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Kandidatur als Experiment

  • VonStefan Schaal
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Wie transparent ist Kommunalpolitik? Diese Frage wollte der 20 Jahre alte Pohlheimer Paul Safran ergründen - und hat versucht, ohne Unterstützung einer Partei bei der Bürgermeisterwahl in seiner Stadt zu kandidieren. Auf schmerzhafte Weise lernte Safran, dass man mit Quatsch nicht weit kommt. Ein auf Youtube veröffentlichter Film über sein Experiment ist lehrreich - und äußerst unterhaltsam.

Paul Safran steht an einem hochsommerlichen Tag im Juli 2020 dem Pohlheimer Wahlleiter gegenüber. Höflich, freundlich - und sicherlich auch mit einer leichten Portion Skepsis - fragt dieser Safran: »Haben Sie sich das gut überlegt, mit 19 Jahren und ohne Unterstützung einer Partei bei der Bürgermeisterwahl anzutreten?« Heute, ein Jahr später, kann Safran es ja sagen. »Nein«, gesteht er, »das hatte ich nicht.«

Im Sommer vergangenen Jahres, als der damalige Amtsinhaber Udo Schöffmann beschließt, wegen Corona auf Wahlkampf zu verzichten und Herausforderer Andreas Ruck beginnt, an 4000 Haustüren zu klingeln, geht Safran ein Experiment ein. Er versucht, in seiner Heimatstadt bei der Bürgermeisterwahl zu kandidieren. Vor allem eine Frage beschäftigt ihn dabei: Wie transparent ist Kommunalpolitik? Auf seiner Suche nach Unterstützung und Unterschriften für die Kandidatur hat er sich filmen lassen. Der kürzlich auf Youtube veröffentlichte 22 Minuten lange Clip unter dem Titel »Bürgermeister werden in vier Wochen« ist lehrreich und amüsant.

»Der eigentliche Plan war, es mit Quatschthemen anzugehen«, erzählt Safran. Mit Forderungen wie Hubschrauberlandeplätze für jedes Haus und dem Vorschlag, den Stadtteil Garbenteich bei Ebay zum Verkauf anzubieten, habe er auf Stimmenfang gehen wollen. »Das ist in der Theorie lustig«, sagt er. »In der Situation selbst, wenn du bei den Leuten vor der Haustür stehst, holst du damit aber keine Unterschrift.«

Die Erkenntnis und die Folgerung, die Safran daraus zieht, veranschaulicht die Ideenlosigkeit und Beliebigkeit, mit der auch seriöse kommunalpolitische Kandidaten bisweilen in den Wahlkampf ziehen. »Wir haben dann spontan einfach nichtssagende Dinge versprochen, wie den öffentlichen Nahverkehr und Radwege auszubauen.«

Im Vorfeld schrieb Safran sämtliche Bürgermeister im Kreisgebiet an und fragte, was man unternehmen muss, um Rathauschef zu werden. Der Reiskirchener Bürgermeister Dietmar Kromm antwortete Safran und erklärte ihm, dass er für die Kandidatur zunächst Unterschriften von Bürgern seiner Stadt benötigte - in Pohlheim 74, die doppelte Zahl der Stadtverordneten.

Er habe auch bei der Stadtverwaltung angerufen, erzählt Safran. Dort habe man auf seine Frage, wie er kandidieren kann, aber erstmal aufgelegt. Es sei möglich, dass dafür eine technische Panne der Hintergrund war, fügt er hinzu. »Die Mitarbeiter der Stadtverwaltung waren später auch nett und hilfsbereit.« Am Anfang aber, vermutet Safran mit einem Augenzwinkern, »haben sie die Gefahr gerochen«.

Und so zog Safran auf der Jagd nach 74 Unterschriften von zwei Freunden begleitet mit einem schwarzen Kulturbeutel um die Schulter durch seine Stadt. Klinken putzen. Auch einen Slogan hatte er sich für seine Kandidatur bereits ausgedacht: »Politisches Pohlheim«, kurz POPO 2020.

Und auch ein Plakat war bereits in Planung, sollte die Kandidatur klappen. »Experimente«, sollte die Überschrift lauten, frei nach Adenauers einstigem Slogan »Keine Experimente«.

Gespickt mit viel Humor veranschaulicht das Youtube-Video, wie beschwerlich und bisweilen qualvoll Wahlkampf auf dem Dorf sein kann. Bei hochsommerlichen Temperaturen zieht Safran von Haustür zu Haustür. »Wer versucht, Bürgermeister zu werden?«, fragt ihn einmal eine Frau aus dem Fenster heraus. »Ich. Hi«, antwortet Safran. Menschen schimpfen minutenlang über die Politik in Pohlheim und über Straßenbeiträge, um ihm am Ende doch keine Unterschrift zu geben. Einer 93 Jahre alten Frau sind derweil nur zwei Dinge wichtig: dass die beiden Bäume in ihrem Hof stehen bleiben - und sie noch ihren Schiffenberg sehen kann.

Für zehn Unterschriften braucht Safran drei Stunden. Einmal hinterfragt er auch den Sinn des Sammelns der 74 Unterschriften - als er in einem Mehrfamilienhaus seinen Kameramann auffordert, sich als Safran auszugeben.

Das Ergebnis ist am Ende sicher auch Quatsch. Aber reflektierter Quatsch. Dass der Wahlleiter die Kandidatur Safrans schließlich abgelehnt hat, weil mehrere Unterzeichner bewusst falsche Namen und Daten angegeben haben, hat Safran letztlich mit Erleichterung aufgenommen. »Wenn ich angetreten wäre und einem ernsthaften Kandidaten auch nur 100 Stimmen weggenommen hätte, hätte ich die Wahl schon ein wenig manipuliert«, sagt er. Dann fügt er hinzu: »Man kann sich auch für gute und schlaue Sachen engagieren.«

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