+
Kurz vorm Ziel: Auf dem Weg zu seinem Büro bei der BAG in Lich kommt Stadtradelstar Jürgen Quurck auch am Waldschimmbad vorbei.

Jeden Tag zwei Stunden Urlaub

  • schließen

18 Kilometer zur Arbeit radeln, bei Sonne, Regen, Sturm und Schnee: Für Jürgen Quurck ist das ganz normal. Jetzt ist er Stadtradelstar und hofft, dass andere Menschen seinem Beispiel folgen. Wir haben den Wißmarer auf dem Weg zu seiner Arbeitsstätte in Lich begleitet.

Drei Wochen ohne Auto: Für viele Menschen ist das unvorstellbar. Nicht für Jürgen Quurck. Der 57-Jährige ist seit seiner Studienzeit passionierter Radfahrer. Ein eigenes Auto hat er nie besessen. Nur folgerichtig, dass der Wißmarer gleich die Hand gehoben hat, als für das Gießener Stadtradeln Menschen gesucht wurden, die für die Dauer der Kampagne vom 18. Mai bis zum 7. Juni komplett, also auch als Beifahrer, auf Autofahrten verzichten wollen.

Jetzt trägt Quurck den Titel "Stadtradelstar". Obwohl er ja eher ein Landradler ist. Der IT-Spezialist lebt in Wißmar und arbeitet in Lich. Für die 18 Kilometer lange Strecke zwischen Daheim und Büro braucht er normalerweise weniger als eine Stunde, Klamottenwechsel inklusive. Am Mittwoch vergangener Woche dauert die Tour deutlich länger. Das liegt an mir. Ich darf den Stadtradelstar bei der morgendlichen Tour nach Lich begleiten.

Dass ich mit seinem 25er Schnitt beim besten Willen nicht mithalten kann, liegt nicht nur an der Kondition. Ich bin mit einem handelsüblichen Trekkingrad unterwegs. Quurck hingegen biegt mit einem Liegerad um die Ecke, dreirädrig, gut gefedert, geländegängig. Und mit Elektromotor.

Glücklicherweise geht’s erst einmal bergab. Vom Treffpunkt in der Marburger Straße in Gießen radeln wir quer durch Wieseck und über die Straße am Ursulum Richtung Rödgen. Die holprige Panzerstraße bringt uns zur B49 und ins Europaviertel. "Ab hier wird’s schön", sagt mein Begleiter, als wir nach links in den Butterweg einbiegen.

Zum Radfahren hat Quurck als Student gefunden. Für ein Auto war damals kein Geld. Also legte er seine Wege mit dem Rad zurück. Genauer gesagt: Mit dem Rennrad, denn er mag es gerne flott. Irgendwann stieg er aufs Liegerad um. Der Grund: "Ich wollte geradeaus schauen und nicht nur immer mein Vorderrad sehen."

Im innerstädtischen Verkehr gilt das Fahrrad auf Strecken bis fünf Kilometer als schnellstes Verkehrsmittel. Quurck will zeigen, dass es auch für weitere Strecken eine Option sein kann. Die längere Fahrtzeit empfindet er nicht als Manko, im Gegenteil. Er kann die Landschaft so richtig genießen. "Jeden Tag zwei Stunden und das an 200 Arbeitstagen im Jahr, da kommt eine ganze Menge an zusätzlichem Urlaubsgefühl dazu", sagt er. Und Regen? Wird überschätzt, findet er. Richtig nass werde er vielleicht zehnmal im Jahr. In solchen Fällen oder auch, wenn es sehr heiß ist, kann er an seinem Arbeitsplatz bei der BAG duschen.

Mittlerweile haben wir Annerod umrundet und fahren durch die Felder Richtung Steinbach. Vor uns der Kirchturm, rechter Hand saftig grüne Wiesen, dahinter der Lutherberg. "Das ist für mich die schönste Aussicht auf der ganzen Strecke", sagt Quurck, der sich für die Wettenberger Grünen engagiert. Er ist froh, dass der größte Teil der Strecke durch die freie Natur führt und der Stadtverkehr nur einen geringen Anteil ausmacht. "Als Stadtradelstar war ich in letzter Zeit häufiger mal in Gießen unterwegs. Ich kann mir schon vorstellen, dass manche sich da aufregen." Was seiner Meinung nach auch besser sein könnte, ist die Anbindung des Gießener Umlands. "Wenigstens der erste Speckgürtel sollte gut erreichbar sein." Aber es hapere selbst in Wieseck, wo eine Querverbindung durch die Aue nach Gießen fehlt. Entlang der Straße am Ursulum gibt es keinen Radweg.

Quurck selbst ist in dieser Hinsicht eher robust. Ihm macht es nichts aus, auf der Straße zu fahren. Sein geländegängiges Pedelec hat er erst vergangenes Jahr für einen Norwegen-Urlaub angeschafft. Der Vorgänger, ein zweirädriges Liegerad, war für den geschotterten Butterweg nicht geeignet. Also nahm Quurck bis zum Abzweig nach Annerod die B 49. Schlechte Erfahrungen mit Dränglern und Rasern habe er nicht gemacht, erzählt er. Allerdings sei er auch flott unterwegs. "Wenn man da mit 15 km/h bergauf schnauft, ist das vielleicht anders." Unsicher fühlt sich der Wißmarer auf seinem niedrigen Gefährt nicht. Er trägt Helm und, ganz wichtig, er ist gut beleuchtet. "Da habe ich immer das Beste, das gerade auf dem Markt ist."

Eines muss zum Schluss noch klargestellt werden: Der Wißmarer hat selbst nie ein Auto besessen. Seine Frau aber hat eins, und Quurck benutzt es hin und wieder. "Eher für weite Strecken." Und wenn er nicht gerade Stadtradelstar wäre, hätte er wohl auch am Samstag vor den Europawahlen den Pkw mit Material für den Wahlkampfstand beladen. So aber hat er Tapeziertisch, Plakate und Broschüren in den Radanhänger gepackt. War auch kein Problem.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare