Jubel für die "Götterdämmerung" in Frankfurt

In goldenem Lichte leuchtet der Ring: "Götterdämmerung" setzt den Schlussakkord für die neue Frankfurter Wagner-Tetralogie. Jubel besonders für die Musiker.

Die vier konzentrischen Ringe sind zur kargen kreisförmigen Bühnenfläche geschlossen. Kein mystischer Lichtzauber im Prolog entrückt die Realität, wenn die drei Nornen ihre Seile aufrollen. Die Weltesche gibt es nicht in dieser "Götterdämmerung", vielmehr sind es die erstarrten Götter selbst, die in das blutrote Gespinst einbezogen werden, bis Alberich im goldenen Anzug und unbemerkt von den Schicksalsweberinnen, über die Bühne schleicht, das Messer zückt – und wieder verschwindet: "Das Seil – es riss!" Und am Ende ist es auch der Mann im Glanzanzug, der es mit einem goldenen Lichtblitz als Warnung ins Publikum schreit: "Zurück vom Ring."

Am Sonntag wurde in der Frankfurter Oper Wagners Tetralogie "Der Ring des Nibelungen" mit der Premiere der "Götterdämmerung" abgeschlossen. Damit ist der erste Durchgang einer "Ring"-Produktion geleistet, die im Mai 2010 mit dem "Rheingold" begann. Da standen Aktion, Ironie und Tiefgründiges nebeneinander, und Regisseurin Vera Nemirova hat diese Elemente im Welttheater der "Götterdämmerung" beibehalten. Sie stellt auch Bezüge zu den vorangegangenen "Ring"-Teilen her (so findet sich zu Beginn die mutierte Göttergruppe ähnlich dem Schluss von "Rheingold").

Naturgemäß nimmt das erzählerische Element in den langen Mono- und Dialogen hier breiteren Raum ein, die jedoch dank schauspielerischer Feinheiten keine Längen aufkommen ließen. Die Charaktere sind sinnvoll durchgestaltet bis hin zum tragikomischen Gunther, der in seiner Gegenwärtigkeit sehr gut ankam. Zum Schluss reift er gar zu menschlicher Größe: Er steht dem sterbenden Siegfried bei – und begreift.

Resignation ist fehl am Platz

Manche Ideen dagegen überzeugen nicht: Brünnhilde reißt ihrem falschen Eroberer die Brille vom Gesicht und gibt dann unspektakulär ihren Ring ab; Resignation passt nicht in diese dramaturgisch wichtige Szene. Zur musikalischen Opulenz des Weltenbrandes ("Starke Scheite schichtet mir") ballt sich der Chor zum rotierenden Knäuel mit Lämpchen zusammen, während Brünnhilde ganz vorn im Spot ihren herrlichen Abschiedsmonolog zu singen hat. Das mag ins Konzept passen, nimmt jedoch der Schlussszene Kraft. Witzig und zeitgemäß erscheinen die Rheintöchter in Gummistiefeln, den Glitzerfummel unter Wetterjäckchen, mit ihrer Demo "Rettet den Rhein" in einer Megafon-Pantomime. Sie "fahren" im Schlauchboot auf einem der separat schräg gestellten, rotierenden Ringe.

Held Siegfried, gerade frisch dem Bade und der liebevollen Waschung durch Brünnhilde entstiegen, geht auf Rheinfahrt – im Schlauchboot und in güldenes Licht gehüllt, ein wenig Kitsch darf sein. Brustpanzer und Flügelhelm gehören ebenso zur Ausstattung wie moderne Sport- und Alltagskleidung (Kostüme: Ingeborg Bernerth). In der Lounge der Burgundenresidenz (der Sicherheitstrakt ist mit äugenden Monitoren ausgerüstet) zeigt sich eine Variante der genialen Bühnenkonstruktion von Jens Kilian, die von kosmischen Dimensionen bis zum Bunker alles möglich macht. Nicht zu vergessen die gezielte Lichtregie (Olaf Winter), die mit Andeutungen sowie grellen Akzenten klaren Vorgaben folgt.

Sängerisch überzeugend wie schon im "Siegfried" ist dessen Interpret: Kräftig strahlend, dabei gut geerdet singt Lance Ryan den auch optisch idealen Nibelungen-Recken. Szenisch köstlich doppelbödig, wenn er nach dem Trank des Vergessens zu sich kommt und als erstes Gutrune wahrnimmt, die ihren vollen Busen über dem Bar-Tresen postiert.

Anja Fidelia Ulrich gibt in dieser Rolle ihr gelungenes Debüt. Überzeugend auch das Debüt der Mezzosopranistin Claudia Mahnke als Waltraute. Im Zentrum steht Brünnhilde. Hervorragend gespielt und mit präziser Diktion bewältigt Susan Bullock die große Partie. Ihr Sopran, recht hell und ungleichmäßig in der Tragfähigkeit, überzeugte nicht durchgängig. Johannes Martin Kränzles Gunther gewann zu Recht viel Sympathie beim Publikum, während bei Gregory Frank als Hagen die negative Aura und drohende Schwärze im Bass etwas zu kurz kamen. Ansprechend Jochen Schmeckenbechers Alberich, bestens besetzt die Nornen mit ihren bedeutsam gewichteten Stimmen (Meredith Arwady, Angel Blue, Claudia Mahnke) sowie die Rheintöchter Britta Stallmeister, Jenny Carlstedt und Katharina Magiera.

Unangefochten Spitze die Leistung der Chöre, schlagkräftig in der Einstudierung von Matthias Köhler.

Und vor allem die der Musiker unter Sebastian Weigle, der bei den Streichern seidig nuanciertes Spiel hervorlockte, die dramatischen Steigerungen mit knallharten Eruptionen bestückte, die Bläser herrliche Soli spielen ließ (ein Blechpatzer war schnell vergessen) und insgesamt mit einer höchst dynamischen Klangwelt akustischen Wagner-Zauber produzierte, der für sich allein ein Erlebnis darstellte. Zum abgestuft jubilierenden Schlussbeifall für Protagonisten und Regieteam kam das gesamte Ensemble aus dem Orchestergraben und konnte sich über ein verdientes Ovations-crescendo freuen. Ein "Ring", der auch in diesem Sinne Maßstäbe setzt. Das Anstehen für Karten zu den zyklischen Aufführungen im Sommer hat bereits begonnen.

Olga Lappo-Danilewski

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