sued_jammermobil_300721_4c
+
Hier darf gejammert werden.

Jammern im Bürgerpark

  • Nastasja Akchour-Becker
    VonNastasja Akchour-Becker
    schließen

Zu beklagen gibt es an diesem Tag viel. Das schlechte Wetter und den ständigen Regen zum Beispiel oder die anhaltende Pandemie. Wie gut, dass man am Mittwoch in Lich gemeinsam wehklagen konnte. Denn das Jammermobil hatte Station im Bürgerpark gemacht.

Ich hätte nicht gedacht, dass Jammern so berührend sein kann«, sagt die Dame, die soeben das Jammermobil verlassen hat. Gut fünf Minuten lang war sie im Innern des umgebauten Transporters, hatte auf einem Hocker Platz genommen und das, was ihr dort dargeboten wurde, geschehen lassen.

Also setze auch ich mich hinein und warte darauf, was geschieht. Vor mir stehen hinter einer Glasscheibe zwei Frauen. Die eine blubbert mit einem langen Strohhalm in einem Glas, die andere bewegt sich langsam hin- und her. Beide erinnern in ihrer Aufmachung an eine Mischung aus Stewardess und Dame der Goldenen Zwanziger.

Die eine begrüßt mich und erklärt mir, dass ich am Ort des Jammerns angekommen sei und nun professionelle Unterstützung beim Klagen, Motzen, Meckern, Nörgeln, Greinen, Schimpfen, Wimmern und Beschweren erhalte. So unterschiedlich wie die Synonyme für den Begriff Jammern, so unterschiedliche Gesichter hat auch der Jammer und so verschieden sind auch die Arten des Jammerns, was die beiden Damen mir fortan zeigen.

Zum Schluss darf ich noch einen persönlichen Grund zum Jammern nennen. Nach etwas Zögern fällt mir der Regen ein, der den Tag bisher so nass gemacht hat. Und schon geht es los: »Oh, oh, oh, der Regen! So viel Regen! Ach menno...« Auch ich soll mich anschließen, aber ich kann nicht aufhören zu lachen, es ist zu köstlich, was die beiden Künstlerinnen mir da zeigen.

Wer einmal seinen Frust herauslassen möchte, ist beim Jammermobil, das gerade durch Hessen tourt, genau richtig. Die beiden Performance-Künstlerinnen Sophia Guttenhöfer und Carolin Christa vom Kollektiv Bauchladen Monopol sind davon überzeugt, dass Jammern aus tiefsten Herzen und mit Körpereinsatz ein Segen ist, Mitgefühl weckt und verbindet.

»Es lohnt sich hineinzugehen, weil es ein sehr befreiender Akt ist«, sagt auch Karla Katja Leisen über den Aufenthalt im Bus. »Es hat einen Reinigungseffekt, man durchläuft eine Katharsis.« Sie ist für das Bühnenbild verantwortlich, das an den Surrealismus angelehnt ist, und auch das Mobil verbindet irgendwie das Reale und das Skurrile miteinander. Doch mit dem Aufenthalt im Transporter hat das große Jammern in Lich noch kein Ende gefunden.

Wer dann immer noch seinen Frust rauslassen möchte, der kann an der Klagemauer Zettel hinterlassen oder an einer der drei Schreibmaschinen Worte oder Geschichten des Jammerns tippen. »Sommer 2021 - Scheiß Wetter und wegen Corona geht auch nichts«, kann man da etwa lesen. Oder auch: »Es ist schön, dass ich auf diese Weise meinen Jammer mit der ganzen Welt teilen darf.«

Und ganz Mutige können den Künstlerinnen ein Selfie mit ihrem Lieblingsjammergesicht zuschicken und die Ausstellung damit bereichern.

»So sammeln wir das Jammern von Ort zu Ort und fügen es zusammen«, sagt Karla Katja Leisen, die auch zum Vorstand des Kulturvereins künstLich gehört. »Dafür haben wir auch Audioaufnahmen gemacht, wo Leute sagen, was sie zum Jammern bringt, und wir haben Jammergeräusche aufgenommen.« Hinzu kommen auch Videoaufnahmen von der Tour, so dass am Ende ein Film daraus entstehen kann.

Als die nächste Dame, die zunächst gezögert hatte, das Jammermobil verlässt, sage ich zu ihr: »Es ist gar nicht so schlimm. Man muss nur erstmal einen Grund zum Jammern finden.« »Das ist doch gut, wenn es nichts zu jammern gibt«, entgegnet sie mir - und wir beginnen herzlich zu lachen. Auch das verbindet.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare