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Jeder Sechste hat die Branche verlassen

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Servicekraft händeringend gesucht: Viele Hotels und Gaststätten finden aktuell kein Personal, weil während der Lockdowns ein großer Teil der Beschäftigten die Branche verlassen hat. © pv

Gießen (bf). Supermarktkasse statt Biertheke: Im Zuge der Corona-Pandemie verzeichnen Hotels und Gaststätten im Kreis Gießen eine dramatische Abwanderung von Fachkräften. Innerhalb des vergangenen Jahres haben im Landkreis rund 750 Köche, Servicekräfte und Hotelangestellte dem Gastgewerbe den Rücken gekehrt - das ist jeder sechste Beschäftigte der Branche, wie die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten mitteilt.

Sie beruft sich dabei auf jüngste Zahlen der Arbeitsagentur.

Viele orientieren sich um

Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit beschäftigte das Hotel- und Gaststättengewerbe im Landkreis Gießen zum Jahreswechsel 3708 Menschen. Genau ein Jahr zuvor - vor Ausbruch der Coronavirus-Pandemie - waren es noch 4461. Damit haben innerhalb von zwölf Monaten 17 Prozent der Beschäftigten die Branche verlassen. Angesichts weiterer Lockdowns bis in den Mai hinein dürfte sich der Personalschwund bis heute nochmals zugespitzt haben, befürchtet Andreas Kampmann, Geschäftsführer der NGG-Region Nord-Mittelhessen.

»Viele Menschen schätzen es, nach langen Entbehrungen endlich wieder essen zu gehen oder zu reisen. Aber ausgerechnet in der Sommersaison fehlt einem Großteil der Betriebe schlicht das Personal, um die Gäste bewirten zu können«, so Kampmann.

Für die Lage macht der Gewerkschafter insbesondere die Einkommenseinbußen durch die Kurzarbeit verantwortlich: »Gastro- und Hotel-Beschäftigte arbeiten sowieso meist zu geringen Löhnen. Wenn es dann nur noch das deutlich niedrigere Kurzarbeitergeld gibt, wissen viele nicht, wie sie über die Runden kommen sollen.« Wenn die gut ausgebildeten Fachkräfte in Anwalts- oder Arztpraxen die Büroorganisation übernehmen oder in Supermärkten zwei Euro mehr pro Stunde verdienen als in Hotels und Gaststätten, dürfe es niemanden überraschen, dass sich die Menschen neu orientierten. »Schon vor Corona stand das Gastgewerbe nicht gerade für rosige Arbeitsbedingungen«, kritisiert Kampmann. Unbezahlte Überstunden, ein rauer Umgangston und eine hohe Abbruchquote unter Azubis seien nur einige strukturelle Probleme. »Die Unternehmen haben es über Jahre versäumt, die Arbeit attraktiver zu machen. Das rächt sich jetzt.«

Bedeutung der Tarifverträge

Wirte und Hoteliers hätten nun die Chance, die Branche neu aufzustellen. Zwar seien viele Firmen nach wie vor schwer durch die Pandemie getroffen. Doch wer Fachleute gewinnen wolle, müsse jetzt umdenken und sich »zu armutsfesten Löhnen und besseren Arbeitsbedingungen bekennen«. Dazu seien Tarifverträge unverzichtbar, sagt Kampmann: »Am Ende geht es um einen Kulturwandel. Auch Servicekräfte haben ein Recht darauf, vor dem Dienst zu wissen, wann Feierabend ist. Sie haben Anspruch auf eine anständige Bezahlung - unabhängig vom Trinkgeld. Und auf eine faire Behandlung durch den Chef.«

»Viele Gäste sind durchaus bereit, ein paar Cent mehr für die Tasse Kaffee zu bezahlen - gerade jetzt, wo den Menschen bewusst geworden ist, dass der Besuch im Stammlokal ein entscheidendes Stück Lebensqualität ist«, so der Geschäftsführer.

Die Gewerkschaft NGG verweist zudem auf die umfassenden Finanzhilfen des Staates für angeschlagene Betriebe. So können sich Hotels und Gaststätten im Rahmen der Überbrückungshilfen in diesem Monat bis zu 60 Prozent der Personalkosten bezuschussen lassen, wenn sie Angestellte aus der Kurzarbeit zurückholen (Restart-Prämie). FOTO: NGG

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