srs-nickel9_240521_4c
+
Der Kammmolch sei auf der Fläche des früheren Steinbruchs nicht mehr anzufinden, sagt Ewald Seidler. »Eine Schande.«

Ehemaliger Steinbruch

„Vom Regierungspräsidium enttäuscht“: Warum sich der Kampf um ein Biotop in Pohlheim seit 30 Jahren zieht - Sorgen um Geburtshelferkröte

  • vonStefan Schaal
    schließen

Seit 30 Jahren existiert für den ehemaligen Steinbruch in Grüningen ein Plan, das Gelände zu rekultivieren und den Erhalt einer geschützten Krötenart zu bewahren. Doch der Eigentümer und das RP unternehmen zu wenig, beklagt der frühere Umweltdezernent Pohlheims, Ewald Seidler.

Eine Singdrossel übertönt laut flötend das übrige Vogelgezwitscher. Unten im Tal, vor einer Steilwand aus Lehm und Basalt, springt ein Reh durchs Gras. Hier, am westlichen Rand Grüningens, auf dem weitläufigen ehemaligen Gelände des Steinbruchs der Firma Nickel, soll ein Aushängeschild der Stadt Pohlheim entstehen. Eine Biotoplandschaft, eine Oase direkt am Limeswanderweg.

Ewald Seidler, bis Anfang des Jahres Erster Stadtrat und Umweltdezernent Pohlheims, träumt diesen Traum seit 30 Jahren. Genaugenommen seit dem 27. Juli 1991, als das Regierungspräsidium Gießen einen Rekultivierungsplan für das Gebiet genehmigt hat.

Pohlheimer Biotop: „Die Kröte können wir noch retten“

Der Plan verpflichtet den Eigentümer des Geländes, die Johannes Nickel GmbH, im Rahmen der Rekultivierung Biotope zu schaffen, um das Überleben streng geschützter Amphibien wie des Kammmolchs und der Geburtshelferkröte zu garantieren. Dies sei aber noch immer nicht geschehen, beklagt Seidler. Für den Schutz der Tierarten werde in dem Gebiet zu wenig unternommen, sagt der 69-Jährige, der für die Freien Wähler im Pohlheimer Stadtparlament sitzt. Der Kammmolch sei auf der Fläche inzwischen nicht mehr anzufinden. »Eine Schande.« Vom Regierungspräsidium, das die Einhaltung des Rekultivierungsplan beaufsichtigen soll, »bin ich enttäuscht. Es handelt nicht.«

Seidler nippt an einem Glas Wasser, dann blättert er in einem Ordner, in dem er eine Kopie des Rekultivierungsplans, Karten, selbst gezeichnete Skizzen des Geländes und seinen Schriftverkehr der vergangenen 30 Jahre zu dem ehemaligen Steinbruch archiviert hat. »Die Geburtshelferkröte gibt es dort noch«, sagt er. Vor vier Jahren habe er mit einem Diplombiologen Larven der Kröte in dem Gebiet entdeckt. Die Zeit bleibe nicht stehen, sagt er. »Aber die Kröte können wir noch retten.«

Dem Rekultivierungsplan zufolge leben Geburtshelferkröten an einem Pumpensumpf des ehemaligen Steinbruchs. Laut »naturschutzrechtlichen Erfordernissen« des Plans darf die Firma den Tümpel erst mit Erde verfüllen, wenn neue Ersatzbiotope im Westen des Geländes geschaffen worden sind und die Kröten die neuen Gewässer als Heimat angenommen haben.

Pohlheimer Biotop: „Kann auch ein Jahrzehnt dauern“

Der Aushub mehrerer Gruben und eines Verbindungskanals hätten bisher aber keinen Erfolg gehabt, sagt Seidler. »Das Regenwasser ist in kürzester Zeit versickert.«

Die Nickel GmbH bittet unterdessen um Geduld. Das Gebiet werde derzeit im Rahmen eines »Abschlussbetriebsplans« mit Erdmassen verfüllt, die von Baustellen aus der Region angeliefert werden, sagt Geschäftsführerin Dr. Bettina Nickel. Für das Ende der Rekultivierung gebe es kein festes Datum. »Es kann noch einige Jahre, eventuell auch ein Jahrzehnt dauern«.

Hauptgrund für das langsame Tempo sei, dass man seit fünf, sechs Jahren nur noch wenig Erde angeliefert bekomme. »Selbst die Stadt Pohlheim liefert seit Jahren kaum noch Erdmassen«, erklärt Nickel. Das habe vor allem damit zu tun, dass nach einer Gesetzesänderung im Jahr 2014 Gutachten und Laboruntersuchungen für die angelieferte Erde erforderlich sind, bevor sie zum Verfüllen verwendet werden kann. Kunden bevorzugen daher Alternativen, »um diesen finanziellen und organisatorischen Mehraufwand zu umgehen.«

Pohlheimer Biotop: Kaum noch Erdmassen zum Verfüllen

So lande Erde beispielsweise eher in Lärmschutzwällen als dass sie in Grüningen angeliefert wird. »Wir werben für unsere Erdeinlagerungsmöglichkeit«, erklärt Nickel. »Aber der Markt im Gießener Raum hat andere Möglichkeiten.«

Erst nach der Verfüllung könne man sich der Aufgabe widmen, Streuobstwiesen, landwirtschaftliche Areale und Naturschutzflächen zu schaffen, fügt Nickel hinzu. Wahrscheinlich habe der drastische Rückgang der Anlieferungsmengen »die Vermutung aufkommen lassen, dass wir nichts mehr in Sachen Rekultivierung unternehmen«, sagt die Geschäftsführerin. »Das ist aber falsch.«

Aus der Sicht Seidlers geht währenddessen wertvolle Zeit verloren. »Ob es gelingt, die Ersatzbiotope zu schaffen, bevor der Bestand der Geburtshelferkröte auf dem Gelände erloschen ist, ist fraglich«, sagt der frühere Umweltdezernent.

Pohlheimer Biotop: Neuer Vorschlag stößt auf Ablehnung

Zumindest auf politischer Ebene hat Seidler in den vergangenen Wochen indes für Bewegung in der Angelegenheit gesorgt. Die Freien Wähler und die CDU haben im Pohlheimer Stadtparlament beantragt, den ehemaligen Steinbruch in ein Naturschutzgebiet umzuwandeln. Zunächst soll zu dem Thema nun der Grüninger Ortsbeirat angehört werden. Seidler hofft, dass es dann auch zu einer Begutachtung des Geländes kommt und der aktuelle Bestand der Tierarten dort genauer erfasst wird.

Seidler hat außerdem eine Änderung des Rekultivierungsplans angeregt, hat die Nickel GmbH und das Regierungspräsidium angeschrieben. Sein Vorschlag: Das Habitat der Geburtshelferkröte könne an dem ehemaligen Pumpensumpf bleiben, die Tiere müssten nicht umgesiedelt werden, stattdessen werde mehr Fläche im Westen mit Erde verfüllt. Doch der Vorschlag stößt eher auf Ablehnung. Juristische und »geotechnische Gründe« stünden den Plänen entgegen, entgegnet Nickel. Das Regierungspräsidium habe erklärt, es befürchte bei einer Änderung des Rekultivierungsplans Schadensersatzansprüche der Firma Nickel, berichtet Seidler. Es gelte, die wirtschaftlichen Interessen der Nickel GmbH zu beachten, sagt Seidler. »Aber es geht eben auch darum, das langfristige Überleben der dort lebenden Tierarten zu gewährleisten.« Auch nach 30 Jahren kämpft Seidler weiter. »Konflikte kann man lösen«, sagt er.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare