der junge Somalier in Panik. Denn ein Landsmann, mit dem er sich das Zimmer in einer Gemeinschaftsunterkunft in Biebertal teilte, hatte ihm eine etwas mehr als zehn Kilo schwere Kurzhantel gegen den Kopf geschlagen. Wie durch ein Wunder trug das im Schlaf geschlagene Opfer nur Prellungen am Jochbein und der Schläfe davon. Er konnte aus dem Zimmer flüchten.

Mohamed D., der Aggressor, wurde wenig später in eine andere Gemeinschaftsunterkunft für Geflüchtete in Stockhausen verlegt. Dort attackierte er einen Mitbewohner in der Küche. Er trat hinter ihn und schlitzte ihm die Kehle auf. Auch die Verletzung blieb glimpflich.

Ereignet haben sich die Taten im September und November vergangenen Jahres. Jetzt stand der Somalier vor Gericht und berichtete von mehreren Personen, die in seinem Körper zu Hause seien, und von Stimmen im Kopf, die ihm Befehle gaben. Für den psychiatrischen Gutachter Dr. Jens Ulferts ein Fall von paranoider Schizophrenie.

Das Urteil der 5. Großen Strafkammer unter Vorsitz von Richterin Regine Enders-Kunze fiel am gestrigen Montag eindeutig aus: Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus.

Die Taten sind wohl in einem Zustand verminderter Einsichtsfähigkeit oder gar einer Schuldunfähigkeit begangen worden, wie der psychiatrische Gutachter darlegte.

Gleichwohl, und da nahm die Richterin kein Blatt vor den Mund: Es handelt sich nach ihrer Auffassung um zwei versuchte Morde, angesichts der Umstände mit Heimtücke ausgeführt. Denn die Angriffe hätten tödlich enden können, Das untermauerte auch die zurate gezogene Rechtsmedizinerin Dr. Gabriele Laskowski.

"So lange die Krankheit nicht mit Medikamenten zum Ausklingen gebracht wird, ist der Beschuldigte brandgefährlich", sagte Enders-Kunze in ihrer Urteilsbegründung. Insofern sah sie gestern keine Alternative zur Unterbringung und Therapie in der Psychiatrie. Staatsanwalt Friedemann Vorländer und Verteidiger Alexander Hauer sahen dies vom Grundsatz her nicht anders. Der heute 37 Jahre alte Somalier hatte über seine Verteidiger und seinen Dolmetscher darlegen lassen, dass er von Stimmen und anderen Personen in sich gesteuert werde. In seinen Vernehmungen hatte er von Gift gesprochen, mit dem er besprüht worden sei.

Wann diese Symptome begannen, das blieb unklar: Ob schon in Afrika, während der langen Reise nach Europa mit Überfahrt im Schlauchboot übers Mittelmeer oder eben erst hier. Wie auch immer: Die Stimmen im Kopf wurden nach Darlegungen von Mohamed D. immer mehr.

Der psychiatrische Gutachter Ulferts erläuterte: Es seien imperative, also befehlende Stimmen, die dem Mann sehr genau sagten, was er tun solle - oder eben nicht. Ulferts sprach von einer "klassischen psychotischen Symptomatik". Würden diese Stimmen übermächtig und nicht mehr steuerbar, so sei dem Mann eine hohe Gefährlichkeit zu attestieren, verbunden mit verminderter Einsichtsfähigkeit. Oder wie es die Richterin prägnant formulierte: "Kopf und Hände tun Dinge, die er nicht steuern kann." Die Erkrankung bedürfe der Behandlung - die im Übrigen anschlägt. Seit der Somalier vom Gefängnis in eine psychiatrische Klinik verlegt ist und dort auch medikamentös behandelt wird, geht es ihm nach eigenem Bekunden besser: "Die Stimmen werden weniger. Sie verschwinden", ließ er seinen Übersetzer sagen.

Hatte in der vergangenen Woche noch der junge Afghane ausgesagt, der mit dem Küchenmesser angegriffen worden war, so schilderte am gestrigen Montag der junge Somalier aus Biebertal, wie er in den frühen Morgenstunden vom Schlag mit der Hantel aus dem Schlaf gerissen worden war. Bei beiden Opfern entschuldigte sich Mohamed D. ausdrücklich für sein Tun - und der junge Somali verzieh dem Landsmann gestern im Gerichtssaal.

Er sei kein Arzt und kein Psychologe, sagte er. Aber er habe sofort registriert, dass der Mitbewohner krank ist: "Er kann doch nichts dafür. Wir sprechen die gleiche Muttersprache. Und so habe ich sofort gemerkt: Da stimmt etwas nicht." Am Anfang sei es noch gegangen, dann wurde es immer schlechter. Der kranke Mann war sehr wortkarg und litt unter schlimmen Schlafstörungen. Das mittlerweile wieder vollständig genesene Opfer der Hantel-Attacke wünschte dem Beschuldigten ausdrücklich "die beste medizinische Versorgung".

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