Gunter Demnig verlegt Stolpersteine in der Altstadt von Lich. FOTO: US
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Gunter Demnig verlegt Stolpersteine in der Altstadt von Lich. FOTO: US

Kaddisch für die Ermordeten

  • Ursula Sommerlad
    vonUrsula Sommerlad
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Sie wurden verfolgt, vertrieben, ermordet. Nun erinnern in der Altstadt von Lich Stolpersteine an 14 jüdische Einwohner. Weitere Gedenkplaketten sollen folgen.

Was bedeutet Deportation?", will Arielle von ihrer Mutter wissen, und sie hört der Erklärung gut zu. Dass Menschen einfach so aus ihrer Wohnung abgeholt werden können, will der Sechsjährigen nicht in den Sinn. "Hat das denn niemand gemerkt?" Arielle stellt die Frage nicht einfach so. Sie gehört zu den Nachfahren der jüdischen Familie Win- decker, die über Generationen in der Oberstadt 60 und der Seelenhofgasse 1 lebten. Sechs Ahnen starben in Minsk und Auschwitz. An sie und weitere verfolgte, vertriebene und ermordetete Juden aus Lich erinnern seit gestern 14 Stolpersteine, die der Künstler Gunter Demnig vor vier Häusern in der Oberstadt und der Seelenhofgasse verlegte. Und das war erst der Anfang: Mit insgesamt 120 Messingplaketten will die AG Stolpersteine den Licher Juden ein Denkmal setzen. Ihre Nachfahren sind dankbar, dass die Namen ihrer vertriebenen und ermordeten Verwandten in deren früherer Heimatstadt einen Platz gefunden haben. "Das gibt ihnen ein Stück ihrer Würde zurück", sagt Myriam, Arielles Mutter, die aus Berlin angereist ist. "Aber ehrlich gesagt: Steine reichen dafür nicht." Und sie weist darauf hin, dass Juden sich auch heute noch - und zunehmend wieder - in Deutschland nicht sicherfühlen können. Deshalb fehlt auf einem Stammbaum der Familie Windecker, den die AG Spurensuche ausgehängt hat, Myrams und Arielles Nachname - sicherheitshalber.

Den Namen nicht vergessen

In 1265 Kommunen Deutschlands und in 21 Ländern Europas hat Gunter Demnig bislang seine Stolpersteine verlegt. Er erinnert an die Opfer der NS-Zeit, indem er vor deren letztem selbst gewählten Wohnort Messingtafeln an-bringt. Der Gedanke, der hinter dieser Kunstaktion steht, stammt aus dem Talmud: "Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist." Die Lebensgeschichte der 14 Licher, denen die ersten Stolpersteine gewidmet sind, riefen Hille Neumann, Ulla Limberger, Barbara Kluge und Karl Starzacher in Erinnerung. Schüler der Dietrich-Bonhoeffer-Schule nannten laut ihre Namen und legten weiße Rosen nieder.

Die 14 Stolpersteine, die Demnig ins Pflaster einließ, erinnern in der Oberstadt 60 an Gustav, Selma und Gertrud Windecker, die nach der Deportation in Minsk ermordet wurden. In Theresienstadt starb Rosa Bamberger, die gemeinsam mit ihrem Sohn in der Oberstadt 26 lebte. Ludwig Bamberger wurde erst in Buchenwald inhaftiert und später im besetzten Polen ermordet.

Die Namen von Eduard, Helene, Inge und Karola Windecker findet man vor dem Haus Seelenhofgasse 1. Nur Karola gelang die Flucht in die USA. Die anderen drei Familienmitglieder wurden in Auschwitz umgebracht. Weitere fünf Stolperstein glänzen im Pflaster vor dem Haus Oberstadt 13. Hier lebte einst die Familie Isaak, deren Kinder Irma und Alfred rechtzeitig in die USA emigrierten. Emil, Sabine und Mathilde Isaak dagegen ließen ihr Leben in Litzmanstadt, wie Lodz unter deutscher Besatzung hieß. Als sie starben, war wohl keiner da, der das jüdische Totengebet für sie hätte sprechen können. Ihr Nachfahre Roger Beaver, der gemeinsam mit seinem Neffen Nathan aus Wales nach Lich gekommen war, erwies ihnen vor weit über hundert Teilnehmenden nachträglich die Ehre. Unter einer blassen Wintersonne erklang mitten in der Licher Altstadt das Kaddisch.

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