"Talkshow" zur Bürgermeisterwahl in Laubach: Das Foto - entstanden nach der getrennten Befragung - zeigt die Kandidaten Matthias Meyer, Florian Kempff und Björn Erik Ruppel (hinten, von links) mit den Moderatoren Lutz Nagorr und Joachim M. Kühn (vorne, von links). FOTO: PM
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"Talkshow" zur Bürgermeisterwahl in Laubach: Das Foto - entstanden nach der getrennten Befragung - zeigt die Kandidaten Matthias Meyer, Florian Kempff und Björn Erik Ruppel (hinten, von links) mit den Moderatoren Lutz Nagorr und Joachim M. Kühn (vorne, von links). FOTO: PM

PILS ODER ROTWEIN?

Kandidatencheck auf YouTube

  • Thomas Brückner
    vonThomas Brückner
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Wahlkampf in Zeiten von Corona ist anders. Kandidaten im gemeinsamen Wettstreit der Argumente zu präsentieren, verbietet sich. Daher verzichtet diese Zeitung auch auf eine Podiumsdiskussion zur Bürgermeisterwahl in Laubach. Ein neues Format haben dort die Freien Wähler erprobt: Auf YouTube fühlten sie den Bewerbern auf den Zahn.

Am 6. Dezember ist Wahltag in Laubach. Um die Nachfolge von Peter Klug (FW) bewerben sich Björn Erik Ruppel (CDU), Matthias Meyer (unabhängig, unterstützt von SPD und Grünen) sowie Florian Kempff (unabhängig, unterstützt von der FDP). Laubachs Freie Wähler, stärkste Kraft im Stadtparlament, haben keinen Kandidaten gestellt, geben auch keine Empfehlung ab.

Ihren neuen YouTube-Kanal nutzten sie daher, um den 7876 Wahlberechtigten die Kandidaten vorzustellen. Live aus dem Studio im Jugendgästehaus moderierten Lutz Nagorr und Joachim M. Kühn die "Talkshow". Nach Abfrage von beruflicher Vita und einem "Werbeblock" für Laubach - Letzteres fiel selbst dem Grünberger Kempff nicht schwer - ging es um die Kardinalfragen der Laubacher Politik.

Obenan steht da der aktuelle "Aufreger", die autofreie Neugestaltung des Marktplatzes. Vorweg: Bedarf für Veränderung und Belebung sahen alle. Die IKEK-Bürgerforen, bat Ruppel zu beachten, hätten hierfür viel Arbeit investiert. Das Grobkonzept stehe nun, ziele auf mehr Aufenthaltsqualität ab, dies bei Schaffung von Ersatzparkplätzen in der Nähe. "Dazu stehe ich."

Für Meyer sollte der Ausbau, "komplette Neupflasterung muss nicht sein", vertagt werden. Zunächst brauche es ein gutes Park- und Verkehrskonzept. Die Zugänglichkeit der Geschäfte zumindest in Teilen erhalten sehen will Kempff. Angesichts der Kosten von rund einer Million Euro plädierte er für "vergleichbare Ansätze" für die Ortsteile; werde das doch ansonsten als Benachteiligung erachtet.

Ein Streitpunkt in der Kleinstadt ist die von Anwohnern bekämpfte Bebauung des Singalumnats. "Endlich kommt der Schandfleck weg, wird Wohnraum geschaffen", unterstrich Ruppel. Für den Bankkaufmann liegt es im Interesse auch der Investoren, Rechtsvorgaben einzuhalten.

Meyer erwartet einen jahrelangen Gerichtsstreit. "Nicht gut für Laubach". Besser wäre es, im Dialog mit Nachbarn einen Kompromiss zu suchen. "Verträge sind einzuhalten", stellte Kempff klar. Dennoch würde er sich noch um einen Ausgleich bemühen, etwa was den Baustellenverkehr oder Änderungen an der Silhouette der geplanten Mehrfamilienhäuser betrifft.

Drängendes Thema auch für die 9700-Einwohner-Stadt sind die Finanzen. "Wie wollen Sie den Spielraum erhalten?", lautete die Frage. Meyer - 20 Jahre Banker, bevor er selbstständiger Coach wurde - sieht Wirtschaftsförderung als immens wichtig an, würde schrittweise auch die Gewerbesteuer senken wollen.

Langfristig Arbeitsplätze und damit Einnahmen schaffen, auch mit Neugründungen vor Ort, lautete Kempffs Antwort. Versprechungen lehnte er ab. Für Ruppel vorrangig: Fördertöpfe nutzen, gerade bei Großprojekten Kostendisziplin wahren und ob der Zuweisungen unbedingt den Status Mittelzentrum erhalten.

Einig war sich das "Dreigestirn" darin, dass ein Rathauschef - unter Würdigung der Eigenheiten - die Interessen der Stadtteile beachten müsse. Kempff, studierter Diplom-Jurist und IT-Unternehmer, könnte sich zum besseren Kennenlernen Grenzgänge durch die Großgemeinde vorstellen.

Kein Dissens auch bei der Freibadsanierung, vielmehr Lob für die Variante "Edelstahlwanne". Eine Anpassung des Marketingkonzepts, um mehr Besucher zu gewinnen, schlug Kempff vor, während Meyer den Verzicht auf ein Spaßbad würdigte: "Das rechnet sich nicht." Ruppel sah es genauso, würde sich einzig noch ein attraktives Kleinkindbecken wünschen.

Keine Überraschung: Alle sehen eine gute Kinderbetreuung als wichtigen Standortfaktor an. Für Ruppel sollte das Prinzip "Kurze Beine, kurze Wege" gelten, sollte es - unter Ausschöpfung aller Fördermittel - auch auf den Stadtteilen Betreuungsangebote geben. Trotz knapper Ressourcen müsse der Kinderbetreuung Priorität zukommen, verlangte Meyer, der bekanntlich den Verein "Naturkindergarten" mit auf die Beine gestellt hat. "Jedes Engagement ist gut, manchmal aber auch woanders", lautete Kempffs Devise, der für diese Aufgabe auch die Wirtschaft motivieren würde.

Weiter umstritten sind in Laubach die Investitionen in Radwege: Alle sprachen sich jedoch für den Weiterbau bis Mücke aus. Wäre das doch für Einwohner wie Gäste ein Gewinn. Bestenfalls samt Durchquerung des Tunnels, sofern finanzierbar, relativierte Ruppel. Auf die in Aussicht gestellte 90-Prozent-Förderung durch den Bund setzt hier Meyer. Apropos Kosten: Nach Kempff ist zuweilen mehr Strecke besser als mehr Ausbau: "Schotter reicht mir." Es sei nun mal nicht jeder Mountainbike-Fahrer, fügte er an - vermutlich (Maskenpflicht) mit einem Schmunzeln.

Zweieinhalb Stunden fühlten Laubachs Freie Wähler in ihrer "Talkshow" den Bürgermeisterkandidaten auf den Zahn. Der Auflockerung diente da die Abfrage persönlicher Präferenzen. Klar, was CDU-Mann Ruppel auf die Frage, wen er besser finde, Merkel oder Beerbaum, antwortete. So sah es auch FDP-Mitglied Kempff. Anders der Parteilose Meyer, den freilich auch die Grünen unterstützen. Dissens auch bei "Pils oder Rotwein?" Hier bekannten sich nur Meyer und Kempff zum Gerstensaft. Einig waren sich alle aber darin: Gegen einen Labrador kommt ein Goldfisch nicht an. tb

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