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Prächtig herausgeputzt: "Don" und "Ronja". Vorerst sind "offizielle Fahrten" mit der Hochzeitskutsche nicht möglich. FOTOs: PM/ik

Kaltblüter in Wartestellung

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Für Hochzeitspaare wäre dies die Bilderbuchkulisse: Eine Kutschfahrt durch die blühende Frühlingslandschaft, bei Sonnenschein und Sommertemperaturen. Die Fuhrhalterei Damasky in Steinbach hat zwar das vierbeinige Personal für Unternehmungen dieser Art - wegen der Corona-Pandemie können solche Aufträge vorerst nicht angenommen werden.

Im Gießener Land gehören die schweren Zugpferde von Ernst-Jürgen Damasky seit vielen Jahren quasi zum touristischen Inventar. Es ist stets ein großes Hallo, wenn die Kaltblutgespanne der Steinbacher Fuhrhalterei etwa Geburtstagsgesellschaften, Vereine oder Betriebsausflügler zu solch beliebten Zielen wie zur Grüninger Warte, zum Schiffenberg oder rund um Lich und Hungen kutschieren. Bis zu 14 Personen können auf jedem der beiden Planwagen befördert werden. Die bei Rundfahrten wie etwa der "Limes-Tour" programmierte Gaudi bescherte Damasky stets ein gut gefülltes Auftragsbuch. 2020 allerdings ist alles anders.

Als Anbieter von Freizeitaktivitäten, wie das in den behördlichen Vorgaben genannt wird, gibt es für den besonderen Chauffeur-Service des 57-Jährigen in dieser Saison keine Chance: "Eineinhalb oder zwei Meter Abstand halten - wie soll das auf einer Kutsche funktionieren?" Recht hat er. Denn eine solche Distanz einzuhalten, das wäre allein dann nicht möglich, wenn nur ein (Hochzeits-) Paar zu befördern ist. Hinzu kommt, dass die gewohnten Ziele wie der "Hessenbrückenhammer" bei Laubach, "Deutsches Haus" in Hungen oder "Künzell-Max" bei Staufenberg nun ohnehin für das Publikum geschlossen sind. Corona lässt grüßen.

Was Damasky besonders leid tut: Auch die Bewohner des Anneröder Seniorenzentrums müssen auf die Planwagentour verzichten, die für sie einmal im Monat auf dem Programm stand. Damit nicht genug, neben dem Stillstand von Kutsche und Planwagen gibt es für die Fuhrhalterei auf absehbare Zeit wahrscheinlich auch keine öffentlichen Auftritte. Größere Veranstaltungen wie etwa die hessischen Fuhrmannstage in Nieder-Moos, ein Kutschentreffen Ende April, Fahrten bei Brauchtums- und Festumzügen sowie Dorffeste und damit auch landwirtschaftliche Vorführungen werden vermutlich auch abgesagt.

Ernst-Jürgen Damasky hat einen Vollzeitjob als Arbeiter bei der Gemeinde Fernwald. Die Fuhrhalterei betreibt er im Nebenerwerb, da gibt es viel zu tun. Haus und Hof mitten in Steinbach, das Geschäft mit den sechs Kaltblutpferden sowie die mit rund sechs Hektar Grünland nicht eben kleine Landwirtschaft kann er dank Unterstützung aus der Familie gut stemmen.

Wenn Not am Mann ist, springen regelmäßig Sohn Jörn (31) und Carolin Breithaupt (29) ein. Damasky junior ist bei den Licher Stadtwerken beschäftigt, dessen Lebensgefährtin ist als Pflegefachkraft bei der Diakoniestation Pohlheim tätig. Weil beide den "Kutschführerschein A + B" haben, konnten sie bislang in ihrer Freizeit so manchen Fahrauftrag übernehmen. Wer sie zusammen mit den Kaltblütern "Ronja", "Don", "Hannerl", "Liesel", "Fritz" und "Luna" erlebt, weiß, dass auch sie für dieses Geschäft brennen.

Damasky senior möchte die Arbeit mit den vier- bis 13-jährigen Vierbeinern nicht missen. "Wir betreiben die Fuhrhalterei nicht nur aus Spaß. Sondern auch, damit eine Tradition erhalten bleibt", sagt er und weist damit auf ein weiteres Betätigungsfeld seines Nebenerwerbsbetriebes hin: Verstärkt werden die Pferde für Holzrückarbeiten eingesetzt - das hinterlässt im Gegensatz zur Arbeit mit schwerem Gerät kaum nennenswerte Spuren auf dem Waldboden. Im Winter 2019 haben die Damaskys allein für den Eigenbedarf 24 Festmeter Holz auf diese Weise aus dem Wald geholt. "Bei uns müssen sich die Pferde noch selbst bezahlen", sagt Damasky und lacht. Inzwischen überlegt er, diesen Geschäftszweig auszubauen.

Weil Damasky mit seinen Pferden auch die Streuobstwiesen rund um Steinbach pflegt - auch jene im gemeindlichen Besitz - ist "Futter satt" vorhanden: Ihr Heu fahren die Kaltblüter selbst ein. Auch wenn das Ausflugsgeschäft gen Null tendiert - für die Pferde ist gesorgt. Damasky: "Die gehören zur Familie".

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