Von der Gestaltung des Ortsbildes bis zu Freizeitmöglichkeiten: Viele kommunalpolitische Themen betreffen auch Jugendliche. ARCHIVFOTOS: PM
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Von der Gestaltung des Ortsbildes bis zu Freizeitmöglichkeiten: Viele kommunalpolitische Themen betreffen auch Jugendliche. ARCHIVFOTOS: PM

Die Jugend im Fokus

  • Jonas Wissner
    vonJonas Wissner
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Die Landkreis-Initiative "Jugendgerechte Städte und Gemeinden" soll die Teilhabe Jugendlicher in den Kommunen stärken. Wichtiger Bestandteil ist die Wahl eines "Jugendbeauftragten". Wie ist der aktuelle Stand - und wie soll die Einbindung in der Praxis laufen?

Es geht längst nicht nur um Jugendzentren. Ob bei der Gestaltung von Freiflächen oder der Schaffung bezahlbaren Wohnraums - diese und viele andere kommunalpolitische Themen betreffen auch das Leben Jugendlicher. Kommunen sollen sie "in angemessener Weise beteiligen" und dazu "geeignete Verfahren entwickeln und durchführen", so steht es in der Hessischen Gemeindeordnung. Doch im kommunalpolitischen Alltag finden Jugendliche längst nicht immer Gehör, an der Umsetzung der Beteiligung hapert es vielerorts.

Ein Projekt des Landkreises setzt an dieser Stelle an: Unter dem Stichwort "Jugendgerechte Städte und Gemeinden" können Kommunen eine Kooperation mit dem Kreis schließen. Voraussetzung für die Zusammenarbeit und damit auch projektbezogene Förderung ist die Skizzierung von Zielen und die Benennung eines Jugendbeauftragten. "Zum Abschluss einer Kooperationsvereinbarung kam es bislang noch nicht", äußert sich der Landkreis Gießen auf Anfrage. Das habe wohl teils mit der Pandemie zu tun, außerdem brauche der Diskussions- und Entscheidungsprozess Zeit.

An Interesse an der Kooperation scheint es allerdings nicht zu mangeln: Das zuständige Team Jugendförderung des Landkreises hat das Projekt bislang in Ausschüssen oder Parlamenten in Allendorf (Lumda), Biebertal, Langgöns, Linden, Lollar, Rabenau, Reiskirchen, Staufenberg und Wettenberg vorgestellt. In weiteren Kommunen wurde es laut Kreis thematisiert.

Auch in Buseck steht das Thema auf der Agenda. Am Donnerstag wird es im "Notausschuss" auch um das Programm "Jugendgerechte Kommunen" und die Bestellung eines Jugendbeauftragten gehen, der als Bindeglied zwischen den Belangen Jugendlicher und der Kommunalpolitik vermitteln soll. Norbert Weigelt, Vorsitzender der Gemeindevertretung, würde den Posten kommissarisch bis zur Kommunalwahl übernehmen. Doch auf Dauer, findet er, brauche es dafür eine jüngere Person. Weigelt ist optimistisch, dass sich jemand finden wird - "Hauptsache, es geht jetzt langsam mal los".

Welche Eigenschaften sollte der oder die Jugendbeauftragte mitbringen - in Buseck wie in anderen Kommunen? "Die Person muss an Jugend-Themen interessiert sein", findet Weigelt, einen pädagogischen Hintergrund brauche es aber nicht unbedingt. Weigelt plädiert auch dafür, dass die Person ein polizeiliches Führungszeugnis vorlegt. Zu überlegen sei, ob man den Posten mit einem eigenen Budget ausstattet. Vor allem aber, sagt Weigelt, müsse der oder die Jugendbeauftragte auch über zeitliche Ressourcen verfügen, "es ist ein Ehrenamt, das hinzu kommt".

Immerhin, betont der Busecker Jugendpfleger Andreas Geck, müsse der Busecker Jugendbeauftragte "nicht bei null anfangen", könne auch an bestehende Strukturen andocken. Etwa an den seit über 20 Jahren existierenden Kinder- und Jugendbeirat, ein Erfolgsmodell der Gemeinde. Wichtig findet Geck, dass der Jugendbeauftragte den Jugendlichen "auf Augenhöhe, nicht gönnerhaft" begegnet.

Der Landkreis betont in seiner Antwort, Jugendbeauftragte müssten vor allem auch "im Dienste der Jugend überparteilich agieren". Formelle Rahmenbedingungen wie ein Rede- und Antragsrecht seien sinnvoll. "Wichtiger ist jedoch der Rückhalt aus den kommunalen Gremien."

Die Stadt Staufenberg ist, wie auch Reiskirchen, in Sachen "jugendgerechte Kommune" relativ weit: Im September hat das Parlament Sabine Meller-Moldenhauer zur Jugendbeauftragten gewählt, Peter Müller zu ihrem Stellvertreter. "Ich möchte, dass die Jugend in der Kommunalpolitik vertreten wird, dass das Wort ›Jugend‹ fällt", so Meller-Moldenhauer. Mit Blick auf die Altersstruktur im Parlament sei das umso nötiger.

Wie sie das als Jugendbeauftragte im parlamentarischen Alltag schaffen will, muss sich noch zeigen. Wichtig sei, erst einmal mit möglichst vielen Jugendlichen in Kontakt zu kommen, sich auszutauschen - was unter den aktuellen Corona-Einschränkungen schwierig genug ist. "Ich will zu den Jugendlichen gehen, ohne mich aufzudrängen", sagt die Jugendbeauftragte. Nun steht ihr zufolge ein Treffen mit dem Bürgermeister und der kommunalen Jugendpflege an, um sich weiter auszutauschen. Für die offizielle Teilnahme an dem Programm ist unter anderem ein "Kurzkonzept unter Darstellung realistischer Ziele und Schritte" vorzulegen. "Da sind wir dran", sagt Meller-Moldenhauer.

Ein Bestandteil der noch abzuschließenden Kooperationsvereinbarung ist laut Kreis eine "jährliche Berichterstattung zum Thema Jugend". Meller-Moldenhauer hält das für dringend geboten, um das Thema immer wieder in den Fokus zu rücken. Das Staufenberger Stadtparlament sei nur bedingt über die Projekte der Jugendpflege informiert, so ihr Eindruck. Und bei vielen Debatten, die Jugendliche betreffen, mangle es an Verständnis.

Beim Team Jugendförderung des Kreises ist man optimistisch, dass die Initiative sich langfristig auszahlen wird: Das Thema sei nun in vielen Kommunen ins Bewusstsein gerückt. Weiter heißt es in der Stellungnahme: "Die meisten Verantwortlichen merken darüber hinaus auch selbst, dass zum Beispiel die Parlamente überaltern und es Nachwuchsprobleme gibt. Zum Teil ist das eine Auswirkung des demografischen Wandels. Zum anderen Teil hat man aber immer die Möglichkeit, dies proaktiv anzugehen, indem man auf junge Menschen zugeht und für Mitwirkung wirbt. Dazu gehört aber dann auch die Bereitschaft, Platz für die Jüngeren zu machen."

Was passiert, falls eine kooperierende Kommune ihren Verpflichtungen nicht nachkommt? "Sanktionen in dem Sinne gibt es nicht", äußert sich der Landkreis. "Es ist bewusst eine Selbstverpflichtung, da man niemanden dazu zwingen kann." Wichtig sei vor allem, an dem Thema dran zu bleiben: "Das ist nicht in einem Jahr ›abgearbeitet‹, sondern wird eine dauerhafte Aufgabe sein." Welche konkreten Ergebnisse nach der Anschubphase dabei herauskommen, bleibt abzuwarten.

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